Interview mit den Technicum-Betriebsräten Uwe Jockers und Ivo Radja

Ein „Hire and Fire“ gibt es bei uns nicht

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles brachte kurz vor den Sommerferien ihren Gesetzentwurf zur Bekämpfung des Missbrauchs bei Leiharbeit und Werkverträgen auf den Weg. Er sorgt für die Beschränkung der Zeitarbeit auf 18 Monate, gleichen Lohn für Zeitarbeiter nach neun Monaten sowie bessere Möglichkeiten gegen den Missbrauch von Werkverträgen.

Rudi Heim

Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Technicum GmbH Uwe Jockers, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Technicum GmbH
11.07.2016
Schlagworte

Die IG BCE hat sich in der Vergangenheit nicht gegen Leitarbeit ausgesprochen, sofern es sich dabei um den Einsatz bei Produktionsspitzen oder bei unvorhergesehenen Ereignissen handelte. „Klare Front“ macht auch sie gegenüber Missbrauch sowie den schwarzen Schafen der Zeitarbeitsbranche. „Angenehm anders als alle anderen“ sieht sich die Technicum GmbH, die als Teil der USG People Group zu den führenden Unternehmen der Branche zählt. Keine Selbstverständlichkeit im Zeitarbeitsgeschäft: Das Unternehmen verfügt über einen eigenen Betriebsrat. Ein Gespräch mit den Technicum Betriebsräten Uwe Jockers (Gesamtbetriebsratsvorsitzender) und Ivo Radja (GBR-Mitglied):

Was bedeutet die neue Gesetzgebung für Technicum?

Uwe Jockers: Jedenfalls kein unüberwindbares Problem. Der Großteil der an unsere Branche gestellten Anforderungen ist schon heute für uns bei Technicum eine Selbstverständlichkeit. Bei den neu auf uns zukommenden Anforderungen wird das Unternehmen, wie schon bei der Einführung von den Branchenzuschlägen vor einigen Jahren, praktikable und rechtskonforme Lösungen finden.

Rudi Heim

Ivo Radja, Gesamtbetriebsratsmitglied bei der Technikum GmbH Ivo Radja, Gesamtbetriebsratsmitglied bei der Technikum GmbH

Ivo Radja: Schon aus Fairnessgründen den Mitarbeitern gegenüber sind wir immer schon für Equal Pay gewesen. Gute Arbeit muss auch entsprechend honoriert werden. Für schmales Geld und niedrige Löhne bekommt man heute keine Facharbeiter mehr. Durch das neue Gesetz müssen wir uns nicht mehr dem „Wettbewerb“ der Billig-Konkurrenz aussetzen.

Uwe Jockers: Bei uns gibt es auch keine Werksverträge. Die gehen stets zu Lasten der Arbeitnehmer.

Worin liegt die Attraktivität für ein Zeitarbeitsunternehmen zu arbeiten?

Ivo Radja: Viele junge Leute werden nach ihrer Ausbildung nicht übernommen oder bekommen nur einen auf ein Jahr befristeten Vertrag. Bei Technicum ist das anders. Bei uns erhalten in der Regel alle gleich eine unbefristete Anstellung. Wir wollen unserer Personal langfristig halten. Die Beschäftigten sind unser Kapital. Bei uns wir keiner entlassen, nur, weil ein Projekt oder Auftrag zu Ende geht.

Uwe Jockers: Ein „Hire and Fire“ gibt es bei uns nicht. Wir sind ein Betrieb, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht. Denn die Menschen, also die Mitarbeiter, sind es, die unser Unternehmen ausmachen. Wir freuen uns, wenn unsere Mitarbeiter in unserem Team bleiben, weil sie sich bei uns wohl fühlen. Gute Leute sind unsere beste Visitenkarte. Ein Beispiel: Bei einem unserer Kunden gibt es derzeit Kurzarbeit im Unternehmen. Aber weder der Kunde, noch wir wollen Mitarbeiter verlieren. Denn die leisten gute Arbeit und werden wieder gebraucht, wenn es weitergeht. Wir haben uns mit dem Kunden und seinen Betriebsräten zusammengesetzt und nach Lösungen gesucht und diese gefunden. Wir entlassen nicht einfach unsere Leute.

Wie oder warum wird man Betriebsrat in einer Zeitarbeitsfirma?

Uwe Jockers: Als bei uns das Thema aufkam, habe ich es als Herausforderung angesehen. Diese Arbeit läuft etwas anders, als in anderen Unternehmen. Wir sind ja an mehreren, teils sehr unterschiedlichen Arbeitsstätten präsent. Das ist schwieriger als vielleicht anderswo, aber zugleich auch spannend.

Ivo Radja: Es ist zum Beispiel gar nicht so einfach zu einer Betriebsversammlung zusammenzukommen. Das ist schon eine Herausforderung. Dafür braucht man Fingerspitzengefühl. Es gibt ja unterschiedliche Arbeitsorte und unsere Kunden darf man dabei auch nicht vergessen. Aber mit unserem Einsatz haben wir auch Ihr Verständnis gewonnen.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft und anderen Betriebsräten aus?

Uwe Jockers: Natürlich haben wir einen guten Kontakt zu den Betriebsräten der meisten Kundenunternehmen von Technicum. Darüber hinaus tauschen wir unsere Erfahrungen auch mit den Betriebsräten der Branche aus. Unsere Botschaft lautet: Seht, wir haben einen Betriebsrat, der vernünftige Arbeit macht. Das wird auch von unserer Geschäftsleitung voll akzeptiert. Und nicht zuletzt haben wir zusammen mit der IG BCE einen sehr guten Haustarif vereinbart.

Ivo Radja: Zeitarbeit kommt in der Presse oftmals nicht gut weg. Es wird in der Regel nur darüber berichtet, falls etwas schiefgeht. Wir haben aber eine gute Presse. Abgesehen davon ignoriert die Politik in der gesamten Debatte die Interessen der Zeitarbeitnehmerinnen und -arbeitnehmer…

Uwe Jockers: ...beispielsweise könnte man wie bereits in den Niederlanden, Luxemburg oder Frankreich die Flexibilität besser honorieren. Dort gibt es Aufschläge gegenüber der Stammbelegschaft.

Ivo Radja: Unsere Branche steht permanent unter Generalverdacht. Alle werden über einen Kamm geschoren. Und das ist schade. Wieso wird eigentlich den „Schwarzen Schafen“ nicht die Lizenz entzogen. Die Möglichkeit gibt es ja. Doch das ist, soweit ich weiss, bislang noch nie passiert.

Das Gespräch führte Christian Hülsmeier, aufgezeichnet von Rudi Heim.

Nach oben