Interview

Früher Bergleute - heute Studenten

Die Technischen Fachhochschule Georg Agricola in Bochum ist seit 200 Jahren tief im Revier verwurzelt. Warum die meisten Studenten aus Nicht-Akademiker-Familien kommen und viele neben dem Beruf studieren, erklärt Professor Jürgen Kretschmann, Präsident der Fachhochschule, im Interview.

TFH

Professor Jürgen Kretschmann Jürgen Kretschmann, Präsident der Technischen Fachhochschule Georg Agricola in Bochum.
26.09.2014
  • Von: Katja Edelmann
Schlagworte

Rund 75 Prozent Ihrer Studierenden stammen aus Nicht-Akademiker-Familien, etwa 40 Prozent haben Migrationshintergrund. Wie kommen diese hohen Anteile zustande?

Das liegt an unserer Tradition. Früher waren wir eine Fachhochschule des Bergbaus, eine typische Aufsteiger- Hochschule, die Talenten aus Bergbaufamilien eine Perspektive geboten hat. Früher haben wir die Bergleute ausgebildet – heute ihre Kinder und Enkel. Wir sind im Revier seit fast 200 Jahren tief verwurzelt. Unser wichtigstes Marketing-Instrument ist unser guter Ruf.

Wie kommen Sie mit zukünftigen Studierenden im Revier in Kontakt?

Wir sind in den Berufskollegs, an weiterführenden Schulen und auf Bildungsmessen unterwegs. Vor allem bei den Bergbau-Berufskollegs waren und sind wir eng verankert. Die Lehrer sprechen Talente, die dort ihre
Fachhochschulreife machen, an und empfehlen unsere Hochschule.

37 Prozent absolvieren das Studium an Ihrer Fachhochschule berufsbegleitend. Ist das ein Trend?

Ja, in den letzten drei Jahren hat sich die Zahl der berufsbegleitenden Studierenden um 50 Prozent erhöht. Sie sind schon etwas älter und nutzen das Studium gezielt als Aufstiegsqualifizierung. Den Trend sollten die Unternehmen,in denen die IG BCE vertreten ist, zur Kenntnis nehmen und schauen, wie sie ihre jungen Talente berufsbegleitend fördern können.

Warum ist das Studium neben dem Beruf so attraktiv?

Im Vergleich zu einem dualen Studium, das Ausbildung und Studium kombiniert, aber nicht für jeden geeignet ist, entzerrt das berufsbegleitende Studium die Dinge: Erst macht man eine Ausbildung und Mitte 20, wenn man im Beruf Fuß gefasst hat, beginnt man nebenbei zu studieren. Das sichere Einkommen, die ökonomische Sicherheit, ist ein wichtiger Parameter. Trotz Doppelbelastung wirkt sich das positiv aus auf den Studienerfolg: Teilzeit-Studierende sind anders organisiert und studieren ein bisschen länger, sind aber leistungsmäßig nicht schlechter. Das wird ein langfristiger Trend für Talente in größeren, aber auch mittelständischen Unternehmen.
Sie sind mit 2342 Studierenden eine kleine Hochschule.

Fühlen sich gerade berufsbegleitend Studierende und die junge Generation aus hochschulfernen Familien dort besser aufgehoben?

Wir wollen den Leuten gute Perspektiven bieten. Deswegen kümmern sich unsere Professoren sehr darum, dass unsere Studierenden die Abschlussarbeiten immer in Unternehmen schreiben. Das liegt mir persönlich am Herzen: Ich komme auch aus einer klassischen Arbeiterfamilie und sehe mich in der Verantwortung, mich um die jungen Leute zu kümmern. Auch gemeinsam mit der IG BCE. Sie ist seit Jahrzehnten ein ganz enger Freund des Hauses. Durch die Abschlussarbeit im Betrieb haben wir zu über hundert großen und kleinen Unternehmen Beziehungen, die häufig über Generationen gewachsen sind. Wenn die Studierenden dort einen guten Eindruck machen, werden sie gerne übernommen. Die allermeisten Vollzeit-Studierenden haben eine Arbeitsplatzzusage, bevor sie ihr Zeugnis bekommen. Wir erhalten immer wieder Anfragen, auch aus dem IG-BCE-Bereich, ob wir nicht Leute hätten. Das liegt an dem allgemeinen Ingenieurmangel. Wir könnten noch mehr ausbilden, aber wir sind eine familiäre Hochschule, kein Massenbetrieb.

Nach oben