Leiharbeit

"Es geht um die Eindämmung prekärer Beschäftigung"

Rund sechs Prozent Leiharbeitnehmer sind bei Boehringer Ingleheim in Biberach beschäftigt. Seit mehr als zwei Jahren setzt sich der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Freddy Speth mit dem Betriebsrat dafür ein, die Bedingungen der Leiharbeitnehmer im Betrieb zu verbessern - mit Erfolg. 

Boehringer Ingleheim

Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Freddy Speth setzt sich bei Boehringer Ingleheim in Biberach für Leiharbeiter ein.

Wofür wird bei Boehringer Ingelheim in Biberach Leiharbeit eingesetzt?
Das Spektrum ist sehr groß. Leiharbeiter sind unter den hochqualifizierten Arbeitskräften in der Medizin, in den Werkstätten und Produktionsbereichen und auch bei den Dienstleistern. Eingesetzt werden die Kolleginnen und Kollegen als Krankheitsvertretung, bei Projekten oder um Auftragsspitzen abzufangen. Mittlerweile stellen wir aber fest, dass sie auch auf „Stammarbeitsplätzen“ eingesetzt werden, manchmal jahrelang. Insgesamt sind etwa sechs Prozent Leiharbeitnehmer in Biberach beschäftigt.

Haben Sie eine Chance auf Übernahme?
Der „Klebeeffekt“, der im Allgemeinen bei etwa sieben Prozent angesetzt wird, ist meinem Gefühl nach bei Boehringer höher. Einige schaffen es, über den Weg einer Befristung später einen unbefristeten Vertrag zu bekommen.

Haben Leiharbeiter Zugang zu sozialen Einrichtungen im Betrieb?
Hier sind wir als Betriebsräte sehr stolz. Wir haben die Diskussion während der Novellierung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes  genau verfolgt und gleich mit seinem Inkrafttreten im Dezember 2011 Zugang zu den Sozialeinrichtungen gewährt. Da hat sich unser Arbeitgeber kooperativ gezeigt. Im Vorfeld haben wir diskutiert, was überhaupt zu den sozialen Einrichtungen gehört. Für die Kolleginnen und Kollegen war es schon eine gewaltige Verbesserung, auch wenn es für uns manchmal banal erschien. Sie haben jetzt Zugang zu allen Parkplätzen, Werkstoren, zahlen den gleichen Preis im Betriebsrestaurant und werden über Stellenausschreibungen informiert.

Bekommen die Kollegen die neuen Branchenzuschläge?
Pünktlich zum 01. November 2012 haben wir den Tarifvertrag über Branchenzuschläge umgesetzt, aber in verbesserter Form; das hatte das Unternehmen angeboten. Zuvor hatten wir einen Mindestlohn in Höhe von zehn Euro pro Stunde mit der Geschäftsführung vereinbart. Leiharbeitskräfte bekamen,  wenn Sie beispielsweise schon neun Monate bei uns beschäftigt waren, sofort die 50 beziehungsweise 35 Prozent Branchenzuschläge, nicht erst nach teilweiser Berücksichtigung der Einsatzdauer. Am Anfang waren die Kolleginnen und Kollegen misstrauisch, aber als sie die Lohnabrechnungen sahen, waren sie froh. Das macht zum Teil 600 Euro im Monat aus! Da die Lohnabrechnungen schwierig zu verstehen sind, kommen viele zu uns, um sie zu überprüfen. Meine Erfahrung ist, dass die Zeitarbeitsfirmen umsetzen, was wir mit Ihnen vereinbart haben.

Wie ist das Verhältnis zur Stammbelegschaft?
Nach meinem Eindruck ist die Zusammenarbeit zwischen Boehringer Ingelheim-Mitarbeitern und Leiharbeitskräften sehr gut. Die Solidarität ist groß. Bei den Spülhilfskräften haben zum Beispiel die fest angestellten Kolleginnen Unterschriften gesammelt, damit die Leiharbeitnehmerinnen verlängert werden.

Mit welchen Anliegen kommen Leiharbeitnehmer zum Betriebsrat?
Zurzeit überwiegen die Fragen zu dem Branchenzuschlag. Mittlerweile haben wir einen sehr guten Draht zu den Kolleginnen und Kollegen. Sie erfahren, was unsere Mitarbeiter bekommen und wollen manchmal wissen, ob es Ihnen auch zusteht. Arbeitszeitfragen spielen dabei auch eine Rolle. Sie kommen mittlerweile lieber zu uns als zu den Leiharbeitsfirmen, was denen wiederum nicht so gefällt.

Gibt es bei den Verleihfirmen auch Betriebsräte, gibt es Zusammenarbeit?
Wir haben Kontakt mit dem Betriebsrat von Randstad aufgenommen. Der hat in seiner Betriebsratszeitschrift auch den Branchenzuschlag erklärt.

Wie lassen sich Leiharbeiter gewerkschaftlich organisieren?
Ich halte nichts davon, Mitglieder voreilig in die IG BCE aufzunehmen. Das gelingt nur, wenn sie den Eindruck haben, dass man sich um sie kümmert. Solange wir den Leiharbeitnehmern nichts anbieten konnten, haben wir uns sehr zurück gehalten. Mit der Umsetzung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes im Dezember 2011 und der Einführung des Mindestlohnes im Januar 2012 hatten wir Argumente, das hat Vertrauen geschaffen. Der im November 2012 eingeführte Branchenzuschlag hat uns in den letzten Monaten geholfen, Kolleginnen und Kollegen zu überzeugen. Solange wir keine klare Regelung über die Länge des Einsatzes haben, dürfen die Erwartungen aber nicht zu hoch gesetzt werden.

Gibt es Werkverträge in Ihrem Bereich? Wie gehen Sie damit um?
Leiharbeit und Werkverträge laufen nebeneinander. Je mehr wir den Einsatz von Leiharbeit erschweren, desto mehr Überlegungen werden angestellt, ganze Arbeitspakete über Werkvertrag abzuwickeln. Bei Werkverträgen aber gibt es keine Branchenzuschläge und keine Gleichstellung beim Zugang zu Sozialeinrichtungen. Da fragt man sich schon, wie man vorgehen soll!

Geht es grundsätzlich um Vermeiden oder menschliches Gestalten der Leiharbeit?
Eigentlich geht es vorrangig um die Eindämmung von prekären Arbeitsverhältnissen. Leiharbeit führt nicht automatisch zu  prekärer Beschäftigung, schon gar nicht bei Boehringer Ingelheim. Wenn die Kolleginnen und Kollegen einen unbefristeten Vertrag bei ihrer Firma haben, mithilfe des Branchenzuschlages zu Stundenlöhnen von mindestens zwölf Euro kommen und nicht ungewollt in Teilzeit arbeiten, sind sie oftmals besser dran als Beschäftigte in anderen Branchen. Wir wollen die Leiharbeit auf ihren ursprünglichen Sinn zurückdrängen, um kurzfristigen Auftragsspitzen zu begegnen, sowie bei Vertretungen und Projekten. Am liebsten wäre es mir, wenn wir so viele wie möglich bei uns einstellen könnten!

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