Psychologische Belastung von Leiharbeitnehmern

Bei vielen geht die Hoffnung verloren

140 Stamm- und Leiharbeiter hat Manfred Bornewasser in einer Studie zu psychologischen Belastungen befragt. Er fordert in unserem Interview von den Unternehmen, ihr Geschäftsmodell mit der Leiharbeit zu überdenken. Denn bei seinen Probanden ist ihm vor allem eines begegnet: Resignation.

Jens Koehler/bildermeer.com

Manfred Bornewasser hat in seiner Studie "Flex4Work" die psychologischen Belastungen von Leiharbeitern untersucht.

Sie haben in einem Projekt den zunehmenden Einsatz von Leiharbeit im verarbeitenden Gewerbe erforscht. Welche Ziele haben Sie damit verfolgt?
In unserer Studie »Flex4Work« geht es um die Flexibilisierungsmöglichkeiten von Unternehmen, die sich auf dem Binnen- und Weltmarkt durch ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit behaupten müssen. Zu diesem Zweck greifen sie auch auf das Instrument der Zeitarbeit zurück. Wir wollten wissen, welche Motive Unternehmen haben, Zeitarbeitnehmer einzusetzen, welchen Bedarf an Zeitarbeit sie haben und wie sich diese Beschäftigungsform auf die Arbeitnehmer auswirkt, wo Konfliktfelder sind und wie es mit der  Belastung von Zeitarbeitnehmern aussieht. Wir haben Befragungen und Fallanalysen in verschiedenen Unternehmen, vor allem im Bereich des produzierenden Gewerbes durchgeführt. Jetzt bringen wir die Ergebnisse in die öffentliche Diskussion.

Welche Probleme und Belastungen ergeben sich aus Leiharbeit für die Arbeitnehmer?
Die Arbeitnehmer haben eine Vollzeitbeschäftigung bei einem Personaldienstleister, werden von diesem aber immer wieder für unterschiedlich lange Zeiträume an ein Unternehmen überlassen. Daraus resultiert eine psychologisch schwierige Dreiecksbeziehung, die sich zum Beispiel auf die Bindung auswirkt. Die Bindung an das Kundenunternehmen, in dem Zeitarbeitnehmer arbeiten, ist geringer als bei der Stammbelegschaft. Zeitarbeitnehmer sind auch weniger an den Personaldienstleister gebunden, mit dem sie einen Arbeitsvertrag haben. Häufiger Arbeitsplatzwechsel kann zur Belastung werden. Vor allem für gering Qualifizierte, die aus der Arbeitslosigkeit kommen, bedeutet er Unsicherheit. Viele hoffen auf  Übernahme durch den Entleiher und vergleichen sich mit der Stammbelegschaft. Diese Hoffnung aber erfüllt sich in der Mehrzahl der Fälle nicht; übernommen werden nach meiner Einschätzung nur etwa sieben bis 15 Prozent der Zeitarbeitnehmer.  Aber Achtung: Zeitarbeit kann sehr unterschiedlich ausfallen und bewertet werden. Es gibt auch viele Arbeitnehmer, die sie für sich sehr positiv bewerten.

Was bedeutet es, „Diener zweier Herren“ zu sein?
Das Dreiecksverhältnis Personaldienstleister-Kundenunternehmen-Arbeitnehmer ist das Kernproblem. Es ist viel schwieriger, etwas transparent auszuhandeln. Arbeitnehmer erleben es so, dass „die da oben“ über sie verhandeln und sie selbst gar keinen Einfluss darauf haben. Für die Zahlung der neuen Branchenzuschläge muss ja beispielsweise nun die Einstufung neu ausgehandelt werden, das kann zu Differenzen führen. Schwierig ist auch, dass nicht der Personaldienstleister, sondern der Chef des Kundenunternehmens das Weisungsrecht hat. Zeitarbeit ist in vielen Fällen einfache Tätigkeit, die ganz generell mit Status- und Kontrolldefiziten verbunden ist. Viele gering qualifizierte Zeitarbeitnehmer fühlen sich als Arbeitnehmer zweiter Klasse, die keinerlei Verhandlungsmacht besitzen.

Sind Leiharbeitnehmer häufiger krank als fest Angestellte?
Eher im Gegenteil - Zeitarbeiter melden sich weniger krank als andere, sie wollen Präsenz zeigen, einen guten Eindruck machen, um übernommen zu werden. Wenn es dann mit der Übernahme trotzdem nicht klappt, tritt oft Resignation ein. 

Unterscheidet sich die Einstellung zur Arbeit?
Es gibt oft anfangs ein übermäßig starkes Engagement, ein "Over-Commitment“, dann eine Phase, in der die Hoffnung verloren geht, bis sich eine Art Mitte einspielt. Auch die unterschiedliche Bezahlung beeinflusst die Einstellung zur Arbeit. Stammarbeiter haben ja oft in der Vergangenheit Zulagen erworben, die Zeitarbeiter nicht bekommen. Die Branchenzuschläge jetzt bringen vermutlich einen gewaltigen Unterschied, aber im Detail ist „equal pay for equal work“ oft schwer umzusetzen. Da kann Unterstützung wichtig sein. Die Frage ist, wie es nun weiter geht – werden Unternehmen die Zeitarbeiter nicht mehr so lange einstellen, oder nur noch die besten, werden sie Leute einsparen, auf Aufträge verzichten? Auf Werkverträge ausweichen? Arbeitsplätze durch Maschinen wegrationalisieren? Die Palette der Möglichkeiten ist breit. 

Was sollten Unternehmen Ihrer Meinung nach tun?
Sie sollten ihr Geschäftsmodell überprüfen und sich fragen, welche Art von Flexibilisierung sie brauchen und ob Zeitarbeit erforderlich ist. Variable Auftragslagen kann man auch mit traditionellem Arbeitszeitmanagement wie Überstunden, zusätzliche Schichten  und Langzeitkonten bewältigen, darauf hat die IG BCE ja mehrfach hingewiesen. Unternehmen könnten auch prüfen, ob sie Aufträge verschieben können. Sie könnten Partnerschaften mit anderen Unternehmen bilden und dann wie in einem Arbeitgeberzusammenschluss Arbeitnehmer an andere abgeben, wenn sie sie selbst nicht brauchen. Solche Poolbildungen gibt es ja auch innerhalb von Unternehmen. Denkbar wären strategische Partnerschaften mit Personaldienstleistern, um mehr Sicherheit und Konstanz zu bekommen, so dass Arbeitnehmer vielleicht in zwei oder drei, aber nicht in 15 verschiedenen Unternehmen eingesetzt werden. Einen generellen Verzicht auf Zeitarbeit halte ich nicht für wahrscheinlich, weil einzelne Firmen immer wieder mit erheblichen Auftragsschwankungen rechnen müssen. Dabei geht es nicht um Kostensenkung, sondern um Flexibilität.

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