FAQ Crowdworking

Digitale Ausbeutung oder Zukunft der Arbeit?

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt gravierend. Unternehmen lagern Arbeiten zunehmend in die so genannte „Crowd“ aus. Der Begriff steht für die Masse an Menschen, die weltweit Jobs für Auftraggeber am anderen Ende des Globus am Bildschirm erledigen, vermittelt durch Plattformen im Netz. Doch wie genau läuft das ab und wie wirkt sich das auf die Arbeitnehmer aus? Wir geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.

niyazz/Fotolia

Die Digitalisierung bringt neue Formen des Arbeitens mit sich. Die Digitalisierung bringt neue Formen des Arbeitens mit sich.
10.07.2015
  • Von: Sigrid Thomsen

Was ist Crowd-Work?

Crowd ist das englische Wort für Menschenmasse; Crowdwork ist digitale Arbeit, die von einer anonymen Menge von Menschen getan wird. Anonym, weil die Aufgabe nicht an eine bestimmte Person vergeben wird, sondern als offener Auftrag an eine anonyme Masse von potentiellen Bearbeitern. Sie tun ihren jeweiligen Teil der Arbeit an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten vom Computer aus und bekommen den Auftrag über Ausschreibungen oder Vermittler. Es gibt einige Variationen mit dem Wort „Crowd“: Externes Crowdsourcing ist aus der Perspektive der Auftraggeber eine Spielart von Outsourcing; die Arbeit wird ausgelagert, nur nicht ins Ausland, sondern an die Menge der Internetnutzer in der Welt. Über Crowdfunding lässt sich Geld für Projekte sammeln, durch Crowdvoting kann man Abstimmungen organisieren; Crowdcreation heißt die Entwicklung von Ideen durch die weltweite Menge.  Für den Auftraggeber liegt der Vorteil im Zugriff auf vielfältiges Wissen und ganz neuen Möglichkeiten der Arbeitsteilung.

Welche Art Arbeit kann die „Masse“ tun?

Was mithilfe digitaler Medien und Technologien getan wird, lässt sich zum Teil als Crowdwork organisieren: Texte können so geschrieben, Anschriften recherchiert, Produkte getestet werden. Es können einfache Arbeiten im Rahmen digitalisierter Arbeitsprozesse sein, die der Computer nicht machen kann, wie das Eingeben schlecht leserlicher handschriftlicher Daten, die Überprüfung der Schreibweise von Namen oder die Bewertung von Bildern auf Jugendgefährdung. Es kann aber auch um das Testen von Software oder die Entwicklung neuer Programme gehen. Das Internet-Lexikon Wikipedia ist ein Ergebnis von Crowdarbeit: die einzelnen Artikel werden von Mitgliedern der „Masse“ der Internetnutzer verfasst , korrigiert und aktualisiert, eine durchaus anspruchsvolle, in diesem Fall allerdings freiwillige und unbezahlte Arbeit. 

Wie werden Aufträge vergeben?

Unternehmen vergeben Aufträge an die „Menge“ nicht unmittelbar, sondern nutzen Vermittler. Die größte Internetplattform für Crowdarbeit heißt Mechanical Turk und wurde von der Firma Amazon eingerichtet. Dort sind angeblich eine halbe Million Crowdarbeiter aus 190 Ländern angemeldet. Andere solcher Sub-Unternehmen heißen Clickworker oder Crowdguru und sind zum Teil auf besondere Arbeiten wie Design oder Marketing spezialisiert. Sie teilen die Aufgaben in einfache Einheiten auf, die von vielen parallel erledigt werden können. Nur bei qualifizierten Aufträgen, die von Teams bearbeitet werden, lernen sich die Arbeitenden untereinander kennen. Die meisten Aufgaben werden in einer Art digitalem Akkord allein am heimischen Computer abgearbeitet.

Wie wird externe Crowd- Arbeit bezahlt?

Die Entlohnung unterscheidet sich nicht danach, ob Arbeitende in den USA, Indien oder Deutschland zu Hause sind, wohl aber nach der Art der Qualifikation, die man dafür braucht. Einfache Arbeiten wie das Recherchieren von Adressen werden per Stück bezahlt, oft nur mit einigen Cents. Produkttexte bringen ein paar Euro ein. Oft wird die Leistung bewertet und weitere Beteiligung von dieser Bewertung abhängig gemacht. Qualifiziertere Arbeiten werden zuweilen als Wettbewerb ausgeschrieben – bezahlt wird, wer den Wettbewerb gewinnt.  Wessen Arbeit nicht angenommen wird, bekommt überhaupt keine Entlohnung. Es gibt bisher keine Erhebung darüber, wie viel tatsächlich mit digitaler Heimarbeit verdient wird. Klar ist aber, dass weder Mindestlöhne noch Tarifverträge gelten, da es sich um selbständige Tätigkeiten handelt – es sei denn, ein Unternehmen nutzt diese Art der Arbeitsverteilung intern unter den eigenen Beschäftigten.

Wie gestalten sich die Arbeitsbeziehungen?

Crowdarbeitende gelten als Selbständige oder Freiberufler. Sie haben weder mit den Unternehmen, die die Aufträge vergeben, noch mit den vermittelnden Internetplattformen ein geregeltes Beschäftigungsverhältnis. Es gibt keine vereinbarten  Rahmenbedingungen, keine Sozialversicherung, keine Mechanismen zur Klärung von Konflikten. Tatsächlich handelt es sich oft um arbeitnehmerähnliche Beschäftigung. Vereinbarungen darüber wären auch im Interesse der Belegschaften in den Unternehmen, die einen Teil der Arbeit auf diese Weise ausgliedern. Betriebsräte haben bei geplanten Veränderungen, die das Personal oder die Arbeitsorganisation betreffen, Informations- und Mitbestimmungsrechte.  Inzwischen gibt es Foren im Internet, auf denen sich Crowdworker über ihre Bedingungen austauschen und ihrerseits die Auftraggeber bewerten. 

Nach oben