Mit dem Bus nach Berlin

22-Stunden-Schicht für die Braunkohle

Am 25. April demonstrierten rund 15.000 Menschen in Berlin gegen die geplante Kohle-Abgabe. Vom Tagebau Garzweiler fuhren viele früh morgens mit dem Bus los, um gemeinsam für ihre Arbeitsplätze und ihre ganze Region zu kämpfen.

Gero Breloer

Demo Berlin Rund 15.000 Demonstranten aus den Revieren machten am 25. April in Berlin ihren Standpunkt zur aktuellen Energiepolitik klar.
25.04.2015

An diesem Samstagmorgen beginnen fast alle Schichten im Tagebau Garzweiler schon gegen vier Uhr. Auf dem Werksparkplatz in Grevenbroich wuchten Hunderte Mitarbeiter in der Dunkelheit Fahnen und Kisten mit Proviant in Busse und spülen ihre Müdigkeit mit Kaffee aus Plastikbechern runter. „Das ist keine gute Zeit“, sagt Schlosser Jürgen Küster, während er in einen der Busse steigt. Er meint nicht die Tageszeit, sondern die Wirtschaftspolitik. „Wir kämpfen heute für unseren Arbeitsplatz.“ Sein Kollege Frank Ormanns nickt: „Diesmal ist es ernst.“

Deshalb sind alle hier, Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht, RWE-Mitarbeiter und Angestellte von Tochterfirmen. Mit 35 Bussen machen sie sich auf den Weg. Ziel der Reise: Berlin und der mittelfristige Erhalt der Braunkohle-Kraftwerke. Zusammen mit anderen Betroffenen aus Rheinland und Ruhrgebiet sowie den Braunkohle-Revieren in Ostdeutschland wollen sie gegen die geplante Kohle-Abgabe aus dem Eckpunktepapier von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel protestieren. Denn diese Pläne bedrohen vor allem ältere Braunkohlekraftwerke und nach Hochrechnungen bis zu 100.000 Arbeitsplätze.

„Der Rhein-Kreis Neuss als eine der wirtschaftsstärksten Regionen NRWs würde ohne Braunkohle hinten über kippen“, sagt Jürgen Linges, Vorsitzender der Vertrauensleute,  „oder nehmen wir Cottbus; in der Gegend haben sie praktisch nichts anderes.“ Sein Handy klingelt schon wieder. Zum dritten Mal erklärt er einem der anderen Organisatoren, dass die Busunternehmen einige Fahrzeuge an den falschen Treffpunkt geschickt haben und dass die Nummern nun nicht mehr stimmen. Dann steht er auf und verteilt Ablaufpläne. Geplante Fahrzeit sieben bis acht Stunden, Rückkehr gegen zwei Uhr in der nächsten Nacht. „Es gibt ein Lunchpaket zum Frühstück, dann Mittagessen bei der Kundgebung, und für abends bekommen wir wieder Lunchpakete.“ Für 7000 Leute hat die Kantine Tüten mit Verpflegung gepackt. Auch Details wie Butterbrot und Müsliriegel sind wichtig, wenn es heute ums große Ganze geht.

Trotz der ernsten Lage ist die Stimmung im Bus gut. Vorn döst die Spätschicht, während Ormanns und Küster von der Frühschicht mit Linges über eine wirtschaftlich und sozial verträgliche Energiewende diskutieren. Ein paar von den jüngeren Hilfsgerätefahrern hinten machen Selfies und grüßen einen Bus mit Kollegen, der ein Schild in der Scheibe hat: „Finger weg von unseren Arbeitsplätzen“. Musik dudelt aus irgendeinem Handy, und jemand überlegt scherzhaft, ob seine Solidarität bei einem Schlager von Helene Fischer nun doch ein Ende habe.

Gero Breloer

Demo Berlin Buss Rund 300 Busse brachten die Demonstranten nach Berlin.

„Ach, eine kleine Betriebsversammlung“, ruft Linges und lacht, als der Bus gegen halb sieben zu den ganzen anderen RWE-Bussen auf den Rastplatz rollt. Mittlerweile ist es einigermaßen hell, es soll ein sonniger Tag werden. Die Hilfsgerätefahrer überlegen beim Rauchen, dass sie nächstes Mal auch ein gemütliches Wohnmobil nehmen könnten, hoffen aber eigentlich, dass nicht noch eine Demonstration nötig ist. „Wir hauen mit dem Hammer auf Tisch, das muss da oben in der Politik ankommen“, sagt Sebastian Fix. Für ihn und seine beiden Kollegen Tobi Jaeger und Frank Stoffregen, alle zwischen Mitte 20 und Mitte 30, hängt die ganze Zukunftsplanung von der Braunkohle ab. „Außerdem bezweifle ich, dass es genug grüne Energie gibt, um den Strombedarf zu decken, wenn die Braunkohle so viel früher wegfällt“, sagt Stoffregen und steigt wieder in den Bus ein.

Kurz vor Berlin dreht der Fahrer das Radio lauter, als die Nachrichten die Demonstration ankündigen. „Die Presse berichtet, das ist schonmal gut“, sagt Linges. In einer langen Kolonne kommen die Busse am Invalidenpark an, die Uhr zeigt 13:15. Damit die Presse auch etwas zu sehen bekommt, nehmen Stoffregen und Kollegen IG BCE-Fahnen mit, Küster und Ormanns lassen sich Käppis in die Hand drücken. Eigentlich wollte Linges einen Sarg als Symbol haben, aber der passte nicht in den Bus. Auf dem Platz sammeln sich gut 15.000 Leute. Sogar aus Tschechien und Ungarn sind Kollegen da. Manche haben die ganze Familie mitgebracht: die Großmutter, deren Mann auch im Revier gearbeitet hat, oder die kleine Tochter, die das Braunkohle Lausitz-Shirt als Kleid trägt.

  • Demo Berlin
    Foto: 

    Gero Breloer

    Auf dem Weg zum Kanzleramt.

  • Loading ...

  • Loading ...

  • Loading ...

  • Loading ...

  • Loading ...

1 /

Als schier endloser Strom ziehen sie alle zum Bundeskanzleramt, wo die Bühne für die Redner steht. Ormanns und Küster treffen alle paar Meter alte Kollegen. Mit Trillerpfeifen bleiben sie am Rand des Platzes vor dem Kanzleramt stehen. Während Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE, redet, schwillt das Pfeifkonzert immer wieder zustimmend an. „Wir elektrisieren Deutschland Tag und Nacht, auf uns ist Verlass!“, ruft er den Demonstranten zu und mahnt Sigmar Gabriel, Wort zu halten und den sozialen Blackout zu verhindern. „Wir kämpfen für gute Jobs und die Energiewende mit der Brückentechnologie Braunkohle“, sagt er und haut auf sein Stehpult. Die Menge brodelt.

Laut wird es auch, als NRWs Minister für Stadtentwicklung, Michael Groschek, spricht. „Wir verlangen Schutz der Familien im Revier vor Hartz IV! Wer vorzeitig aus Kernkraft und Braunkohle aussteigen will, will aus der Industrie aussteigen“, macht er deutlich und fordert von der Politik „klare Kante statt Geschwurbel.“ Dem Publikum macht er Mut: „Steht zusammen, wir haben es auch beim EEG geschafft, einen vernünftigen Weg zu finden.“

Ormanns und Küster sind begeistert über die vielen Teilnehmer und freuen sich, auf dem Rückweg Passanten erklären zu können, wofür sie hier sind. „Das war gut, auch die Stimmung“, sagt Ormanns, als er um sechs wieder in den Bus steigt. „Ich bin fast sicher, dass die Veranstaltung Erfolg hat“, meint auch Küster und lässt sich mit einem Seufzen in den Sitz sinken. Linges hat noch andere Sorgen. Er ist schon wieder am Handy, weil in einem der Busse ein Passagier und in einem anderen das Abendessen fehlt. Als alles geklärt ist, legt er auf. „Vassiliadis hat wirklich die Emotionen auf den Punkt gebracht, und auch Groschek hat gut gesprochen“, sagt er, „jetzt muss nur noch die Wirkung kommen.“ Im Bus wird es immer ruhiger, die Spätschicht unterhält sich noch eine Weile leise, dann schläft auch sie.

Nach oben