Ende des Steinkohlenbergbaus

Was bleibt

Nur noch wenige Wochen, dann geht die Ära des deutschen Steinkohlenbergbaus zu Ende. Dabei geht es längst um sehr viel mehr als nur um Fördermengen. Kompakt erzählt, worauf Kumpel und Gesellschaft stolz sein können. Auch in Zukunft.

Frank Rogner

Niemals vergessen, wo man herkommt, doch immer nach vorne blicken.
06.11.2018
  • Von: Axel Stefan Sonntag
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Einmal Bergmann, immer Bergmann. Das dachte sich Dirk Ptak jedenfalls, als er mit 16 auf Prosper-Haniel seine Lehre begann. 22 Jahre lang waren Kohle und Kumpel sein Leben, unter Tage verantwortete er als Besorger (Materialdisponent) den Elektrobetrieb, über Tage arbeitete er im Magazin (Materialwirtschaft). Krisen im Steinkohlenbergbau hat der heute 44-Jährige kommen und gehen sehen. Aber als 2007 – politisch gewollt – das Ende beschlossene Sache war, bekam er kalte Füße. Zumal exakt zu diesem Zeitpunkt bei den Ptaks Nachwuchs unterwegs war. Doch IG BCE und RAG ließen ihre Leute nicht im Regen stehen – und taten von Anfang an viel, um die Männer in andere Berufe und Branchen zu vermitteln. "Das war letztlich ein eigenes Arbeitsamt auf dem Pütt", blickt Ptak zurück und lobt heute noch: "Jeden Einzelnen von uns nahm man ernst und verschaffte frühzeitig berufliche Alternativen. "Seine war die Berufsfeuerwehr Bottrop, zu der er vor sechs Jahren als Brandmeister und Notfallsanitäter wechselte. "Ich wollte einen Beruf ähnlich wie auf dem Pütt, technisch anspruchsvoll – aber immer mit viel Gemeinschaft", begründet er seine Wahl. Zwar gibt Ptak zu: "Ich hätte nie gewechselt, wenn ich hätte bleiben können. Aber die Kameradschaft hat das wettgemacht. "Inzwischen arbeiten hier knapp 20 ehemalige Kumpel. Einsatzführer Michael Duckheim ist über sie voll des Lobes: "Ein Notfall führte uns einmal zu einer geborstenen Wasserleitung. Die Jungs haben es ohne viel Trara geschafft, die Leitung mit vorhandenem Werkzeug in kürzester Zeit abzudichten. Wir sind stolz, dass wir solche Praktiker im Dienst haben."

Dieses Praxiswissen kommt nicht von ungefähr. Der Bergbau war und ist eine anspruchsvolle Branche, für die es viel Know-how braucht. Bergschulen gaben Kumpel ihr notwendiges Rüstzeug, einige entwickelten sich sogar im Laufe der Zeit zur weltweit anerkannten Hochschule. Aus der 1816 gegründeten Bergschule Bochum entstand die heutige Technische Hochschule Georg Agricola. Der weltweit gute Ruf der TU Clausthal, die einen Masterstudiengang Mining Engineering anbietet, spiegelt sich regelmäßig in vorderen Plätzen bei Rankings wider.

Parallel zur immer anspruchsvoller werdenden Ausbildung investierten die Arbeitgeber in Arbeitssicherheit, lernten aus jedem noch so kleinen Grubenunglück. "Die Zahl von 57,5 Unfällen bezogen auf eine Million Arbeitsstunden im Jahr 1995 sank auf den Rekordwert von 2,3 im Jahr 2017", berichtet Peter Schrimpf, Vorstandsvorsitzender und Personaldirektor der RAG. "Damit liegt der Bergbau trotz des hohen Gefahrenpotenzials teils deutlich unter anderen Industriezweigen."

Obwohl die jetzt noch rund 1.500 Kumpel auf Prosper-Haniel ihre Regelförderung bereits im September beendeten, haben sie bis zum Schluss voll engagiert durchgehalten. "Die Motivation der Mitarbeiter erfüllt mich mit Stolz", sagt RAG-Vorstandsvorsitzender Peter Schrimpf und betont: "Die geplante Förderung wird im Auslaufjahr deutlich übertroffen. Wir werden am Jahresende etwa 100.000 Tonnen mehr als vorgesehen gefördert haben." Doch danach ist nicht Schluss: Die "Ewigkeitsaufgaben" des Steinkohlenbergbaus – vorwiegend die Vorsorge, den Grubenwasserspiegel dauerhaft unterhalb des Grundwasserspiegels zu halten – finanziert die RAG-Stiftung von 2019 an. Stand jetzt kalkulieren die Essener mit rund 220 Millionen Euro jährlich. Verantwortung nahm und nimmt die RAG zudem für durch den Bergbau verursachte Gebäudeschäden. Auch ihrer sozialen Verantwortung wurden die Arbeitgeber immer gerecht. "Im Bergbau ist Sozialpartnerschaft seit der Einführung der Montanmitbestimmung immer gelebt worden. Erst der konstruktive Dialog zwischen Unternehmensführung und Gewerkschaft hat den sozialverträglichen Ausstieg aus der Steinkohlenförderung ermöglicht", so RAG-Vorstandsvorsitzender Peter Schrimpf, der selbst Mitglied in der IG BCE ist.

Dass die Sozialpartner den kompletten Strukturwandel einer Branche ohne betriebsbedingte Kündigungen stemmten, gilt als einmaliger Vorgang in der Bundesrepublik. "Außerhalb des Bergbaus glauben viele, der Personalabbau habe sich schlichtweg ›einfach so‹ über den Vorruhestand ereignet. Das Gegenteil ist der Fall", betont Schrimpf. "Knapp die Hälfte des Personalabbaus in den vergangenen 20 Jahren, also 40.000 Mitarbeiter, wurde dadurch erreicht, dass wir die Menschen auf Stellen außerhalb des Unternehmens vermittelten. Und fast 50.000 Mitarbeiter konnten wir in diesem Zeitraum nach Bergwerkschließungen zu anderen Bergwerken verlegen."

Wie beispielsweise Jörg Himbert. Der Reviersteiger im Abbau zog unmittelbar nach Ende der saarländischen Steinkohlenförderung im Juni 2012 mit einem ganzen Schwung Kollegen nach Ibbenbüren. "Kohle ist Kohle", sagt er nüchtern zum Thema Ortswechsel. Von Anfang an habe die Kameradschaft zwischen Saarländern und Westfalen gestimmt. Kommenden März, mit dann 50, geht er in die Anpassung: Eine Überbrückungshilfe zwischen der politischen Vorgabe, in seinem Job kein Geld mehr verdienen zu dürfen und dem frühestmöglichen Beginn einer Altersrente aus der knappschaftlichen Rentenversicherung. Zurück im Saarland, will sich Himbert für einen Minijob im Bergwerk Saar bewerben, um als Reservist in der Grubenwehr die Wasserhaltung zu kontrollieren. Und verstärkt all seinen zu lange liegen gebliebenen Hobbys – Imkerei und Vereinsleben – nachgehen. "Vor allem aber alte Freundschaften endlich wieder vertiefen", sagt er.

Geselligkeit und Miteinander — das ist Teil der Kumpelkultur. Natürlich: In Hunderten Metern Tiefe muss man sich blind aufeinander verlassen. Das Erstaunliche aber ist, dass sich diese gelebte Solidarität längst nicht nur auf schuftende Männer unter Tage beschränkt. Helga Leonhard beispielsweise war beruflich nie eingefahren, hatte aber dennoch ihr Leben lang mit der Steinkohle zu tun. Angestellt bei der Oberrheinischen Kohleunion, die Ende der 70er-Jahre in der Ruhrkohle aufging, vermittelte sie von ihrem Mannheimer Büro aus Kohlenlieferungen an namhafte Kunden in Süddeutschland – etwa Daimler oder Freudenberg. Sie nahm Aufträge entgegen und überwachte die termingerechte Lieferung. "Wir mussten mit allen Transportmitteln – Straße, Zug, Schiff – jonglieren", blickt sie heute auf so manche Herausforderung zurück. 1973 gründete sich die "Ortsgruppe Ruhrkohle Mannheim" die, weit außerhalb des Reviers, bis heute eine Besonderheit innerhalb der IG BCE ist. Sie hält den Kontakt unter den ehemaligen Verwaltungsangestellten aus dem Südwesten aufrecht. "In einer Zeit, in der die Gesellschaft auseinanderdriftet, erkennt man den Wert dieses Zusammenhalts mehr denn je", ist sich Helga Leonhard mit ihrer Vorstandschaft einig. Die Ortsgruppe sieht sie als eine Institution, "die Gewerkschaft auch für Nichtmitglieder erlebbar macht". Beispielsweise über die bis zu fünf Mal jährlich erscheinende, eigene Zeitschrift sowie die Seminare und Exkursionen mit französischen Gewerkschaftskollegen.

Klaus Rose/picture alliance

Lohnverzicht statt Kündigungen.

Lange Tradition besitzt im Bergbau ebenso die Knappschaft. So hart wie die Arbeitsbedingungen vor Hunderten von Jahren auch waren, 1.260 enthielt bereits die "Goslarer Urkunde" eindeutig den Hinweis auf eine Sozialfürsorge für bedürftige Rammelsberger Bergleute. Wenngleich sie sich damals noch auf die finanzielle Unterstützung von verarmten oder invaliden Bergleuten sowie deren Hinterbliebenen beschränkte. Fakt ist jedoch: In der Geschichte der Knappschaft liegt die Geburtsstunde der Renten- und Krankenversicherung, der ersten Rentenformel und der gemeinsamen Beitragszahlung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Alles Dinge, auf die wir heute stolz sein können.

Durch ihr Engagement für den Bau von Zechenkolonien zum Wohl ihrer Mitglieder wurden die Knappschaften zu Pionieren des sozialen Wohnungsbaus. Vor allem in den Revieren entstanden unzählige Bergarbeiterwohnungen. 1951 verpflichtete die Bundesregierung sogar die Bergbauunternehmen, eine Abgabe von zwei Mark je abgesetzter Tonne Steinkohle zu zahlen, um sie zweckgebunden "zur zusätzlichen Befriedigung des Wohnungsbedarfs der Arbeitnehmer im Kohlebergbau zu verwenden". Ein Großteil dieses so über Jahrzehnte entstandenen Wohnraums, mehr als 120.000 Wohnungen an Rhein und Ruhr, managt heute Vivawest – mit stark sozialem Fokus: "Von 2018 bis 2022 werden wir mehr als 5.000 neue Wohnungen errichten, 20 Prozent davon öffentlich gefördert im preisgebundenen Segment", betont Geschäftsführerin Claudia Goldenbeld. "Wir sind stolz darauf das Unternehmen zu sein, das in NRW die meisten neuen Wohnungen errichtet und leisten damit einen Beitrag, den dringend benötigten Wohnraum auch für weniger gut verdienende Haushalte zu schaffen."

Vivawest und seine Tochtergesellschaften gaben einer Reihe von ehemaligen Bergleuten eine zweite berufliche Heimat. "Rund 100 Kumpel haben wir zum Gärtner im Garten- und Landschaftsbau umgeschult, IHK-Abschluss inklusive", berichtet Jörg Schneidinger, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Vivawest Dienstleistungen. "Mit dem Wechsel sind alle zufrieden, freuen sich über einen relativ sicheren Arbeitsplatz", so Schneidinger.

Auch Benjamin Wilm, einst Steiger, der sich auf Prosper-Haniel zum staatlich geprüften Maschinenbautechniker weiterentwickelte, arbeitet inzwischen bei Vivawest. Für den 36-Jährigen, der heute Bauleiter in der Bestandstechnik ist, "langfristig der beste Schritt, den ich machen konnte." Warten, bis der letzte Tag der Kohleförderung erreicht ist, war für ihn keine Option. Schon 2012 wechselte er in die Wohnungs- branche, arbeite dort sechs Monate lang zur Probe – während die RAG ihm für diese Zeit sein Entgelt weiterbezahlte. Sein Zwei-Jahres-Vertrag wurde vorzeitig entfristet, die Herausforderung neuer Aufgaben nahm er schnell an. Heute plant und koordiniert er, ob und wie sehr Renovierungen nach einem Mieterwechsel nötig sind. "Eine administrative Tätigkeit", sagt er. "Aber durchaus abwechslungsreich. Ich muss oft raus, um mir vor Ort selbst einen Eindruck darüber zu verschaffen, was ansteht." Raus geht es auch oft für Joachim Skrzypczak. Er wohnt in einem ehemaligen Steigerhaus, direkt gegenüber der ehemaligen Schachtanlage Zollverein 6/9. Die steht zwar heute nicht mehr, was aber geblieben ist: Seine Liebe zur Taubenzucht. Sie gehört zu den Kumpel wie Schalke zum Pott. Mit fünf hatte Skrzypczak, der mit 50 in den Vorruhestand ging, seine erste Taube. Heute sind es rund einhundert, während es im Umfeld der ehemaligen Zechen immer weniger werden. "Nach dem Kohle-Aus ein aussterbendes Hobby", gibt er zu. Doch dafür "exportieren" Bergleute wie er inzwischen junge, "gefiederte Rennpferde" bis nach Portugal – zum dortigen Wettkampf gegen die besten Tauben ganz Europas. Ob dann an der Atlantikküste ebenso das Steigerlied erklingt? Möglich, denn "unsere Tauben schicken wir dort natürlich unter ›Team Zollverein‹ an den Start", sagt der 66-Jährige ganz selbstverständlich.

Was wird übrig bleiben von einem jahrhundertealten Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte, von einer Branche, in der einst Hunderttausende Männer ihren Job fanden?

Bis heute gibt es zahllose kleine Gruppen und Vereine, die den Erhalt der Bergbau-DNA sicherstellen wollen. Ob es der Verein für Bergbau-, Industrie und Sozialgeschichte Dorsten ist, der Spaziergänge durch Zechensiedlungen anbietet. Oder der Hammerthaler Knappenverein 1890 aus Witten, der zur Barbarafeier auf Zeche Nachtigall im Bergkittel lädt. Oder die große Initiative "Glückauf Zukunft", die an die Errungenschaften und Leistungen der Branche erinnert und gleichzeitig mit neuen Impulsen die Zukunftsgestaltung in den Bergbauregionen vorantreibt. Die Stadt Bottrop wird eine lebensgroße Bergmannsfigur in der Nähe des Rathauses aufstellen. Das Ibbenbürener Quasi So Theater lädt seit September zum Bergbau-Musical "Schwarzes Gold". Und der WDR stellte bereits ein Virtual-Reality-Projekt ins Netz, der multimedial den Bergbau weiterleben lässt.

Damit aber das größte Erbe des Bergbaus – Solidarität, Kameradschaft und Gleichheit – weiterleben kann, sind wir alle gefragt. Vor allem in diesen politisch und gesellschaftlich herausfordernden Zeiten.

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