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14.06.2017

Von: Axel Stefan Sonntag

Tarifrunde Papierindustrie 2017

SCA-Belegschaft verstärkt den Druck

An Feiertagen fortwährend durcharbeiten – und gleichzeitig von einer von Strukturwandel geprägten Branche sprechen. Produktionsrekorde feiern – und kontinuierlich die Leistung der Mitarbeiter verdichten. Bereitwillig Erfolgsbeteiligungen zahlen – andererseits nicht annehmbare Vorschläge für Tariferhöhungen unterbreiten: Drei Beispiele, die allesamt zeigen, wie sehr in der aktuellen Papier-Tarifrunde die Argumentation der Arbeitgeberseite von Widersprüchen geprägt ist.

Tarifrunde Papier SCA „Die Unternehmer müssen merken, dass wir es ernst meinen.“

Klaus Huth, Betriebsratsvorsitzender beim Hygienepapier-Hersteller SCA in Mainz-Kostheim, kann sich über die derzeitige Tarifauseinandersetzung nur wundern: „Wir sind eigentlich stolz auf eine Sozialpartnerschaft, die beide Seiten seit vielen Jahren hoch hängen und loben. Doch jetzt, nach einer erfolglosen zweiten Verhandlungsrunde, drängt sich die Frage der Sozialpartnerschaft so stark auf wie schon lange nicht mehr“, sagt er.

Das Mitglied der Bundestarifkommission, welche die „absolut bodenständige Forderung“ von 4,8 Prozent mehr Entgelt mit beschloss, ärgert sich über die starre Haltung der Arbeitgeberseite. Und über deren Vorschlag von 2,4 Prozent auf 15 Monate, den die Arbeitgeber in der zweiten Verhandlungsrunde auch nach zwölfstündigen Gesprächen nicht weiter verbessern wollten. Für Huth und seine Kollegen ist deshalb klar: „Der Druck muss wachsen und jetzt auf die betriebliche Ebene führen. Das haben wir Mitglieder der Bundestarifkommission vereinbart. Und ich bin mir sicher, dass wir im Vorfeld der dritten Verhandlungsrunde deutliche Zeichen setzen werden.“

Bei SCA ruhte die Produktion

Ein solches Signal war die am Dienstag (13. Juni) auf dem SCA-Werksgelände stattgefundene „tarifliche Vollversammlung“. Nicht nur, dass rund einhundert Beschäftigte vor dem Betriebsratsgebäude aufmarschierten. Die Arbeitnehmervertreter sorgten gleichzeitig dafür, dass alle der 21 Verarbeitungslinien rund eine Dreiviertelstunde lang stillstanden. „Die Unternehmer müssen merken, dass wir es ernst meinen“, betont Huth.

Dabei geht es den Betriebsräten nicht einfach nur darum, im normalen Rhythmus einfach mehr Geld zu fordern. „Die Überstunden sind zum Normalfall geworden, die Personaldecke ist sehr knapp bemessen. Zudem ist die Komplexität der Anlagen immer weiter gestiegen“, berichtet Sandro Giacinti, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender. Carlos Goncalves, der seit 1985 bei SCA in der Produktion arbeitet, betont: „Was früher per Hand geschah, erledigt heute der Computer." Ein Maschinenführer mache längst mehr, als nur die Maschine zu führen.

"Es geht darum, den gesamten Produktionsablauf zu organisieren, Terminals zu bedienen, mit der Logistik zu kommunizieren, Ersatzteile zu bestellen und vieles mehr. Die Arbeit ist komplexer geworden, die Zeiten wurden aber immer enger bemessen“, sagt der Vertrauensmann. Ein ganz konkretes Beispiel, welches die zunehmende Leistungsverdichtung in der Branche darstellt – und das die Arbeitnehmervertreter gewürdigt wissen wollen. Übrigens nicht nur in der Produktion. Simone Mählig, die seit 21 Jahren bei SCA in Mainz arbeitet, erlebt dieselbe Entwicklung in ihrer Exportabteilung.

„Anfangs haben wir uns auf den europäischen Absatz beschränkt, inzwischen kommunizieren wir mit Abnehmern in der gesamten Welt“, sagt die Bürokauffrau. Sie wurde 2012 – nach Rückkehr aus ihrer Elternzeit – von den deutlich gestiegenen Ansprüchen der Kunden und der daraus resultierenden Schnelllebigkeit gewissermaßen überrannt. Das zwölfköpfige Team kämpft schon länger dafür, die Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen.

4,8 Prozent sind bereits ein Kompromiss

„Für uns hier ist eine Forderung von 4,8 Prozent eigentlich viel zu wenig“, betont deshalb Rocco Benhalila. Für den Vertrauensmann, der alle Arbeitnehmer über den derzeitigen Stand der Gespräche auf dem Laufenden hält und mobilisiert, ist die aktuelle Forderung „schon ein Kompromiss“. Denn für Benhalila ist nicht nachvollziehbar, weshalb das Unternehmen einerseits Prämien für 2016 ausschüttet, andererseits aber die Tarifforderung offensichtlich nicht ernst nimmt.

Klar ist: Für die SCA-Arbeitnehmervertreter war die Kundgebung auf dem Werksgelände nicht die einzige Veranstaltung während der laufenden Auseinandersetzung. Für die Zeit bis zum 28. Juni, dem Tag der dritten Verhandlungsrunde, sind weitere Aktionen bereits minutiös durchgeplant. Für jede einzelne Kalenderwoche, Überraschungen inklusive.

  • Tarifrunde Papier SCA
    Foto: 

    Andreas Reeg

    Starkes Signal: Rund einhundert Beschäftigte marschierten vor dem Betriebsratsgebäude auf.

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