Zukunftsindustrie Globalfoundries

Chance für Chips

Halbleiter sind das Herz für komplexe Systeme: Sie stecken in der Medizintechnik, der Industrie- und Automobilelektronik, der mobilen Kommunikation und der Datenverar­beitung sowieso. Einer der Großen auf diesem Markt ist Globalfoundries mit einer Niederlassung in Dresden. Dort werden Wafer produziert, dünne Siliziumscheiben – Ausgangsprodukt für Mikroprozessoren und andere Bausteine.

Globalfoundries Dresden

Cleanroom Dresden Globalfoundries Modernste Arbeitsplätze im Reinraum bei Globalfoundries in Dresden. Grundstoff der Zukunftstechnologie ist Silizium.
20.06.2014
  • Von: Jörg Nierzwicki

Nach der Übernahme 2009 durch den Investor ATIC des Emirates von Abu Dhabi entstand Europas größtes Halbleiterwerk. 2011 wählten die 3700 Beschäftigten einen Betriebsrat, den als Vorsitzender Ralf Adam leitet. Betriebsbedingte Kündigungen in der Restrukturierungsphase wurden verhindert. Egbert Biermann, im geschäftsführenden Hauptvorstand der IG BCE zuständig für den Arbeitsmarkt, und der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, schätzen nach einem Gespräch in Dresden die Chancen hoch ein, diese Zukunftstechnologie in Deutschland zu halten und Arbeitsplätze zu sichern.

Das „Internet der Dinge“, hochentwickelte Medizintechnik, autonome intelligente Systeme in der Produktion, selbstfahrende Autos, elektronische Helferlein in der Kleidung oder die Welt der Kommunikation am Handgelenk: Die Zukunft der Arbeit basiert auf den Grundprodukten der Halbleitertechnik. Wo heute noch ein oft belächelter Staubsauger autonom durchs Wohnzimmer schnurrt, reichen beispielsweise bei intelligenten Systemen die in naher Zukunft realisierbaren Ideen bis hin zu Assistenzsystemen für ältere Menschen. In den USA wurde bereits jetzt ein Exoskelett für Querschnittsgelähmte zugelassen. Nach einer Übungszeit können die Patienten mit dem motorisierten Außenskelett Bewegungsprogramme wie Sitzen, Stehen, Gehen oder Treppensteigen bewältigen.

Enorm kapitalintensiv

Um solche hochspeziellen Anwendungen realisieren zu können, sind immense Kosten für die Entwicklung und Produktion zu schultern. Die Fertigung der integrierten Schaltkreise auf Halbleiterscheiben (sogenannten Wafern) ist aufgrund der hohen technischen Anforderungen enorm kapitalintensiv. In Dresden wurden seit 1996 rund zehn Milliarden Dollar investiert. Der Betrieb ist ebenso aufwändig und nur bei guter Auslastung rentabel. Das Geschäftsmodell einer „Foundry“ ermöglicht so auch kleineren Unternehmen, die die Grundprodukte nicht selbst herstellen können, hochspezialisierte und konkurrenzfähige Schaltungen zu entwickeln.

Wo früher der Hersteller AMD Halbleiterstrukturen in 45 Nanometer-Technologie nur für Endverbraucher-PC fertigte, produziert Globalfoundries nun Wafer mit Anwendungen von 45 bis 28 Nanometer für viele Kunden und Endmärkte. Künftig ist eine weitere Diversifikation geplant. Globalfoundries-Pressesprecher Jens Drews zeigte Egbert Biermann und Frank-Jürgen Weise eine dramatische Entwicklung dieses Marktes auf. Je spezieller die Technik, desto weniger Generalisten bleiben am Markt. Beim nächsten Meilenstein, der 22/20-Nanometergeneration wird nur noch mit Intel, Samsung und IBM gerechnet – bei 130 Nm waren es noch 22 Firmen. Die Marktmacht der Foundries hingegen bleibt ungebrochen – und Drews sieht sein Unternehmen weltweit auf Platz zwei.

„Jeder zweite Chip in Europa kommt mittlerweile aus Dresden“, sagt Jens Drews. Mitarbeiter aus 54 Nationen arbeiten hier zusammen, ein Drittel hat einen Hochschulabschluss. Um auch die hochqualifizierten Arbeitsplätze der Techniker in der Reinraumproduktion erhalten und ausbauen zu können, braucht es jedoch weitere Investitionen. Hier ist sich die Politik in Europa und Deutschland augenscheinlich noch nicht ganz der Bedürfnisse einer künftigen Industriegesellschaft klar. Bundeskanzlerin Merkel überlegt zusammen mit Sachsens Ministerpräsident Tillich noch, ob eine Förderung hier eventuell eine verbotene Beihilfe wäre oder ob man sich die Frage stellen müsse, was Europa will, um diesen Technologiewandel zu verstehen und eigenständig handlungsfähig zu bleiben.

Wichtig für die Industriepolitik

Hier bezieht IG-BCE-Arbeitsmarkt-Experte Egbert Biermann eindeutig Stellung: „Für die Industriepolitik ist es wichtig, einen solchen Hersteller in Deutschland zu haben!“ Mikroelektronik ist die Basis für neue, höchstentwickelte industrielle Prozesse, treibt Innovationen und schafft neue Produkte und setzt Standards für die Zukunft der Arbeit. Neelie Kroes, bisherige Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, hat die Zeichen der Zeit erkannt und plant einen „Airbus der Chips“, ein Programm, das Europa einen Anteil von 20 Prozent der Weltproduktion in diesem Sektor sichern soll. 2012 waren es gerade mal 5,7 Prozent, Tendenz sinkend.

Die Fördermittel des Programms ‚Electronic Components and Systems for European Leadership‘ (ECSEL) in Höhe von 5 Mrd. Euro in den nächsten sieben Jahren sollen zu 1,2 Mrd. Euro von der EU und ebenfalls zu 1,2 Mrd. Euro von den einzelnen Staaten kommen. Dieser Betrag soll mindestens nochmal um die gleiche Summe von privaten Investoren aufgestockt werden. Industrie, Hochschulen und Institute wollen in den kommenden Jahren gemeinsam die Nanoelektronik, Embedded Systems und Cyber-Physical-Systems sowie Sensor-basierte Smart Systems weiterentwickeln. Die Vorhaben werden von der Grundlagenforschung bis zur Pilotentwicklung reichen und bilden die technologische Basis für gesellschaftlich wichtige Themen wie Gesundheit, Energie, Sicherheit oder auch Infrastruktur und Produktion.

Neelie Kroes beurteilte etwa den Einsatz von Fördermitteln in der Mikro- und Nanoelektronik anhand des Standortes Dresden schon 2012 positiv: Öffentliche Förderung und Subventionen für die Regionalentwicklung hätten sich bereits in fünffacher Höhe über Steuern und Abgaben bezahlt gemacht. BA-Chef Weise kommentierte die Pläne im Sinne Kroes‘: „Die EU legt gut vor, wir müssen nur aufpassen, dass die Ideen nicht von Partikularinteressen kleingehäckselt werden!“

Ausgliederung der IT stoppen

Nach all den Turbulenzen seit Gründung des Standortes scheinen so die hochspezialisierten Arbeitsplätze in Sachsen gesichert zu sein. Die IG BCE hat mit ihrem Betriebsrat ihren Anteil beigetragen. „Wir haben nicht nur die Kündigungen während der Restrukturierungsphase verhindert, sondern auch dafür gesorgt, dass Extraschichten im Schichtbetrieb bezahlt werden und Vertrauensarbeitszeit in Vertrauensgleitzeit umgewandelt wurde“, sagte Betriebsratsvorsitzender Ralf Adam.

Als nächstes wichtiges Ziel beschrieb Adam die Verhinderung der Ausgliederung der IT-Abteilung (wurde Anfang Juli erreicht) und das Thema Leiharbeit: „Wir wollen, dass den Mitarbeitern ein Übernahmeangebot unterbreitet wird.“ Verbindliche Regelungen zur Teilzeit sollen folgen. „Perspektivisch wollen wir einen Tarifvertrag und transparente Lohngestaltung erreichen – und dazu weitere Mitglieder gewinnen“, blickte der BR-Vorsitzende in die Zukunft. Zudem verfügt der Standort über zwei eigene 20-Megawatt-Kraftwerke für die Luftreinhaltung und Kühlung der Reinräume. Im Zusammenhang mit der Erneuerbaren-Energien-Debatte ebenfalls ein IG-BCE-Thema: Eigenstrom muss von der EEG-Umlage ausgenommen werden.

„Wichtig für Europa ist, dass wir den Sprung zur Industrie 4.0 mitmachen können“, fasste Egbert Biermann seine Eindrücke zusammen. „Dann wird die Frage wichtig sein: Findet die industrielle Produktion dort statt, wo die Chips hergestellt werden?“



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