Linde-Aktionstag

Wir wollen nicht verschachert werden

Europaweit haben am Donnerstag Menschen gegen die geplante Fusion von Linde mit dem US-Gaskonzern Praxair protestiert. Die größte Aktion in Deutschland fand in München statt. Dort harrten 1200 Mitarbeiter des Dax-Konzerns im Regen aus, um sich gegen die befürchtete Vernichtung von Arbeitsplätzen zu wehren.

Melissa Bungartz

28.04.2017
  • Von: Andrea Mertes
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Dunkle Wolken und eisiger Regen können sie nicht aufhalten: 1200 Demonstranten sind am Donnerstag zur Linde-Zentrale in bester Münchner Innenstadtlage gekommen. Es sind doppelt so viele, wie die Organisatoren erwartet hatten. Schulter an Schulter stehen Lindeaner aus den Münchner Standorten Pullach, Unter- und Oberschleißheim sowie der Münchner Zentrale und halten Plakate hoch: „Linde ist not a deal“, steht auf vielen. Mit den Beschäftigten solidarisieren sich an diesem Tag Mitarbeiter großer Münchner Betriebe: Von BMW, Nokia oder Wacker Chemie sind sie herbeigeeilt, um „Nein“ zu sagen zu dieser Fusion.

Sie alle treibt die Sorge um, welche Veränderungen die geplante Verschmelzung von Linde mit dem US-Gas-Konzern Paxair mit sich bringt. „Den Abbau tausender Arbeitsplätze werden wir nicht einfach so hinnehmen“, ruft Andrea Ries, Linde-Betriebsratsvorsitzende aus Unterschleißheim, den Demonstranten von der Bühne zu. Sie ist deutlich empört, wie Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle den Verkauf über die Köpfe der Belegschaft, des Aufsichtsrats und der Aktionäre vorantreibt: „Wir wollen nicht verschachtert werden!“

Die Protestierenden vor dem Haupteingang des Linde-Verwaltungsbaus zücken bei diesen Worten rote Karten und halten sie nach oben. Sie pfeifen, sie rattern, sie buhen. An die von Reitzle propagierte „Fusion unter Gleichen“ glaubt hier niemand. Die Linde-Mitarbeiter fürchten um ihr Unternehmen. Sie haben Angst um ihre Arbeitsplätze, um Mitbestimmungsrechte und um die Zukunft der Münchner Traditionsfirma. „Wenn der Konzern übernommen wird, verändert sich die Unternehmenskultur zu 100 Prozent“, meint etwa Beate Rospert, IG-BCE-Betriebsrätin eines Pharma-Betriebs und Mitglied des IG-BCE-Bezirksvorstandes aus dem benachbarten Penzberg.

Melissa Bungartz

Beate Rospert, IG BCE-Bezirksvorstand

Sie ist heute gekommen, um den Linde-Beschäftigen Unterstützung zu signalisieren. „Mitbestimmung wird in den USA mit anderen Augen gesehen und gilt nicht soviel wie bei uns. Das sehe ich als große Gefahr.“

In den anderthalb Stunden der Kundgebung betonen viele den drohenden Verlust der bisherigen Unternehmenskultur. Etwa Dieter Wahl, Beschäftigter am Linde-Standort Pullach. Er ist selbst kein IG-BCE-Mitglied, schwenkt die weiße Fahne mit der roten Schrift an diesem Tag aber solidarisch: „Früher war Linde ein Unternehmen, in dem die Mitarbeiter geachtet wurden“, erinnert er. „Ich will nicht, dass sich das ändert.“

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Dieter Wahl

Ähnlich sieht es Katja Krinner, die sich in Pullach seit zwölf Jahren als Betriebsrätin engagiert: „Als ich vor 16 Jahren bei Linde anfing, war das Betriebsklima sehr familiär. Seit einiger Zeit wächst der Druck auf die Mitarbeiter.“ Mit der Fusion, so fürchtet die IG-BCE-Gewerkschafterin, wird es nicht nur zu enormen Entlassungen kommen, sondern auch zu einer massiven Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für alle, die bleiben: „Es darf aber nicht nur die Rendite zählen.“

Melissa Bungartz

Katja Krinner

Um Geld muss sich das Unternehmen sowieso keine Sorgen machen, erinnert Michael Kipp. „Linde hat 27 Prozent Rendite erwirtschaftet“, ruft der Betriebsratsvorsitzende vom Standort Pullach bei seinem Auftritt auf der Bühne ins Publikum. Angesichts solcher Zahlen fordert er vom Aufsichtsrat mehr soziales Engagement: „Wir brauchen keine amerikanische Gewinnmaximierungsmaschine und die Fusion zweier unterschiedlicher Unternehmenskulturen, die sich womöglich jahrelang bekriegen. Die Mitarbeiter wollen diesen Weg nicht mitgehen.“

Am Rand der Kundgebung steht Gerhard Henrikus und nickt. Anders als viele der Anwesenden trägt er keine rote Gewerkschaftsmütze und auch keine Warnweste, sondern dezentes Büro-Outfit. Der Datenschutzbeauftragte vom Linde-Standort-Pullach ist Ombudsmann der Schwerbehinderten im Konzern.

Melissa Bungartz

Gerhard Henrikus
Sein soziales Engagement hat ihn vor Jahren zur IG BCE geführt. Seit 1988 ist er bei Linde beschäftigt, fühlt sich dem Unternehmen verbunden. Doch für die Fusion fehlt ihm das Verständnis: „Ich erhoffe mir von diesem Aktionstag ein Nachdenken unserer Führung. Entscheidungen, die Linde für die Zukunft trifft, müssen für alle Stakeholder sinnvoll sein. Und dazu zählen nicht nur die Aktionäre. Sondern auch wir, die Mitarbeiter.“

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