Altersvorsorge

Macht die Rente stark

Das Niveau der gesetzlichen Rente sinkt, viele fragen sich, ob sie im Alter ihren Lebensstandard halten können. Die Rentenpolitik braucht eine Neuausrichtung. Die staatliche Rente darf nicht noch schmaler werden. Und: Die betriebliche Altersvorsorge muss dringend ausgebaut werden. Dafür setzt sich die IG BCE bei der Bundesregierung ein.

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Absicherung im Alter: Die IG BCE setzt sich für eine Stärkung der betrieblichen Altersvorsorge ein. Absicherung im Alter: Die IG BCE setzt sich für eine Stärkung der betrieblichen Altersvorsorge ein.
30.08.2016
  • Von: Bernd Kupilas
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Die gesetzliche Rente? Hans-Jürgen Brinkmann atmet schwer durch. "Wenn ich das sehe ...", sagt der Betriebsrat bei Oxea in Oberhausen und denkt an die Rentenbescheide, die gerade Kolleginnen und Kollegen mit niedrigen Verdiensten erwarten dürfen. "Teilweise kommen da Renten heraus, die liegen unter 1000 Euro." Für ihn ist klar: "Da müssen wir was machen."

Das Thema Rente bewegt Millionen von Arbeitnehmern in Deutschland. Seit Jahren ist das Niveau der gesetzlichen Rente nach und nach gesunken. Mittlerweile bekommen Arbeitnehmer nach einem arbeitsreichen Leben noch knapp 48 Prozent ihres Verdienstes als Rente. Und die Rente soll noch weniger werden, auf 43 Prozent. "Das bereitet vielen Menschen Sorgen", sagt Eckehard Linnemann, Rentenexperte bei der IG BCE.

Politisch war die schrumpfende Rente durchaus gewollt. Die Menschen werden älter, lautete die Argumentation, als vor 15 Jahren eine große Rentenreform ihren Anfang nahm. Die Jüngeren werden aufgrund des demografischen Wandels weniger, sie dürfen mit hohen Beiträgen nicht überlastet werden, hieß es.

"Wir müssen jetzt in der Rentenpolitik energisch umsteuern."

Insgesamt sollte das System für die Zukunft gesichert werden. Ein fairer Ausgleich zwischen den Generationen war geplant. Um die entstehende Finanzlücke im Alter zu schließen, sollten die Beschäftigten selbst mehr vorsorgen: durch eigene, private Altersvorsorge. Das sollte die Riester-Rente schaffen.

"Das war alles durchaus richtig", sagt Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE. Den demografischen Wandel anzufassen, war nötig, erklärt er. Aber mittlerweile habe die gesetzliche Rente ein Niveau erreicht, das Anlass zur Besorgnis gebe. Zumal sich gezeigt habe: Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer könnten die Lücke gar nicht schließen und die Riester-Rente ist nicht der durchschlagende Erfolg geworden, den sich die Politiker versprochen hatten. Vassiliadis: "Wir müssen jetzt in der Rentenpolitik energisch umsteuern."

Die gesetzliche Rente darf nicht noch weiter schrumpfen, fordert Vassiliadis. Und: Die Rente braucht neben der gesetzlichen und der privaten Absicherung eine weitere Säule – eine, die stabil steht und möglichst alle Arbeitnehmer im Alter stützt: die betriebliche Altersvorsorge. Also eine Vorsorge, die der Arbeitgeber möglichst auf der Basis von Tarifverträgen exklusiv seinen Beschäftigten anbietet und in die beide gemeinsam einzahlen. Und die eine ordentliche Rendite erwirtschaftet, von denen die Arbeitnehmer dann im Alter profitieren.

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Ein Leben lang gearbeitet, doch reicht das auch für eine gute Rente? Ein Leben lang gearbeitet, doch reicht das auch für eine gute Rente? Die Bundesregierung muss die Alterssicherung jetzt zukunftsfest machen.

Viele Arbeitnehmer können sich auf eine solche Säule bereits verlassen – zum Glück. "Bei uns muss sich keiner um seine Zukunft Sorgen machen", sagt Detlef Rennings, Betriebsrat bei Currenta in Uerdingen. Die Beschäftigten dort zahlen in die Bayer-Pensionskasse ein. "Wer lange genug dabei war, geht mit einer guten Rente in den Ruhestand." Die betriebliche Säule sorgt dafür, dass Beschäftigte neben der gesetzlichen Rente eine Betriebsrente erhalten, die je nach Betriebszugehörigkeit eine Höhe von bis zu drei Viertel der gesetzlichen Rente erreichen kann. So lässt sich die Rentenlücke schließen.

Solche Pensionskassen sind in vielen Branchen im Bereich der IG BCE üblich, gerade in der Großchemie funktionieren sie seit Jahrzehnten gut. Rund 80 Prozent der Beschäftigten in der Chemie-Industrie profitieren von irgendeiner Form von betrieblicher Altersvorsorge. Allerdings fällt anders als in den Großunternehmen der Chemie-Industrie die Betriebsrente bei vielen Beschäftigten ziemlich mager aus. Im Schnitt liegt die Betriebsrente aktuell bei 200 bis 300 Euro.

Wünschenswert wäre nach Ansicht der IG BCE, diesen Wert auch zukünftig zumindest sicherzustellen oder – besser – zu erhöhen. Um dies zu erreichen, sollten jährlich 1200 bis 1500 Euro über mindestens 30 Jahre angespart werden. Anders gerechnet: Für jeden Beschäftigten sollten mindestens 100 Euro pro Monat in eine betriebliche Rentenvorsorge fließen.

"In Kleinunternehmen ist es viel schwerer, eine Betriebsrente durchzusetzen."

Problematisch wird es vor allem in kleineren und mittleren Unternehmen. Damit auch sie ihren Beschäftigten eine betriebliche Vorsorge anbieten können, schufen IG BCE und Chemie-Arbeitgeber schon 2002 den ChemiePensionsfonds. Denn leider gehen gerade in kleineren Unternehmen manche Beschäftigte ganz ohne betriebliche Zusatzrente in den Ruhestand. Und dass, obwohl jeder Beschäftigte einen Anspruch darauf hat, dass ihm der Arbeitgeber eine betriebliche Altersversorgung anbietet.

Jörg Ulrich weiß davon ein Lied zu singen. Er ist Betriebsratsvorsitzender beim Glashersteller Müller + Müller in Holzminden mit 130 Beschäftigten. "In Kleinunternehmen ist es viel schwerer, eine Betriebsrente durchzusetzen", erzählt er.

Das fängt schon damit an, dass er bei den Beschäftigten Überzeugungsarbeit leisten muss. "Altersarmut findet ja bei den Leuten im Kopf nicht statt." Ulrich hat das Thema grundsätzlich angepackt. Weil er in der Tarifkommission der IG BCE für die Glasindustrie sitzt, weiß er um die segensreiche Wirkung von Tarifverträgen.

Gemeinsam mit weiteren Betriebsräten und der IG BCE ergriff er die Initiative. Ergebnis: Jetzt bekommen Beschäftigte in der Glasindustrie per Tarifvertrag eine Einmalzahlung von 480 Euro im Jahr, die sie in eine betriebliche Altersvorsorge einzahlen können. Tun sie das, leitet der Arbeitgeber zusätzlich seine eingesparten Sozialversicherungsbeiträge an die Beschäftigten weiter. Dieser Anreiz soll möglichst viele Beschäftigte in eine betriebliche Altersvorsorge locken.

Das Thema Rente per Tarifvertrag anfassen – das ist die grundsätzliche Marschrichtung, mit der die IG BCE in die derzeitigen Rentengespräche in Berlin geht. Dort hat Arbeitsministerin Andrea Nahles einen Rentendialog gestartet. Eines der Ziele: mehr Gewicht und Durchschlagskraft für die betriebliche Altersvorsorge. Das ist möglich, sagt IG-BCE-Rentenexperte Eckehard Linnemann. »Aber dazu muss den Tarifparteien künftig eine stärkere Rolle zugedacht werden«, sagt er. Die IG BCE hat dazu eine ganze Reihe von Ideen nach Berlin mitgebracht.

Einige Beispiele:

  • Regelungen zur Betriebsrente könnten künftig "tarifexklusiv" gelten. Nur tarifgebundene Unternehmen würden so von gewissen Anreizen profitieren.
  • Ein Sozialpartner-Modell würde dafür sorgen, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf der Basis von Tarifverträgen die wichtigen Dinge selber regeln – nah an den Interessen der Beschäftigten. So ließen sich auch am ehesten Probleme lösen, die sich zum Beispiel bei den Pensionskassen auftun. Sie ächzen unter den niedrigen Zinsen.
  • Mehr Mitbestimmung: Betriebsräte sollen mitentscheiden können, in welche Form von Betriebsrente das Geld fließen soll.
  • Wegweisende Tarifverträge zur Betriebsrente könnten für allgemein verbindlich erklärt werden – also auch bindend sein für Unternehmen außerhalb des Tarifvertrags. So würden gute Regelungen auch mehr Beschäftigte in kleineren Unternehmen erreichen. Dazu müssen die Arbeitgeberverbände aber ihre Blockadehaltung aufgeben – oder vom Gesetzgeber zur Aufgabe der Blockade gezwungen werden.
  • Vorschriften für die Betriebsrente müssen einfacher werden. Gerade Betriebsräte in kleineren Unternehmen sind mit dem Wust an komplizierten gesetzlichen Regeln überfordert.
  • Die Riester-Rente muss attraktiver und verbraucherfreundlicher werden und auch für die Betriebsrente besser genutzt werden können.
  • Per Tarifvertrag könnte eine betriebliche Rente auch für obligatorisch erklärt werden. Arbeitnehmer würden dann automatisch in die Vorsorge aufgenommen, es sei denn, sie erklären ausdrücklich, dass sie keine betriebliche Absicherung wollen.

Dringend nötig ist eine Offensive bei der Betriebsrente allemal, da sind sich Betriebsräte der IG BCE einig. "Wir wollen nicht, dass die Beschäftigten am Ende des Lebens in Altersarmut rutschen", sagt Betriebsrat Ulrich, "deshalb müssen wir handeln."

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Ob Azubi oder Meister: Jung und Alt profitieren von einer betrieblichen Altersvorsorge, wie sie der ChemiePensionsfond bietet. Ob Azubi oder Meister: Jung und Alt profitieren von einer betrieblichen Altersvorsorge, wie sie der ChemiePensionsfond bietet.

Der ChemiePensionsfond

Betriebliche Altersvorsorge hat in der chemischen Industrie eine gute und lange Tradition: Rund 80 Prozent der rund 550¿000 Beschäftigten dort sind auf die eine oder andere Weise betrieblich zusätzlich fürs Alter abgesichert.

In den Unternehmen der Großchemie profitieren die Beschäftigten seit jeher von den betrieblichen Pensionskassen. Und für alle anderen Unternehmen schuf die IG BCE gemeinsam mit den Arbeitgebern schon im Jahr 2002 den ChemiePensionsfonds – eine Vorsorge nicht nur für die Beschäftigten einzelner Unternehmen, sondern gleich für eine ganze Branche. Unternehmen, für die eine eigene Pensionskasse viel zu aufwendig wäre, können ihre Beschäftigten über den Pensionsfonds zusätzlich betrieblich versichern.

Das Ziel war es, vor allem kleinere und mittlere Unternehmen zu erreichen. "Das ist uns gelungen", sagt Michael Mostert, Tarifexperte bei der IG BCE. Mittlerweile sind rund 100¿000 Beschäftigte aus etwa 600 Unternehmen über den ChemiePensionsfonds zusätzlich abgesichert – er ist deutschlandweit der größte überbetriebliche Branchen-Pensionsfonds.

Die Arbeitnehmer profitieren in der Chemie-Industrie von einer speziellen Tarifförderung. Pro Jahr zahlt der Arbeitgeber 613,55 Euro in den Chemie-Pensionsfonds (oder eine andere Art der betrieblichen Vorsorge).

Arbeitnehmer können diesen Beitrag aufstocken. Für jede weitere 100 Euro, die sie einzahlen, legt der Arbeitgeber noch einmal 13 Euro drauf. Nicht nur Beschäftigte der Chemie können diese Form der betrieblichen Altersvorsorge nutzen. Arbeitnehmer aller Branchen aus dem Organisationsbereich der IG BCE können profitieren, wenn das Unternehmen Mitglied im ChemiePensionsfonds wird. Ansprechpartner ist der Betriebsrat vor Ort.

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Bürgerversicherung ist die Rettung.....

Bernd Borkowski 12.10.2016 11:13 Uhr

Ihr Beitrag geht am wahren Problem in der GRV leider vorbei. Der wahre Grund, daß die GRV einer sozial-humanitären Katastrophe entgegensteuert, ist die Entnahme von Geldern aus der Rentenkasse für allgemeine Staatsaufgaben, ohne sie genügend aus Steuermitteln auszugleichen. Etwa ein Drittel aller lebenslang geleisteten Beiträge, werden an Personen ausgezahlt, die keine Beiträge an die GRV geleistet haben. Ab 1958 sind so ca. 750 Milliarden Euro zweckentfremdet worden. Forderung: aus der GRV dürfen nur noch Beitragszahler bedient werden. Siehe Österreich, hier werden doppelt so hohe Durchschnittsrenten bezahlt. Da bedient sich auch nicht die Politik aus der Rentenkasse. Im übrigen hat der DGB bei den Schröderreformen auch stillgehalten, bis auf einige, die dann von der SPD zu den Linken gewechselt sind. Für mich ist eine Bürgerversicherung, wo alle einzahlen Beamte, Politiker, und Selbstständige, die einzige Möglichkeit um wieder eine solidarische Gemeinschaft zu werden. Im übrigen auch in der Krankenversicherung, weg mit der Zweiklassengesellschaft, privat Versicherte und gesetzlich Versicherte. Freundliche Grüsse Bernd Borkowski

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