Studium

Uni auf Umwegen

Den Bachelor hat Martin Weiß schon in der Tasche. Doch das Studium war für ihn keine Selbstverständlichkeit. Denn der 26-Jährige ist ein Arbeiterkind aus dem Ruhrgebiet und der erste Akademiker in der Familie.

Emily Wabitsch

Martin Weiß im Hauptgebäude der Leibniz Universität in Hannover. Studiert ohne Druck von zu Hause: Martin Weiß im Hauptgebäude der Leibniz Universität in Hannover.
24.09.2013
  • Von: Katrin Schreiter

Aus wissenschaftlicher Sicht findet Martin Weiß seinen Vergleich zwar zu sehr vereinfacht, aber irgendwie gefällt ihm das Gleichnis doch: "Chemie ist wie Lego für Erwachsene, wo sich in einer Art Baukastensystem Verbindungen zusammensetzen", sagt der 26-Jährige. "Ob man Kaffee kocht, eine beschichtete Pfanne oder eine Batterie benutzt – im Prinzip hat alles um uns herum irgendwie mit Chemie zu tun."

So begeistert sieht das Martin Weiß während seiner Schulzeit nicht gleich: "Chemie hat mich zwar interessiert, aber richtig gut war ich nicht in diesem Fach" Erst nach seinem Schulpraktikum in einem Labor fasziniert ihn die Welt der Moleküle so sehr, dass er beruflich damit zu tun haben will.

Doch an einer Uni will sich der gebürtige Bergkamener nicht gleich einschreiben: "Ich wusste nicht, was mich im Studium erwartet und ob ich das alles schaffen werde", erinnert er sich heute. "Ich kannte auch keine anderen Studenten, die ich hätte fragen können. Vom Studium hatte ich nur das Klischee im Kopf: Semesterferien und Partys."

Auch seine Eltern können ihm nicht mit eigenen Erfahrungen weiterhelfen – er stammt aus einer Arbeiterfamilie. Sein Vater hat Elektriker im Bergbau gelernt, seine Mutter Einzelhandelskauffrau, schon seit vielen Jahren ist sie Hausfrau. Martin Weiß wächst in einer Region im Ruhrgebiet auf, die von der Zeche geprägt wird. Er hört Geschichten von schwerer körperlicher, manchmal auch gefährlicher Arbeit im Stollen. Und in der Schule lernt er noch das Bergmannslied "Glück auf, der Steiger kommt".

Er entscheidet sich erst einmal für eine Lehre als Chemielaborant, stellt Lösungen her, analysiert Stoffe, untersucht Prozesse.
"Mit der Berufsausbildung habe ich mir ein Stück Sicherheit geschaffen", erzählt er. "Falls das Chemiestudium nicht das Richtige für mich gewesen wäre, hätte ich nach einem Abbruch nicht wieder bei null angefangen."

Eine Entscheidung, die sich vor allem zu Studienbeginn als vorteilhaft herausstellt: "Ich habe schon viel Grundlagenwissen mit an die Uni genommen", erinnert sich der junge Mann, der nicht zuletzt mithilfe eines Stipendiums der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung seinen Bachelor mittlerweile in der Tasche hat.

Froh ist Martin Weiß, der selbst auch Mitglied in der IG BCE ist, dass seine Eltern stets seine persönlichen Entscheidungen respektiert haben: "Ich habe zu Hause nie Druck bekommen. Da gab es keine bestimmten Erwartungen, keine Vorgaben, was ich erreichen musste. Meine Ziele habe ich mir immer selbst gesteckt."

Daran hat sich auch nichts geändert. Die nächsten Stationen hat der Ruhrpottler bereits anvisiert: erst Master, vielleicht mit einem Auslandsaufenthalt, dann Promotion auf dem Gebiet der analytischen Chemie. Schritt für Schritt, Baustein für Baustein – auf einem soliden Fundament.

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