Terre des hommes Projekt

Allein in der Fremde

Der Verein lifeline aus Kiel hilft unbegleiteten jungen Flüchtlingen, in Deutschland eine Zukunft aufzubauen. Durch die Spende an das Kinderhilfswerk terre des hommes unterstützt die IG BCE dessen Arbeit.

Morten Strauch

„Ich habe mir vorgenommen, in sechs Monaten Deutsch zu sprechen“, sagt Samir. „Ich habe mir vorgenommen, in sechs Monaten Deutsch zu sprechen“, sagt Samir. „Dann möchte ich weiter zur Schule gehen und das Abitur machen.“
17.12.2015
  • Von: Michaela Ludwig
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Samir* faltet den Zettel auseinander. Auf der Vorderseite ist eine Adresse notiert. Die handgezeichnete Karte auf der Rückseite zeigt den Weg dorthin. Seit der 17-Jährige und sein jüngerer Bruder Said vor vier Monaten in Deutschland ankamen, trägt er diesen Zettel immer bei sich. Dabei würden sie den Weg zum Vormundschaftsverein lifeline längst im Schlaf finden. Lifeline heißt übersetzt „Rettungsleine“. „Frau Beate hat uns so viel geholfen“, sagt der junge Afghane und lächelt.

Beate Ahr arbeitet in dem Projekt „Klar Kimming“, das ist Plattdeutsch für „Klare Sicht“. Sie berät und betreut Jugendliche, die ohne ihre Eltern nach Deutschland geflüchtet sind. Für die Unterbringung und pädagogische Betreuung der so genannten „unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge“ ist das Jugendamt zuständig.

30.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kamen 2015

Beate Ahr kämpft mit den Jugendlichen für einen Aufenthaltsstatus, der ihnen über den Schulabschluss und die Berufsausbildung hinaus eine sichere Zukunft in Deutschland ermöglicht. Finanziert wird ihre Arbeit aus den Spenden der IG BCE anlässlich des 125-jährigen Jubiläums an das Kinderhilfswerk terre des hommes.

In diesem Jahr sind etwa 30.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, doppelt so viele wie 2014. Seit Jahresbeginn haben bereits über hundert dieser Jugendlichen Beate Ahr um Hilfe gebeten. So auch Samir und Said, die vor acht Monaten Hals über Kopf das elterliche Haus in Kabul verlassen mussten, nachdem ihre Eltern und der ältere Bruder ermordet worden waren. Ihre Flucht führte sie über die Türkei und Ungarn nach Deutschland. In der schleswig-holsteinischen Landeserstaufnahme Neumünster drückte ihnen eine Helferin jenen Zettel mit der Adresse von lifeline in die Hand.

In Kiel führte der erste Weg der Brüder zur angegebenen Adresse. „Ich wollte schnell anfangen, Deutsch zu lernen“, erzählt Samir. Er hatte Glück: Weil die Deutschklassen in den Berufsschulen überfüllt waren, hatte Beate Ahr gemeinsam mit einem Sprachkursträger einen Kurs an einer berufsbildenden Schule organisiert und auch die Finanzierung durch das Jugendamt geregelt. Sie verabredeten sich für den folgenden Morgen vor dem Büro von lifeline und Beate Ahr begleitete die Brüder zur Schule.

Seitdem paukt Samir Deutsch. Morgens in der Schule, nachmittags am Schreibtisch und abends unterrichtet er seine afghanischen Zimmernachbarn, die immer noch auf einen Schulplatz warten. „Ich habe mir vorgenommen, in sechs Monaten Deutsch zu sprechen“, sagt er mit fester Stimme. „Dann möchte ich weiter zur Schule gehen und das Abitur machen.“

Tief sitzt der Schock über den Tod der Eltern

Schon als kleiner Junge träumte er davon, Arzt zu werden. Die Voraussetzungen sind gut: Obwohl Kabul immer wieder von Anschlägen erschüttert wurde - die Narben einer Explosion zeichnen Samirs Arm noch heute - hat er neun Jahre die Schule besucht und spricht gut Englisch.

Morten Strauch

Verstehen sich gut: Samir und sein Vormund Konrad Groß Verstehen sich gut: Samir und sein Vormund Konrad Groß

Während der ältere Bruder motiviert in die Zukunft schaut, wird der 16-jährige Said von den Bildern der Vergangenheit verfolgt. Zu tief sitzt der Schock über den Tod der Eltern. „Um ihn mache ich mir Sorgen“, sagt Beate Ahr nachdenklich. Er hat den Deutschkurs heute ausfallen lassen, ist nicht zur Verabredung für das Interview gekommen.

Beate Ahr ist froh, dass Said eine Therapie begonnen hat. Ihre Kollegin von lifeline hat den Brüdern einen ehrenamtlichen Vormund vermittelt. Für den ehemaligen Hochschulprofessor Konrad Groß ist dies die vierte Vormundschaft. Er versteht es, eine Beziehung zu diesen Jungen aufzubauen. „Für traumatisierte Jugendliche müssen wir schnell eine Alltagsstruktur schaffen“, sagt sie. „Schulbesuch und Familienanschluss sind dabei sehr wichtig.“

Die Rettungsleine ist ausgeworfen. Sie hoffen, dass es dem jungen Flüchtling gelingt, diese zu ergreifen.

*Namen der jungen Flüchtlinge von der Redaktion geändert

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