Digitale Agenda

Zukunft wagen!

Die Digitalisierung verändert Branchen, Berufe und Arbeitsbedingungen. Was bedeutet das für die Beschäftigten, was für eine Gewerkschaft, die ihre Interessen vertritt? Unter dieser Leitfrage entwickelt die IG BCE derzeit eine digitale Agenda.

Christian Burkert

Zahlreiche Referenten erörterten bei der Auftaktveranstaltung Chancen und Herausforderungen der Transformation der Arbeitswelt.
29.11.2018
  • Von: Daniel Behrendt
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Welche Herausforderungen birgt die digitale Transformation? Was machen Plattformökonomie, Künstliche Intelligenz, Big Data, Automatisierung und zunehmende Transparenz in Produktionsabläufen mit unseren Branchen, Betrieben und Jobs? Wie können Mitbestimmung und Teilhabe im digitalen Zeitalter gesichert werden? Um derartige Fragen zu erörtern, hat in Hannover erstmalig die "Zukunftskommission Digitale Agenda" der IG BCE getagt.

Das rund 35-köpfige Gremium setzt sich aus Gewerkschaftern, Betriebsräten, Vertrauensleuten, Arbeitgebervertretern sowie Experten aus Politik, Wirtschaft und Forschung zusammen und wird in den kommenden zwei Jahren eine Agenda zur digitalen Transformation in Arbeit und Gesellschaft erarbeiten. "Die Digitalisierung wird unsere Gesellschaft tief greifend verändern. Deshalb ist digitale Mitbestimmung eine Grundfrage der Demokratie", sagte der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis zum Auftakt des neuen Formats.

Ziel der Agenda ist es, die Potenziale und Risiken der digitalen Transformation präzise zu beschreiben und sowohl eine Zukunftsvision als auch konkrete Forderungen und Handlungsoptionen aus Sicht der IG BCE zu entwickeln. "Dabei müssen wir fragen, wie sich Solidarität und Wohlstand für alle in der digitalen Gesellschaft stärken lassen und wie wir dafür sorgen können, dass Sicherheit, Teilhabe und persönliche Freiheit für Beschäftigte trotz rapider technologischer Umbrüche in den Betrieben erhalten bleiben", erläuterte der Vorstandssekretär und Projektleiter Thomas Meiers die Kernpunkte der Kommissionsarbeit. Meiers mahnte an: "Niemand darf durch die digitale Transformation durch den Rost fallen, jeder sollte aber an den Chancen, die sich bieten, teilhaben können."

Doch nicht nur das "Big Picture", die umfassende Perspektive auf den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft, wird die Kommission beschäftigen. Auch der Blick nach innen, in die Organisation, steht auf der Agenda – mit dem Ziel, das Profil der IG BCE als kompetente, chancenorientierte und gestaltungsfähige Kraft in der Digitalisierung zu schärfen. Zu einer solchen "digitalen Gewerkschaft" gehört Naheliegendes, wie der zielgruppengerechte Einsatz digitaler Kommunikationskanäle: Internet, Social Media, Mitglieder-Apps und personalisierte Inhalte.

Aber auch in die Tiefe gewerkschaftlicher Identität führende Fragen von eher politisch-strategischer Natur sollen erörtert werden: Inwieweit verändern sich durch die Digitalisierung Ansprüche – sowohl der Beschäftigten als auch der Unternehmen? Verändert die Digitalisierung die Spielregeln für den Interessenausgleich? Wird das Modell der Sozialpartnerschaft auch zukünftig tragen?

Christian Burkert

IG-BCE-Vorstand Francesco Grioli: "In dieser tief greifenden Transformation müssen wir vorweggehen: Damit die Beschäftigten zu einer treibenden Kraft des digitalen Wandels werden."

Konkret und drängend sind manche dieser Fragen schon heute. Bestes Beispiel: Der jüngste Tarifabschluss für die chemische Industrie. Neben einem dicken Plus im Portemonnaie der Beschäftigten brachten die Verhandlungen viele offene Fragen, die jetzt von den Tarifpartnern in kleinen Arbeitsgruppen bearbeitet werden. Fragen, die sich ohne die Digitalisierung wohl nicht in dieser Deutlichkeit stellen würden – und das Tarifgeschäft um Forderungen bereichern, die weit über Materielles hinausgehen. So geht es in der Tarifvereinbarung "Roadmap Arbeit 4.0" unter anderem darum, Wege zu finden, die Beschäftigten künftig stärker zu entlasten (Arbeitszeitsouveränität), sie für immer schneller steigende berufliche Anforderungen zu rüsten (Qualifizierung und Fortbildung) und Berufsbilder um digitale Kompetenzen zu erweitern und ihre Attraktivität zu stärken, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

IG-BCE-Vorstand Francesco Grioli, verantwortlich für Digitalthemen, macht klar, wie der Anspruch der Kommission lauten muss: "In dieser tief greifenden Transformation müssen wir vorweggehen: Damit die Beschäftigten zu einer treibenden Kraft des digitalen Wandels werden, anstatt sich von ihm treiben zu lassen." Eine entscheidende Voraussetzung sei dabei, die Digitalisierung nicht nur durch die Effizienzbrille zu betrachten – also als Instrument der Rationalisierung –, sondern den "Faktor Mensch" in den Mittelpunkt zu stellen: "Deutschlands Industrie ist nicht zuletzt durch ihre hoch qualifizierten Fachkräfte wirtschaftlich bärenstark. Deshalb braucht eine gelingende Digitalisierung nicht nur Investitionen in neue Technologien, sondern vor allem in Menschen und gute Arbeitsbedingungen."

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