Interview Ferdinand Dudenhöffer

"Die Branche ist in Bewegung gekommen"

Ferdinand Dudenhöffer über das Umdenken nach dem Diesel-Skandal, den Wandel der Mobilitätsbranche und die Zukunftsperspektiven der Zulieferindustrie.

Paul Zinken/picture alliance

Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer
27.09.2017
  • Von: Lars Ruzic
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Herr Dudenhöffer, wir erreichen Sie gerade auf der IAA in Frankfurt. Was ist Ihr erster Eindruck? Wie weit schwenken die deutschen Autobauer schon auf Elektromobilität um?

Viele der neuen Modelle spiegeln das noch nicht wider, aber eine Entwicklung ist erkennbar. Viele Konzerne haben in Frankfurt große Elektro-Offensiven für die nächsten Jahre angekündigt, teils mit Investitionssummen im zweistelligen Milliardenbereich. Im Nachhinein könnten sich der Diesel-Skandal bei Volkswagen und die in der Folge aufgedeckten Tricksereien anderer Hersteller sogar als Glücksfall für die Branche erweisen. Denn dadurch ist sie in Bewegung gekommen. Man hat den Eindruck: Sie hat verstanden. Sie weiß, dass sie das Thema Elektromobilität besetzen muss, und zwar schnell. Nicht, weil Deutschland plötzlich über Stickoxide diskutiert. Sondern weil auf einem internationalen Markt nach dem anderen derzeit ganz konkret über den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor nachgedacht wird.

Für wann rechnen Sie mit dem Durchbruch elektrischer Antriebe auf dem Massenmarkt?

Womöglich wird sich das nach Ländern unterschiedlich gestalten– abhängig vom Ausmaß der jeweiligen gesetzlichen Vorgaben. In Norwegen ist E-Mobilität schon Alltag, in China rechnet man für 2020 damit, dass jeder achte Neuwagen elektrisch angetrieben wird. Norwegen will schon 2025 aus dem Verbrennungsmotor aussteigen, Frankreich und Großbritannien diskutieren das für 2040. Und selbst China hat angekündigt, dass man ein Ausstiegsdatum festlegen wird. Letzteres wird die Autobauer besonders beeindrucken: China ist nicht nur der größte Automarkt der Welt, dort werden solche Vorgaben bekanntlich auch ohne umfangreiche politische Debatten festgelegt. Umso rätselhafter ist es, dass Deutschland den Diesel auch weiterhin fröhlich fördern will. Dass dieses Land bei der E-Mobilität so schwer aus den Startlöchern kommt, liegt nicht allein an der Industrie. Mindestens ebenso groß ist die Schuld der Politik. Eine Wirtschaft ist immer nur so gut wie die Regeln, nach denen sie arbeitet.

Ist der Rückstand denn noch aufzuholen?

Ich glaube schon, das zeigen auch die vielen Investitions- und Fahrzeugprojekte hier in Frankfurt. Die deutschen Autobauer sind nicht immer die Schnellsten. Aber wenn sie in Gang kommen, dann gewaltig. Volkswagen hat beispielsweise angekündigt, Batteriezellen für 50 Milliarden Euro einkaufen zu wollen. Das entspricht dem Zehnfachen der Kapazität von Teslas "Giga-Factory".

Das Beispiel zeigt aber auch, dass die deutschen Hersteller offenbar nicht bereit sind, die Batterien selbst herzustellen. Dabei sind sie so wichtig für die Wertschöpfung der Autos der Zukunft. Ist dieser Zug abgefahren?

Ich fürchte, wir kriegen es nicht hin. Dafür haben uns andere beim Know-how längst abgehängt. Und die Produktion hierzulande wäre auch viel zu teuer, schon allein wegen unserer hohen Energiekosten. Allerdings wird die Branche wohl nicht bei den heutigen Lithium-Ionen-Akkus stehen bleiben. Mit neuen Technologien werden die Karten neu gemischt.

Elektroautos benötigen wesentlich weniger Komponenten als Modelle mit Verbrennungsmotor. Welche Folgen hat das für die Hunderttausende Menschen, die in der Zulieferindustrie beschäftigt sind?

Hier haben wir ein Problem, keine Frage. Wenn sich die Zulieferer, die heute allein am Verbrennungsmotor hängen, keine Ausweichstrategien überlegen, sehe ich schwarz. Denn die Autos der Zukunft werden nicht nur viele Komponenten nicht mehr brauchen, sie werden auch deutlich mehr Software und IT beinhalten. Denkbar wäre für die Zulieferer, ein zweites Standbein im Bereich dieser automobilen "New Economy" aufzubauen. Aber leicht wird das nicht.

Womit sollen die vielen neuen E-Autos eigentlich angetrieben werden? Ihr Bau und ihr Betrieb ist ja alles andere als CO2-neutral.

Wir stehen ja erst am Anfang der Entwicklung. Wirklich klimaschonend sind nur Elektroautos, die mit Strom aus regenerativen Quellen fahren. Auch hier wird der Wandel ein längerer Prozess sein. Und die Umweltfreundlichkeit von Batterien lässt sich durch intelligente Recyclingkonzepte verbessern – übrigens ein interessantes Geschäftsfeld für Zulieferer.

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