Leiharbeit

Wie ein Lottogewinn

Sie übernehmen die gleichen Arbeiten wie Beschäftigte in Stammbelegschaften, doch finanziell stehen Leiharbeiter meist schlechter da. Und häufig machen sich die Betroffenen vergeblich Hoffnung auf eine Übernahme. Nicht so beim Glashersteller Schott. Dank Betriebsrat und IG BCE werden künftig pro Jahr 60 Leiharbeiter fest eingestellt.

Heike Rost

Lydia Kleisinger wurde nach zwei Jahren fest eingestellt. Lydia Kleisinger arbeitete zwei Jahre als Leiharbeiterin bei Schott, bis sie auf Empfehlung des Betriebsrates fest eingestellt wurde.
28.02.2014
  • Von: Andrea Lammert
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Mit 57 Jahren noch in eine Festanstellung übernommen werden? Nie im Leben, dachte sich Lydia Kleisinger, als sie wie jeden Morgen ihre blaue Arbeitsjacke überzog. In der Robax-Abteilung bei Schott in Mainz verziert die gelernte Frisörin Kaminscheiben.

Zwei Jahre lang ging sie jeden Tag als Leiharbeiterin zum Mainzer Glashersteller. Und plötzlich sollte sie festeingestellt werden, ohne Bewerbung, ohne Kampf – auf Empfehlung des Betriebsrats. "Das war wie ein Lottogewinn", erinnert sie sich. "Nirgendwo anders hätte ich eine Chance gehabt."

Diese verdankt sie einer Betriebsvereinbarung. Betriebsrat und Arbeitgeber haben festgelegt, dass Leiharbeitnehmer einzustellen sind, wenn pro Jahr im Durchschnitt mehr als 150 Stellen mit Zeitarbeit besetzt werden. Allein im vergangenen Jahr vergrößerte sich dadurch die Schott-Belegschaft erneut um 60 Frauen und Männer.

Auch Marcel Grünewald gehört zu den rund 60 Leiharbeitnehmern, die jedes Jahr bei Schott in Festanstellung übernommen werden. Der 28-Jährige stammt aus Jena. "Viel Ausbildungsplätze und Perspektiven gibt es dort nicht. Ich habe Dutzende von Bewerbungen geschrieben – ohne Erfolg."

Heike Rost

Marcel Grünwald wurde bei Schott fest angestellt. "Viel wichtiger als das Geld war aber die Anerkennung", sagt Marcel Grünwald. Er machte sich unentbehrlich und ist heute Fachkraft für automatisierte Fertigung.

Schließlich landete er bei einer Zeitarbeitsfirma – und der Schott-Niederlassung in Jena. Das Geld reichte kaum zum Überleben. Eine amerikanische Bank hatte Kredite für Auto und Möbel gegeben, die er mit seinem geringen Einkommen fast nicht bedienen konnte. "Es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre ganz abgerutscht in die Privatinsolvenz", erinnert sich der nachdenkliche junge Mann.

Dann kam Schott. Als die Konzernmutter in Mainz Siebdruckexperten brauchte, verließ Marcel seine Heimat und zog ins Hotel. Erst mal. Schon bald machte er sich unentbehrlich und wurde ganz übernommen. "Heute habe ich nicht nur das Doppelte mehr an Geld, sondern auch eine echte Perspektive", freut er sich.

Inzwischen wird er auf die Stelle des Vorarbeiters angelernt. "In der Zeitarbeitsfirma war Weiterbildung nicht möglich. Ich hätte einen hohen Anteil der Kosten selbst tragen müssen." Dank der Förderung bei Schott ist er heute Fachkraft für automatisierte Fertigung und will nun seinen Techniker machen.

Lydia Kleisinger arbeitet nur zwei Türen weiter. Entschlossen fährt sie mit dem Schieber(im Fachjargon Rakel genannt) über die frisch aufgeklebte Folie, die noch kleine Falten und Luftblasen wirft. Gekonnt streicht sie alles glatt. Die blonde Frau sieht viel jünger und dynamischer aus als sie ist – doch ist sie mit ihren 62 Jahren kurz vor dem Ruhestand.

Jahrelang hatte sie als Ehefrau im Geschäft ihres Mannes mitgeholfen und nichts in die Rentenkasse einbezahlt. "Jetzt stehe ich im Alter nicht ganz so schlecht da", freut sie sich darüber, dass sie schon seit fünf Jahren festangestellt ist. "Wichtiger als das Geld war aber die Anerkennung: Ein unbefristeter Arbeitsvertrag zeigt einem, dass man doch noch etwas wert ist."

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