Industrie 4.0

Digitale Zukunftsmusik, ein Ohrwurm!

Ein Stück weit ist sie schon da, die Digitalisierung der chemischen und pharmazeutischen Industrie, aber der größte Teil liegt noch vor uns. Deshalb weiß auch niemand, wie genau das Szenario in den Unternehmen und damit für die Beschäftigten aussehen wird. Abwarten und zugucken wollen IG BCE und Betriebsräte jedoch nicht. Sondern von Anfang an die Arbeit der Zukunft mitgestalten. Das machten ihre Vertreter klar, auf der Tagung „Digitalisierung der chemischen und pharmazeutischen Industrie: Handlungsfelder für Gewerkschaften und Betriebsräte in der Industrie 4.0” am 12. November 2015 in Frankfurt am Main.

Andreas Reeg

Digitalisierung in der chemischen Industrie Angeregte Gespräche bei der Digitalisierungstagung in Frankfurt am Main.

Auch Zukunftsmusik kann ein Ohrwurm werden. Das machte Volker Weber, IG-BCE-Landesbezirksleiter Hessen-Thüringen deutlich, der stellvertretend für den kurzfristig verhinderten Vorstandsvorsitzenden Michael Vassiliadis dessen Rede zum „Industrie 4.0“-Szenario hielt. „Wir müssen uns jetzt damit beschäftigen, selbst wenn manches nicht so kommt“, sagte er, „lieber Fragen aufwerfen, bevor es uns überrollt.“ Selbst wenn weder das wirtschaftliche Potenzial noch die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt gut abschätzbar seien. Diese einfach  ignorieren und sich die alten Zeiten zurückwünschen geht nicht und macht auch keinen Sinn in einer international aufgestellten Industrie wie der chemischen und pharmazeutischen. „Die IG BCE denkt nicht zurückgewandt, wir stellen uns diesen Trends“, sagte Weber und wies auf Phänomene der Digitalisierung wie etwa Flexibilisierung hin, mit denen die Gewerkschaft bereits Erfahrungen gesammelt hat. „Wir müssen zumindest nicht bei 0 anfangen“, stellte er fest und brachte das Ziel auf den Punkt: „Der Mensch muss weiterhin im Mittelpunkt stehen.“

Andreas Reeg

Volker Weber Volker Weber, IG-BCE-Landesbezirksleiter Hessen-Thüringen

Wie das gelingen kann, war eines der zentralen Themen der Betriebsräte und Gewerkschafter, die mit Vertretern aus Wissenschaft und Wirtschaft in Frankfurt am Main diskutierten. Mehr als 100 Gäste im Publikum nahmen an der Veranstaltung am 12. November 2015 teil, zu der die Hans Böckler-Stiftung, die IG BCE, die deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und das Technologiezentrum des Vereins deutscher Ingenieure (VDI) eingeladen hatten. Unter dem Titel „Digitalisierung der chemischen und pharmazeutischen Industrie: Handlungsfelder für Gewerkschaften und Betriebsräte in der Industrie 4.0” ging es vor allem darum, wie man sichere und gute Arbeit und damit auch Mitbestimmung durch die laufenden Umwälzungen in der Branche erhält. Mit anderen Worten, wie man klare Ziele für eine unklare Zukunft verfolgt.

Andreas Reeg

Torsten Pötter Torsten Pötter, Bayer Technology Services

Eine der Herausforderungen dabei ist das enorme Tempo, mit der die Digitalisierung fortschreitet. „Die Tablette aus dem 3D-Drucker ist nicht mehr unvorstellbar“, sagte Torsten Pötter von Bayer Technology Services und wies auch auf die schnelle Karriere des iPhones hin, das erst seit wenigen Jahren auf dem Markt ist. Er ermutigte die Kollegen der eigenen Branche, sich nicht auf die Gefahren der Digitalisierung zu konzentrieren, sondern auf die Chancen. „Gerade wir in der Chemie können mit dem Thema Sicherheit umgehen“, sagte er und unterstrich, dass es auch in der Prozessindustrie viele diskrete Bereiche und entsprechende Einsatzmöglichkeiten digitaler Technik gebe.

Andreas Reeg

Uwe Liebelt Uwe Liebelt, President BASF 4.0

Wie Pötter sah auch Uwe Liebelt von BASF SE Unsicherheiten bei der Umstellung besonders beim Mittelstand. Während Pötter sich auf weniger Menschen in der digitalisierten Fabrik einstellt,  geht Liebelt jedoch von einem anderen Szenario für die Beschäftigten der Zukunft aus: „Den Operator, der mit dem Tablet vom Sofa aus die Anlage fährt, gibt es wohl erst einmal nicht“, sagte er. Es dauere noch Jahre, bis die digitalen Assistenzsysteme allein „keinen Unsinn machen.“ Auch wenn Systeme wie der Autopilot schon möglich sind, wie man am Google-Auto sieht, gilt für ihn: „Es bleibt unsere Entscheidung, ob wir das zulassen.“

Andreas Reeg

Digitalisierungstagung in Frankfurt am Main

Um entscheiden zu können, braucht es allerdings das entsprechende Wissen. Auch das zog sich als roter Faden durch die Diskussionen. Während BASF ab kommenden Jahr sämtliche Mitarbeiter für das Thema weiterbilden kann, machte Sinischa Horvat, Betriebsrat bei BASF, darauf aufmerksam, dass dafür nicht in jedem Betrieb die Kollegen entsprechende Ressourcen haben. Die Ausbildung sei aber ein Knackpunkt, da nicht Rohstoffe, sondern die Menschen für Kreativität und Innovationskraft in Deutschland sorgten. Das sah auch Stefan Soltmann, Leiter der Abteilung Arbeitspolitik bei der IG BCE, ähnlich: „Die neuen Beschäftigten kann man sich nicht mit dem 3D-Drucker ausdrucken.“

Andreas Reeg

Viola Denecke Viola Denecke, stellvertretende IG-BCE-Bezirksleiterin NRW

Gleiches gilt für die Betriebsräte, die natürlich auch auf dem aktuellen Stand sein müssen. Entsprechend erfreut zeigte sich Viola Denecke, stellvertretende IG-BCE-Leiterin des Bezirks NRW, darüber, dass bei Merck die Betriebsräte das Thema vorantreiben und selbst in die Chef-Etage bringen, wie Michael Fletterich als Merck-Betriebsrat erläuterte. „Wenn man proaktiv sein will, muss man die Kompetenz haben“, sagte sie und betonte, wie wichtig es ist, früh anzufangen. Nicht erst, wenn Betriebsräte ins Boot geholt werden, weil die Akzeptanz der Beschäftigten gefragt ist. „Wir wollen nicht das wegräumen, was uns der Arbeitgeber vor die Tür legt.“

Andreas Reeg

Iris Wolf  Iris Wolf, IG-BCE-Bereichsleiterin für Forschung, Innovation und Technologie

Auch Iris Wolf, IG-BCE-Bereichsleiterin für Forschung, Innovation und Technologie, lobte Projekte wie das bei Merck und freute sich, dass angesichts des Tempos der Digitalisierung auch die Diskussion in den Betrieben wöchentlich Fahrt aufnehme. „Wir müssen aufpassen, dass wir alle Kollegen mitnehmen“, sagte sie, „dafür müssen wir offensiv mit den Fragen umgehen und einen Gestaltungsprozess einleiten, keinen Verhinderungsprozess.“ Auch den nächsten Schritt hatte sie bereits im Blick: „Wir diskutieren das immer für Deutschland, dabei geht es um eine globalisierte Industrie, gerade im Zusammenhang mit der Digitalisierung ‒ darüber müssen wir uns nun verschärft Gedanken machen.“

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