Leiharbeit

"Übernahme? Fehlanzeige"

Sie übernehmen die gleichen Aufgaben wie Beschäftigte in Stammbelegschaften. Doch am Ende des Monats haben Leiharbeiter deutlich weniger Geld auf dem Gehaltszettel. Die Branchenzuschläge haben die Situation vieler verbessert. Doch Unsicherheit und enttäuschte Hoffnung auf Übernahme nagen nach wie vor an zahlreichen Leiharbeitern. Zwei Betroffene berichten.

Heike Rost

Sascha M. ist gelernter Gas- und Wasserinstallateur und arbeitet als Leiharbeiter bei Michelin in Bad Kreuznach.
27.02.2013
  • Von: Sigrid Thomsen
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Sascha M. ist Leiharbeiter beim Reifenhersteller Michelin in Bad Kreuznach. Er übernimmt die gleichen Aufgaben wie Kollegen der Stammbelegschaft, leistet das gleiche, erfüllt die selben Anforderungen. Doch am Ende des Monats stehen 500 Euro weniger auf seiner Gehaltsabrechnung. Für den 28-Jährigen ist das frustrierend - und bringt in immer wieder in finanzielle Schwierigkeiten.

"Ich bin Gas- und Wasserinstallateur und habe zuerst in einem Drei-Mann-Betrieb gearbeitet, später dreieinhalb Jahre als Lagerarbeiter in Frankfurt. Jetzt bin ich bei Michelin in Bad Kreuznach, ausgeliehen von der Zeitarbeitsfirma ProServ.  Die hat eine Niederlassung direkt auf dem Gelände des Reifenherstellers. Ich bin schon fünf Jahre dabei, zuerst als Maschinenfahrer und jetzt als Staplerfahrer.  

Etwa 160 von insgesamt 1500 Beschäftigten sind hier Leiharbeiter. Es gibt Kollegen, die seit zehn Jahren von ProServ an Michelin verliehen sind. Übernommen worden ist in unserer Abteilung seit Jahren kaum noch jemand.  Man kann leisten, was man will, es wird nicht gesehen. Wenn einer jahrelang alles für die Firma gibt und sogar noch zur Arbeit geht, wenn er krank ist, und es kommt überhaupt nichts zurück, dann ist er enttäuscht. Ich bin selbst in fünf Jahren nur 18 Tage krank gewesen. Manchmal habe ich keine Lust mehr, aber dann rappel ich mich wieder auf.

Seit drei Jahren mache ich dieselbe Arbeit in derselben Abteilung. Ich kann das gleiche, leiste das gleiche, erfülle dieselben Sicherheitsbestimmungen und habe dieselben Aufgaben und Pflichten wie meine Kollegen. Aber ich bekomme  dafür 1200 bis 1300 Euro netto und sie mindestens 1800 Euro. Das wissen auch alle. Das greift einen an. Man sieht es an den Gesichtern. Die Arbeit machen wir gern, aber Leiharbeiter sind wir nicht gern. Wir möchten fair behandelt werden. Dabei ist das Verhältnis zu den Kollegen aus der Stammbelegschaft gut, wir werden akzeptiert. Nur wenige glauben, sie könnten uns Leiharbeiter überall herumschicken, die meisten behandeln uns korrekt. Über unsere Bezahlung sind auch die Kollegen aus der Stammbelegschaft empört. Sie verstehen, wenn wir frustriert sind.

Bei den Branchenzuschlägen, die seit dem 1. November gezahlt werden müssen, gab es hier am Anfang Unstimmigkeiten über den richtigen Tarif. Unser Arbeitgeber meinte, er könne sich an den Tarif der Kautschukindustrie halten. Danach werden nach neun Monaten nicht 50 Prozent Zuschlag bezahlt, sondern nur 16 Prozent. Das bedeutet pro Stunde nur 1,40 Euro mehr und nicht 4,20 Euro. Die Bezahlung der Stammbelegschaft orientiert sich aber am Chemie-Tarifvertrag, das ist für uns der Maßstab. 120 Kollegen haben sich an einer Unterschriftenaktion beteiligt, dass der Branchenzuschlag Chemie an uns bezahlt werden soll.  Wir haben auch mit dem Betriebsrat bei Michelin darüber gesprochen. Er hat geholfen, dass die Zeitarbeitsfirma das jetzt akzeptiert. Aktuell wird über die  Umsetzung verhandelt.

Zum Betriebsrat können wir mit allen Problemen kommen, sie helfen uns, behandeln uns wie Micheliner. Bei der Verleihfirma gibt es keinen Betriebsrat.  In meiner Abteilung sind auch viele von uns nicht in der Gewerkschaft. Manche können sich den Beitrag nicht leisten, andere fühlen sich nicht richtig verstanden.

Freizeitgestaltung gibt es bei mir eigentlich nicht, dazu bleibt keine Zeit. Bei Michelin arbeite ich in drei Schichten im Vierschichtsystem. Weil das Geld so knapp ist, habe ich noch einen Zweitjob als Möbelschlepper bei einer Umzugsfirma. Es gibt Tage, da finde ich es zu hart. Aber ich muss ja meine Miete bezahlen, meine Rechnungen, auch Benzin, denn wegen der Schichten brauche ich ein Auto. Bis vor kurzem hat auch meine Freundin mit davon gelebt, aber jetzt ist sie mit der Ausbildung fertig. Nun ist die Lage entspannter. Mehr als zwei, drei Tage Kurzurlaub sind trotzdem nicht drin." 


Oliver Schneider ist seit Jahren als Leiharbeiter beschäftigt. Mittlerweile hat er 30 verschiedene Jobs in rund 45 Firmen hinter sich. Von seinem Lohn kann der 31-Jährige aus dem baden-würtemberischen Bietigheim-Bissingen kaum leben. Und seine Zeitarbeitsfirma weigert sich den tarifvertraglichen Branchenzuschlag zu zahlen. Mit Hilfe der IG BCE hat er Klage eingereicht.

Thomas Kienzle

Leiharbeiter Oliver Schneider kann von seinem Lohn kaum leben.
"Gelernt habe ich Kfz-Elektriker und Mechatroniker bei Daimler in Sindelfingen. Ein paar Jahre habe ich im Handwerk gearbeitet, aber als es knapp wurde, war ich derjenige, der gehen musste. Ich war ja der jüngste.

Zur Zeitarbeit bin ich dann über das damalige Arbeitsamt gekommen. Die Sachbearbeiter damals nutzten  Zeitarbeit als „Jobwunder“.  Am Anfang war es sogar interessant, ich kam auf Montage nach England, Österreich oder Ungarn und habe auch nicht schlecht verdient. In den besten Zeiten bin ich mit 3500 Euro nach Hause gegangen, auch dank diverser Zulagen. Damals mussten Zeitarbeitsfirmen zum Beispiel Fahrtkosten bei Auslandseinsätzen zahlen.

Der Weg von Ungarn nach Hause war tausend Kilometer lang. Bei 30 Cent pro Kilometer und zwei Heimfahrten im Monat machte allein die Fahrtkostenerstattung 1200 Euro im Monat aus. Doch mit der Lockerung der Arbeitnehmerüberlassungsgesetze fiel das weg, man musste die Erstattung über das Finanzamt regeln und bekam nur einen Bruchteil zurück. Mein letzter Lohn vorher belief sich auf etwa 2800 Euro. Danach sank mein Einkommen auf einen Schlag auf etwa 900 Euro im Monat. So führte ich die gleichen Arbeiten wie sonst für einen Hungerlohn aus.  Übernahme ? Fehlanzeige !

Inzwischen habe ich bestimmt schon 30 verschiedene Jobs in ungefähr 45 Firmen gemacht. Zuerst war ich alle paar Wochen in einem anderen Betrieb, dann kamen langfristige Einsätze. Bei der Hotline der örtlichen Müllabfuhr habe ich Reklamationen angenommen, war auf Montage für verschiedene Metallfirmen und habe Maschinen gerüstet. Man muss sich auskennen und ziemlich flexibel sein, der häufige Wechsel ist stressig. Manchmal war eintönige, blöde Arbeit dabei, und ich fühlte mich wie ein Depp behandelt. Aber in den letzten vier Jahren wurde ich in Firmen eingesetzt, die  mir Verantwortung geben, das ist mir wichtig. Das Problem ist nur die Bezahlung.   

Mein Entleiher ist ein mittelständisches Unternehmen, Marktführer für die Reinigung von Teilen für  Halbleiterfertigungen, und gehört zum Arbeitgeberverband der Chemie-Industrie. Wir arbeiten in Schichten von 6 bis 14 und von 14 bis 22 Uhr. Ich arbeite im Warenausgang, verpacke und kommissioniere, be- und entlade Lkw’s, unterschreibe Lieferscheine und bin auch für die innerbetriebliche Versorgung mit zuständig. In der Firma arbeiten etwa hundert Leute, um die 25 sind Zeitarbeiter. Sie sind aber ganz regulär in der Produktion eingesetzt. Auch vakante Stellen werden von Zeitarbeitern besetzt. Einen Betriebsrat gibt es nicht. Nach meiner Einschätzung besteht auch kein Interesse daran. Doch das Verhältnis zu den Kollegen ist gut, wir arbeiten voll mit, niemand guckt uns schräg an.

Seit fünf Jahren bin ich bei derselben Zeitarbeitsfirma – mit Unterbrechungen: einmal wurde ich nach einem Arbeitsunfall gekündigt, einmal über Weihnachten und dann zum neuen Jahr wieder eingestellt. Ich hatte es schon mit sechs verschiedenen Personaldisponenten zu tun, auch zwei Niederlassungsleiter habe ich überlebt.

Jetzt wollen sie  die Branchenzuschläge nicht zahlen, die mir seit dem 1. November zustehen. Man  redet sich damit heraus, dass der Entleiher selbst keine Chemiefertigung betreibt. Mit Hilfe des IG BCE-Bezirks haben wir den Anspruch geltend gemacht, aber ich habe keine Antwort bekommen. Stattdessen empfahl mir meine Vorgesetzte zu überlegen, wie wichtig mir mein Job ist. Auch die neue Niederlassungsleitung stellt sich quer. Niemand traut sich, in irgendeiner Form aktiv zu werden. Mit Unterstützung der IG BCE versuche ich nun, die Zuschläge einzuklagen.

Das Geld reicht einfach nicht. Ich bekomme jetzt 1050 Euro netto. Damit ich wenigstens so viel wie ein Hartz IV-Empfänger habe, zahlt das Jobcenter monatlich etwa 50 Euro dazu.  Aber auch 1100 Euro reichen nur immer für  zwei Drittel eines Monats, dann wird es eng. 500 Euro kostet ja schon die Miete. Außerdem habe ich Fahrtkosten, mein Arbeitsweg dauert mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine Stunde. Als ich nach Fahrtkostenbeteiligung fragte, hieß es ich solle das übers Finanzamt machen. Abzüglich meiner Fixkosten und einem Freibetrag bleiben mir weniger als 300 Euro im Monat zum Leben. Es ist einfach keine Luft da. Ich geh nicht viel weg, aber gelegentlich ein Bier in der Kneipe wäre nett. Mit den Branchenzuschlägen hätte ich allein im November 2012 185 Euro mehr gehabt, und der Anspruch steigt ja mit der Entleihdauer immer weiter. Früher habe ich Volleyball gespielt, das geht jetzt wegen der Schichten nicht mehr.

Zeitarbeit bedeutet Ausbeutung und Einschränkungen, das weiß jeder, der es selbst erlebt."

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