AGR-Gruppe

Ofenmenü à la carte

Haus- und Industrieabfälle sind kein Problem für das RZR in Herten. Alles wird emissionsarm verbrannt. Nebenbei produziert die Anlage Fernwärme und Strom.

Frank Rogner

René Wenzel wirft einen Blick in den Hausmüllofen. René Wenzel wirft einen Blick in den Hausmüllofen.
23.12.2016
  • Von: Alexander Reupke
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Ein sechsarmiger Greifer nähert sich einem riesigen Haufen Abfall; er wühlt sich hinein und schnappt zu. Thorben Baumgart blickt konzentriert von oben auf den Greifarm, den er von seinem Drehstuhl aus steuert. Baumgart ist Kranführer in der Müllverbrennungsanlage RZR Herten im Ruhrgebiet. Es ist seine Aufgabe, den Haus- und Gewerbeabfall in Trichter zu werfen, die zu den Öfen führen. "Die Kranführer stellen sozusagen ein Menü für den Ofen zusammen", sagt Bernd Seidel, Betriebsratsvorsitzender des RZR. Damit die Anlage gut läuft, muss die Zusammensetzung stimmen.

Im anderen Teil des Bunkers schichtet ein zweiter von der Decke hängender Greifer den Abfall um. Beide Greifer können sich vor und zurück oder nach rechts und links bewegen. So erreichen sie jede Ecke des gewaltigen Bunkers. 30 Meter geht es vom Kranführer aus gesehen abwärts; 100 Meter sind es von einem bis zum anderen Tor. Montags bis freitags erfolgt die Anlieferung des Mülls per Lkw aus weiten Teilen des Ruhrgebiets.

Anders als man erwartet, liegt kein strenger Geruch in der Luft – weder im Arbeitsraum der Kranführer, den eine Glasscheibe vom Bunker trennt, noch rund um die Anlage. Der Grund ist einfach: "Der Bunker ist abgedichtet und es herrscht Unterdruck", sagt Baumgart.

Je näher es in Richtung der nebenstehenden Sonderabfall-Verbrennungsöfen geht, desto heißer wird es. Genauer gesagt ist die Außenwandtemperatur des Drehrohrs 430 Grad heiß. Das hat Kesselwärter Peter Kadzimirsz mit seinem Lasermessgerät punktgenau an der Außenseite des runden, zwölf Meter langen Drehrohrofens ermittelt. Das in Längsrichtung leicht geneigte drei Meter breite Ofenrohr dreht sich gleichmäßig und befördert den brennenden Abfall so in Richtung Rohrende. Damit keine Gase entweichen, sind die Öfen fest verschlossen.

Frank Rogner

Kesselwärter Peter Kadzimirsz ermittelt die Außenwandtemperatur des Drehrohrofens. Kesselwärter Peter Kadzimirsz ermittelt die Außenwandtemperatur des Drehrohrofens.

Materialien, die im Ofen ausgebrannt sind, fallen am Rohrende nach unten in ein Wasserbad und kühlen ab. Über ein im Wasser liegendes Förderband gelangt die sogenannte Schlacke in Container. Bei der Hausmüllschlacke können einige Teile aussortiert werden, etwa Eisen, Aluminium, Kupfer und Messing. Die restliche Schlacke wird auf Deponien als Baustoff eingesetzt.

In den beiden Drehrohröfen wird Sondermüll, etwa Krankenhausabfall, verbrannt. Die im Ofen verbliebenen Gase bewegen sich langsam in Richtung Rauchgasreinigungsanlage, wo die Schadstoffe mithilfe mehrerer Filter abgespalten werden. "Die letzte Sicherung ist unser sogenannter Polizeifilter", sagt Seidel, der seit 15 Jahren  im Betriebsrat ist und selbst in der Nähe der Anlage wohnt. "Für alles, was bis dahin noch nicht gereinigt wurde, ist dort Endstation. Denn wir legen den größten Wert auf Umweltschutz und Arbeitssicherheit."

Manfred Mandel nickt. Der 59-Jährige ist als Fachkraft für Brandschutz und Arbeitssicherheit zuständig für die vorbeugende Brandbekämpfung. Seit 36 Jahren engagiert er sich zudem bei der freiwilligen Feuerwehr. Regelmäßig überprüft er alle Feuerlöscher sowie die fest installierte Schaumlöschanlage, die mit 5000 Litern Schaum jeden Brand im Keim ersticken soll. Pro Schicht müssen mindestens ein Brandmeister, wie Mandel einer ist, und vier Feuerwehrleute anwesend sein.

Frank Rogner

Manfred Mandel entleert einen alten Feuerlöscher und befüllt ihn mit neuem Pulver. Manfred Mandel entleert einen alten Feuerlöscher und befüllt ihn mit neuem Pulver.

Hauptaufgabe des RZR ist die emissionsarme Müllverbrennung; nebenbei erzeugt die Anlage Fernwärme für ein Industriegebiet und versorgt rund 70 000 Haushalte mit Strom. Damit das alles an 365 Tagen reibungslos klappt, wachen drei sogenannte Operateure in der Schaltwarte über die gesamte Anlage. Auf Dutzenden Bildschirmen kontrollieren sie die Öfen. Kleinere Fehlermeldungen beheben die Operateure selbst, etwa indem sie ein verstopftes Rohr durchspülen. Sobald Teile kaputt gehen, müssen die Techniker vor Ort ran. Rund um die Uhr kann auf eine Rufbereitschaft zurückgegriffen werden. "Das schlaucht besonders die älteren Kollegen", sagt Seidel. Deshalb gebe es ab 55 Jahren keine Rufbereitschaft mehr.

Aber das RZR nimmt alle zwei Jahre sechs Auszubildende auf, die in der Regel übernommen werden. "Wir bilden immer bedarfsorientiert aus", sagt Seidel. Er selbst ist ein Urgestein des RZR, das 1982 den Betrieb aufnahm. Damals, als die Anlage noch Rohstoff-Rückgewinnungs-Zentrum Ruhr hieß, nahm Seidel kurz vor Weihnachten an der ersten Frühschicht teil.

Der Erste Operateur, René Wenzel, macht sich von der Schaltwarte aus auf zum Kontrollgang. Vor dem Hausmüllofen bleibt er stehen und öffnet die Klappe einer doppelt verglasten Sichtluke. Die Flammen spiegeln sich in seinem Visier. "Alles okay", sagt der 31-Jährige und setzt seinen Rundgang fort.

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