Drei Generationen im selben Betrieb

Familienbande

Es gibt sie noch: Mehrere Familiengenerationen im selben Betrieb. Sie sind der Ruhepol in einer Arbeitswelt, in der Menschen für den Beruf immer öfter umziehen und den Job wechseln. Was lässt junge Auszubildende den Weg der Eltern beschreiten? Worin liegt der Charme dieser Konstanz? Eine Spurensuche.

Daniel Pilar

04.07.2018
  • Von: Isabel Niesmann
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Betrieb und Heimatort: Für Familie Meier, Familie Glade und Familie Grieger gehört das untrennbar zusammen. Die großen Betriebe haben den Ort und seine Menschen geprägt. Und der Arbeitsplatz bedeutet nicht nur Arbeit, sondern damit verbunden ist ein Gefühl von Nähe und Verbundenheit. Dazu gehört, dass Vater und Sohn im Firmenschwimmbad das Seepferdchen gemacht haben. Oder, dass man vom Küchenfenster auf das Werktor schauen kann. Und dazu gehört auch oft, dass alle drei Generationen unter einem Dach wohnen.

Zu Bayer zu gehören – das ist Familie Glade wichtig. Schon als Kind identifizierten sich Jürgen (46) und Richard (18) mit dem Betrieb. Jürgen besuchte seinen Vater oft mit dem Fahrrad auf der Arbeit und Richard malte sich als Sechsjähriger schon seinen eigenen Werkausweis, weil Vater und Großvater eben auch einen hatten. Und das berühmte Bayer-Kreuz, das Logo des Unternehmens, begleitet sie seit jeher. „Beim Tag der offenen Tür, bei Rundfahrten durch das Werk und bei der großen 150-jährigen Jubiläumsfeier 2013 habe ich früh den Arbeitsplatz meines Vaters kennengelernt“, erinnert sich Richard. „Und es ist leicht, sich damit zu identifizieren“, findet Jürgen. Schließlich forsche man bei Bayer unter anderem an Krebsmedikamenten und fast jeder habe auch ein Bayer-Produkt zu Hause.

Großvater Horst (81) absolvierte zunächst auf der Bundeswehrfachschule in Mainz die Ausbildung zum Verwaltungsfachwirt und war anschließend mehrere Jahre bei der Heimatkompanie der Panzerartillerie in der Pfalz stationiert. Aber weil es ihn in seine Heimat in Nordrhein- Westfalen zurückzog, bewarb er sich bei Bayer im Werkschutz. „Ich habe mich in der Pfalz nie richtig zu Hause gefühlt. Die haben alle so merkwürdig gesprochen. Und Bayer bot einen sicheren Arbeitsplatz mit gutem Geld“, erklärt Horst, der bis zu seinem Renteneintritt 1999 im Betrieb blieb.

Deshalb riet er seinem Sohn Jürgen, der sich für Ausbildungen bei verschiedenen Firmen beworben hatte: „Warte, bis die Rückmeldung von Bayer kommt.“ Genau das machte Jürgen: „Die Nähe, die Reputation und die guten Tariflöhne waren ausschlaggebend für meine Entscheidung, bei Bayer die Ausbildung zum Elektroniker anzutreten“, so Jürgen, der seit 2006 als freigestelltes Betriebsratsmitglied arbeitet. „Ich bin Betriebsrat geworden, weil man eine Menge Gestaltungsmöglichkeiten hat und im Rahmen der Mitbestimmung positiven Einfluss auf die Entwicklung des Betriebes für alle nehmen kann.“

Die gleichen Gründe wie seinen Vater überzeugten auch seinen Sohn Richard, der im vergangenen Jahr seine Ausbildung zum Industriekaufmann begann. „Als nach meinem Fachabitur die Zusage von Bayer kam, war klar, dass ich dahin gehe. Ich hatte schon so viel Positives gehört“, sagt Richard.

„Aber ich habe mir den Beruf ausgesucht und nicht die Firma“, betont der 18-Jährige. „Mein Vater konnte mir zu Beginn meiner Ausbildung viel helfen und erklären, wie das bei Bayer alles so abläuft.“ Das habe den Anfang erheblich erleichtert. Viele wüssten aber gar nicht, dass die beiden verwandt seien. „Im Arbeitsalltag ist das ja auch egal“, so Richard.

Michael Bader

In dritter Generation bei Bayer: Richard (18), Horst (81) und Jürgen (46) Glade aus Dormagen.

 Nur in der Mittagspause besucht Richard manchmal seinen Vater. Und bei Familienfeiern, beim Abendessen oder beim Grillen kommt das Thema Bayer immer wieder automatisch auf. „Das geht gar nicht anders“, so Jürgen, auch weil Schwager und Schwiegervater auch noch bei Bayer arbeiten und in Dormagen alle drei Glade-Generationen zusammen unter einem Dach wohnen.

Vor allem der Wandel im Betrieb wird bei den Glades diskutiert: „In den vergangenen 15 Jahren gab es bei Bayer so viele Veränderungen wie in den 135 Jahren davor nicht“, so Jürgen mit Blick auf die zahlreichen Abspaltungen und Verkäufe wie Lanxess oder Covestro. „Da blutet mir als Betriebsratsmitglied das Herz.“ Das Zugehörigkeitsgefühl zu Bayer bleibt trotzdem bestehen – und geht über das Arbeiten hinaus. „Mein Vater und ich haben beide im Bayer-Schwimmbad unser Seepferdchen gemacht“, erzählt Richard. Außerdem bietet der TSV Bayer Dormagen, der als Betriebssportverein gegründet wurde, direkt neben dem Betriebsgelände ein breites Sportangebot an. Jürgen betrieb dort in seiner Jugend Leichtathletik, sein Sohn spielte Basketball und trainierte Judo. „Sport in Bayer- Leibchen mit dem Bayer-Kreuz – das hat uns sehr geprägt“, betont Jürgen. Das gilt auch für den Fußballverein Bayer 04 Leverkusen. Die beiden Bayer-Fans Richard und Jürgen nehmen Horst manchmal mit zu den Spielen. Und wenn sie dann im Trikot unter dem großen Kreuz stehen, dann fühlt es sich wie Familie an.

Nach der Schule muss man sich entscheiden: Ausbildung oder Studium? Bleiben oder weggehen? Bei Manuela Grieger (57) war das anders: „Eigentlich stand ich nicht vor der Wahl. Ich habe nie darüber nachgedacht.“ Friseurin wollte sie nicht werden, Verkäuferin auch nicht und ein Schreibtischjob kam nicht infrage. „Chemikantin war etwas Vernünftiges. Man verdient gutes Geld, dachte ich mir. Und außerdem direkt vor der Haustür. Das war damals ganz normal.“ So begann die 57-Jährige 1976 ihre Ausbildung zur Chemikantin in den Leuna-Werken, die nach ihrem Heimatort benannt sind. Damit trat sie in die Fußstapfen ihrer Eltern, die beide dort arbeiteten. Die Entscheidung war eine pragmatisch-vernünftige Entscheidung, aber bei Familie Grieger hängt da auch ganz viel Herzblut dran. Denn die Infraleuna, wie sie heute heißt, gibt ihnen seit Generationen Stabilität und finanzielle Sicherheit. Die Leuna-Werke waren der größte Chemiestandort der DDR. 1990 waren 30 000 Mitarbeiter dort tätig – heute sind es noch rund 10 000 am Standort, davon etwa 700 bei der Infraleuna. Durch Umstrukturierungen, Schließungen, Zersplitterungen und Verschmelzungen hat sich der Standort gewandelt und daraus entstand letztendlich 1996 die Infraleuna.

Frank Rogner

Eng verbunden mit der Infraleuna: Nicole (31), Manuela (57), Ingeborg (75) und Mario (32)
Grieger.

Bevor Manuelas Mutter Ingeborg (75) und ihr Mann Paul hier anfingen, arbeiteten sie in der Landwirtschaft. Weil die Bezahlung schlecht war, musste Ingeborg nebenbei putzen, damit es überhaupt ausreichte. Als der damalige volkseigene Betrieb Leuna-Werke, die heutige Infraleuna, damals Mitarbeiter suchte, zog die Familie um und Ingeborg und ihr Mann fanden Arbeit in der Kohle. Vater, Mutter, Sohn und Tochter teilten sich anfangs eine Dreiraum-Woh- nung mit einer weiteren Familie. „Es waren erst keine guten Umstände“, erinnert sich Ingeborg. „Dann wurde es besser.“

Diese Zeit hat Enkelsohn Mario (32) nicht miterlebt. Als er nach dem Abitur keinen konkreten Plan hatte, schlug seine Mutter ihm das duale Wirtschaftsingenieur- Studium bei Infraleuna vor. „Ich wollte, dass mein Sohn etwas macht, von dem man leben kann“, so Manuela. Und Mario sagt: „Ich hab‘s nicht bereut.“ Die Infraleuna hat ihm nicht nur beruflich, sondern auch privat Glück gebracht. Er begegnete seiner zukünftigen Frau Nicole (31) im Betrieb.

Nicole ist im Entsorgungsmanagement tätig, Mario arbeitet im Einkauf und seine Mutter Manuela hat in diesem Jahr den Vorsitz des Betriebsrats übernommen. Manuela sagt: „Ich habe schon immer gern anderen geholfen und habe 1990 meine Chance ergriffen und bin in den Betriebsrat gegangen, weil ich mitgestalten wollte.“

Nachteile am gemeinsamen Arbeiten sieht die Familie nicht. „Manchmal werden Telefonate falsch weitergeleitet. Manchmal gibt es E-Mail-Verwirrungen „, lacht Nicole. Kein Wunder, wenn so viele Griegers bei Infraleuna arbeiten. Aber abgesehen davon gibt es keine Probleme. „Echt cool“ sei es zusammenzuarbeiten und zusammenzuleben. „Viele Familien wünschen sich das so, aber nur wenige können es realisieren“, unterstreicht Manuela. „Für uns ist das ein Riesenglücksfall.“

Beim Zusammenarbeiten hört es aber nicht auf: Gegenseitige Unterstützung wird bei Familie Grieger großgeschrieben. Manuela und ihr Mann Andreas wohnen mit Ingeborg in einem Haus. „Klar, das ist anstrengend und manchmal kracht es auch, aber es ist auch sehr schön.“ Mithilfe der ganzen Familie sanieren Mario und Nicole ihr Haus ein paar Straßen weiter. „Wir halten zusammen. Die Familie ist der wichtigste Rückzugsort und Ruhepool“, sagt Manuela.

Leuna ist nicht nur Chemiestandort, sondern auch Heimat für Familie Grieger. In den 1980er-Jahren zog die Familie kurz nach Halle-Neustadt, aber gefallen hat es ihnen dort nicht. „Es hat uns immer wieder nach Leuna gezogen“, so Manuela. Und einen Grund wegzuziehen, den gibt es für die Griegers nicht. Leipzig ist nah, die Bahnverbindung gut und die Wege in Leuna sind kurz. 500 Meter Luftlinie und somit keine fünf Minuten Fußweg sind es zur Arbeit.

Fünf Generationen und fast 100 Jahre verbinden Familie Göbel und Meier aus Philippsthal inzwischen mit Kali und Salz (heute: K+S). 100 Jahre Familien- und Firmengeschichte, die eng miteinander verknüpft sind. Das beweist das Arbeitsbuch, das Manfred Göbel von seinem Großvater aufbewahrt hat. Das Papier ist leicht vergilbt, die altdeutsche Schrift etwas ungewohnt zu lesen, das zeugt von langer Familientradition. Früher war es Pflicht, das Arbeitsbuch dem Arbeitgeber bei der Einstellung vorzulegen. Heinrich Göbel begann am 2. September 1919 im Werk Hattorf der Kaliwerke Aschersleben als „Hauer“ in der Kali- und Salzförderung zu arbeiten. 1945 fing auch sein Sohn dort an; und 18 Jahre später dessen Sohn, Manfred Göbel.

Als der 69-Jährige im Alter von 14 Jahren bei der Salzdetfurth AG, der späteren K+S, die Lehre zum Schlosser begann, war noch vieles anders: „90 DM im Monat haben wir im ersten Lehrjahr verdient. Das war viel damals.“ Mittlerweile ist er seit 15 Jahren im Ruhestand.

Daniel Pilar

Dennis (26), Justin (21), Uwe (55), Tanja (50) und Manfred (81) – die ganze Familie Meier und Göbel arbeitet oder arbeitete bei K+S.

Dafür arbeiten heute seine Tochter Tanja Meier (50), sein Sohn, sein Schwiegersohn und seine beiden Enkel bei K+S. Geplant war das nicht. Es hat sich eher immer so ergeben, wie bei Manfreds Tochter Tanja, die eigentlich unbedingt Pferdewirtin werden wollte. „Aber meine Eltern haben darauf bestanden, dass ich erst etwas ›Vernünftiges‹ lerne.“ Deshalb absolvierte sie 1984 die Ausbildung zur Industriekauffrau und ist heute froh über diese Entscheidung. Ihr Mann Uwe (55) arbeitet ebenfalls seit 1980 bei K+S als Schlosser.

Die vierköpfige Familie wohnt in einem Haus mit großem Garten, Opa Manfred direkt nebenan. Die Meiers sind heimatverbunden – und ein dominierender Teil davon sind die Kali-Werke und ihre 4400 Mitarbeiter. Die weiße Abraumhalde des Kaliwerkes sieht man schon von Weitem. Der Ort liegt in Hessen, direkt an der Grenze zu Thüringen. Vor Ort ist K+S der größte Arbeitgeber. Wer nicht dort oder in einem der umliegenden Kreise arbeitet, der muss lange pendeln, nach Fulda, Kassel oder Frankfurt.

Auch ein Grund, warum Dennis Meier (26) vor zehn Jahren seine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker dort aufnahm. „Ich wollte schon immer was mit Autos und Reparieren machen. Aber weil die Zusage von K+S relativ spät kam, hatte ich erst schon einem anderen Ausbildungsbetrieb zugesagt.“ Die Nähe zum Wohnhaus jedoch war schließlich ausschlaggebend. „Vom Küchenfenster konnte ich meinen Ausbildungsplatz sehen. Es wäre Quatsch gewesen, woanders hinzugehen“, sagt Dennis.

„Total ungeplant“ kam sein jüngerer Bruder Justin (21) zu K+S. Eigentlich hatte er die gymnasiale Oberstufe beenden wollen. Als ihm aber Elektrotechnik in der Schule so viel Spaß machte, entschied er sich gegen das Fachabitur und schickte einen Tag vor dem Ende des Bewerbungsschlusses doch noch eine Bewerbung an K+S – und war sofort erfolgreich. „Das habe ich nie bereut“, so der ausgelernte Elektroniker.

Bei all der Einigkeit und Ähnlichkeiten gibt es auch Unterschiede: Unter Tage zu arbeiten, das ist nicht für jeden etwas, da ist die Familie gespalten. Genauso wie bei der Wahl des Verkehrsmittels zur Arbeit: Auto, Fahrrad oder Roller. Egal, mit welchem Gefährt – länger als 15 Minuten braucht keiner von ihnen für den Weg zur Arbeit, auch wenn alle an unterschiedlichen Standorten und Schächten beschäftigt sind. Eins aber eint sie: Sie sind dankbar und stolz darauf, bei K+S zu arbeiten, denn die Sozialleistungen und Arbeitsbedingungen, die mit Betriebsräten und IG BCE ausgehandelt wurden, sind gut.

Vieles hat sich in der Zwischenzeit verändert: „Wir sind früher alles gelaufen, stellenweise fünf Kilometer, nur weil man einen Schraubenzieher vergessen hatte“, erinnert sich Manfred an seine Zeit unter Tage. Das ist heute anders. Die drei Generationen haben das Bergwerk in verschiedenen Phasen kennengelernt. Die Arbeitswelt wandelt sich und damit die Berufsbilder. Der Arbeitgeber Dennis (26), Justin (21), Uwe (55), Tanja (50) und Manfred (81) – die ganze Familie Meier und Göbel arbeitet oder arbeitete bei K+S. K+S aber bleibt bei Familie Meier und Göbel.

Und der ist auch am Abendbrottisch oft Thema. „Bei Gesprächen heißt es ganz oft „unsere Kali“. Das ist einfach so“, sagt Tanja. Nicht nur in der Familie, sondern auch in der Nachbarschaft und bei vielen Freunden. Uwe ergänzt: „Nach ein paar Minuten wird über Kali gesprochen, weil eben auch viele Freunde und Bekannte dort arbeiten.“

Drei Generationen in einem Betrieb – das ist selten geworden. Aber auch in einer sich schnell wandelnden Arbeitswelt zeigen diese Familien, dass ihr Modell der Konstanz und des Zusammenhalts Zukunft hat. Das gilt auch für ihr gewerkschaftliches Engagement: Denn so selbstverständlich die Infraleuna, Bayer und K+S zum Leben der Familien Meier und Göbel, Glade und Grieger gehören, so selbstverständlich war und ist für sie die Mitgliedschaft in der IG BCE. „Das gibt in der heutigen, sich schnell verändernden Zeit Sicherheit und Vertrauen“, findet Jürgen Glade. Manuela Grieger unterstreicht: „Gemeinsam sind wir stärker. Austausch und Hilfestellung untereinander erleichtern das Leben.“ Denn eines ist für sie alle klar: „Ihre“ IG BCE stehe für Solidarität, Sicherheit und Zusammenhalt. Genau wie die Familie.

 

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