Crowdwork

"Die Spielregeln mitbestimmen"

Fast jede Arbeit, die von der Digitalisierung erfasst wird, kann auch als so genannte Crowdwork organisiert werden, egal ob es um Büro- oder Wissens-Arbeit geht, sagt Jan Marco Leimeister, Professor für Wirtschaftsinformatik an den Universitäten St.Gallen und Kassel. Im Interview erklärt er, welche Herausforderungen das für Betriebsräte und Gewerkschaften mit sich bringt.

Jan Marco Leimeister, Professor für Wirtschaftsinformatik an den Universitäten St.Gallen und Kassel Jan Marco Leimeister, Professor für Wirtschaftsinformatik an den Universitäten St.Gallen und Kassel
10.07.2015
  • Von: Sigrid Thomsen

Lässt sich Crowd-Arbeit auch in der Chemie-Industrie einsetzen?

Grundsätzlich ja; fast jede Arbeit, die von der Digitalisierung erfasst wird, kann auch so organisiert werden, egal ob es um Büro- oder Wissens-Arbeit geht.  Es gibt bereits Pharma- und Chemieunternehmen, die ihre Produkte von Kunden in der Crowd testen lassen oder sie in die Bearbeitung großer Studien einbeziehen. Die Unternehmen sehen sich unter Druck, schnell und einfach handeln zu können. Ihnen geht es nicht nur um Kostensenkung, sondern um die Möglichkeit, qualifizierte Leute variabel in Projekten einsetzen zu können. So herrscht zum Beispiel in den IT-intensiven Bereichen eine große Nachfrage nach Entwicklern, und über Crowdworking können Arbeitskräfte in Projekte eingebunden werden, die sonst nicht so einfach und flexibel verfügbar wären.

Wie laufen solche Einsätze ab?

Da muss man zwischen internem und externem Crowdsourcing unterscheiden. Innerhalb eines Unternehmens kann die „Menge“ der Beschäftigten über viele verschiedene Standorte weltweit angesprochen werden. Damit experimentieren einige Firmen zum Beispiel bei der Produktentwicklung oder beim Testen von Software oder Verfahrensweisen. Es bieten sich so auch neue Chancen zur Interaktion innerhalb eines weltweiten Konzerns.

Bei externem Crowdsourcing herrscht das Prinzip der Freiwilligkeit. Die Aufgabenauswahl und -bearbeitung erfolgt nicht per Anweisung, sondern über Ausschreibungen. Den Auftrag, beispielsweise die Software eines Unternehmens zu testen, übernimmt ein Intermediär, eine Art Vermittler. Über seine IT-Plattform wird dann die Aufgabe in kleinere Arbeitsschritte zerlegt und einzelnen Gruppen oder Individuen der Crowd angeboten. Die erste, die zusagt, hat den Auftrag und wird bezahlt vom Vermittler, der die Arbeit hinterher auch abnimmt, zur größeren Gesamtlösung wieder zusammensetzt und an den Auftraggeber übergibt.

Worauf müssen Betriebsräte dabei achten?

Betriebsräte sollten sich informieren und mit Experten austauschen, um diese Prozesse zu verstehen. Ihnen liegt eine ganz neue Art des Arbeitens und Denkens zugrunde. Wo das Arbeitgeberinteresse in Verbesserung von Qualität oder Zusammenarbeit liegt, sollten Betriebsräte an der Ermöglichung mitarbeiten.  Solche Maßnahmen sind mitbestimmungspflichtig. Betriebsräte können die Spielregeln mitbestimmen und aufpassen, dass zum Beispiel Lohnunterschiede innerhalb eines weltweiten Konzerns nicht gegen die Beschäftigten ausgespielt werden. In einigen Konzernen wird bereits an Pilot-Betriebsvereinbarungen gearbeitet.

Was raten Sie Gewerkschaften?

Sie müssen sich auf die Lebenswelten und die Arbeitsweisen von „übermorgen“ einstellen.  Da wird es für viele nicht mehr um Kernarbeitszeiten und Tarifverträge gehen. Junge Menschen wollen schon heute oftmals nicht mehr so scharf trennen zwischen Arbeit und Freizeit, sie denken eher an Abwechslung und Autonomie als an Absicherung. Es wird mehr Selbständige oder mehrfach Beschäftigte geben, die eben nicht nur einen Arbeitgeber, aber dennoch Arbeitnehmer-Bedürfnisse haben. Einige Gewerkschaften experimentieren schon mit Angeboten für diese Gruppen,  zum Beispiel durch Information und Austausch auf Websites. 

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