Betriebsreportage

Wie ein kleiner Bruder

Gut Deutsch zu sprechen ist der Schlüssel für eine gelungene Integration. Doch die Deutschkurse beanspruchen meist zwei ganze Arbeitstage pro Woche.
Für Beschäftigte in der Produktion ist der Kursbesuch kaum zu vereinbaren mit ihrer Arbeit. Deshalb hat Cordenka Anfang dieses Jahres einen eigenen Deutschkurs ins Leben gerufen.

Andreas Reeg

Hafez Salmon (links) und Mulham Masri besuchen gemeinsam einen Deutschkurs bei Cordenka.
12.06.2017
  • Von: Alexander Reupke

Gut Deutsch zu sprechen ist der Schlüssel für eine gelungene Integration. Doch die Deutschkurse beanspruchen meist zwei ganze Arbeitstage pro Woche. Für Beschäftigte in der Produktion ist der Kursbesuch kaum zu vereinbaren mit ihrer Arbeit. Deshalb hat Cordenka Anfang dieses Jahres einen eigenen Deutschkurs ins Leben gerufen.

„Bei uns können Leute anfangen zu arbeiten, auch wenn sie noch kein gutes Deutsch sprechen“, sagt Michael Mück, Betriebsratsvorsitzender bei Cordenka. Die neuen Beschäftigten besuchen dann einen der Kurse, der vor Schichtbeginn oder nach Schichtende stattfindet. Der Sprachunterricht richtet sich nicht nur an Flüchtlinge – von den 28 Beschäftigten, die ihr Deutsch verbessern möchten, stammen einige aus Bulgarien oder Griechenland, andere kommen aus Syrien. Einer der beiden Lehrer ist gebürtiger Tunesier. „Es ist für alle motivierend, wenn ich ihnen meine eigene Integrationsgeschichte erzähle“, sagt Khiareddine Mahfoudh.

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Er unterrichtet auch an einer Volkshochschule und einer Montessori-Schule, in der kein Frontalunterricht, sondern ein offener Unterricht mit großen Anteilen freier Arbeit angeboten wird. Dieses Konzept wendet Mahfoudh für den Kurs bei Cordenka an, um den unterschiedlichen Sprachniveaus der Beschäftigten gerecht zu werden.

Mulham Masri lebt seit gut 14 Monaten in Deutschland; seit September vergangenen Jahres arbeitet er in der Sortierung bei Cordenka. „Meine Kollegen behandeln mich wie einen kleinen Bruder“, sagt der 25-Jährige, der in Syrien ein Maschinenbaustudium abgeschlossen hat. Er hörte von einem Freund, dass sich die Geheimpolizei für ihn interessiert. „Ich habe in Aleppo für die freie Meinung und gegen Assad demonstriert“, sagt Masri. Um einer Festnahme zu entgehen, flüchtete er aus Syrien.

Für Masri war es nicht ganz einfach, eine Arbeit in Deutschland zu finden. „Viele Arbeitgeber haben kein Vertrauen, Flüchtlinge in den Betrieb zu lassen“, sagt er. Doch bei Cordenka wurde er gut aufgenommen. Jeden Monat schickt Masri einen Teil seines Gehalts an in Syrien gebliebene Familienmitglieder. Mittlerweile hat er eine Aufenthaltsgenehmigung für die kommenden drei Jahre.

Für Hafez Salmo ist Deutschland sein neuer Lebensmittelpunkt. 2012 flüchtete er aus Syrien; seit Anfang 2015 arbeitet er in der Produktion bei Cordenka. Sein zweijähriger Sohn wurde in Deutschland geboren.

Andreas Reeg

Sprachlehrer Khiareddine Mahfoudh (links) erklärt Mulham Masri die Aufgaben für den Unterricht.

Cordenka hatte eine Prämie ausgelobt, wenn Beschäftigte neue Mitarbeiter werben, die mindestens sechs Monate im Unternehmen bleiben. Salmo nutzte die Möglichkeit und vermittelte mehrere syrische Kollegen, die nun gemeinsam mit ihm den Deutschkurs besuchen und so einen doppelten Vorteil genießen: Sie haben Arbeit gefunden und können nebenbei ihre Sprachkenntnisse verbessern. Schwierigkeiten hatten die beiden anfangs mit dem bayerischen Dialekt.

„Mit der Zeit kommt alles«, sagt Mulham Masri mit einem Grinsen. »Ich spreche jetzt ein bisschen Dialekt.“

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