Tarifverhandlungen

Und wo bleibt die Werkfeuerwehr?!

Sie sorgen für Sicherheit in den Unternehmen, und wenn es mal brennt, sind sie mutig und  zur Stelle - auf die Werkfeuerwehrleute ist immer Verlass. Doch was ist mit ihnen selbst - wer kümmert sich um sie, wenn sie nicht bis 67 ihre schwere Arbeit verrichten können? Am Mittwochmorgen (14. Oktober) machten die Werkfeuerwehrleute von Henkel in Düsseldorf auf ihre Arbeitsbedingungen aufmerksam. Eine von mehreren Aktionen an verschiedenen Standorten vor der zweiten Tarifrunde am 19. Oktober.

Frank Rogner

Rüdiger Schleuter und Rainer Schmitz (von links) machen auf die Probleme aufmerksam. Warum ist ihr 24-Stunden-Dienst nicht als Schicht anerkannt? Rüdiger Schleuter und Rainer Schmitz (von links) machen auf die Probleme aufmerksam.
15.10.2015
  • Von: Dagny Riegel
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Bei den Werkfeuerwehren schwelt ein Brand. Sie sorgen dafür, dass bei Chemieunfällen das Schlimmste verhindert wird, gehen bei Feuer ins Gebäude und schlagen die Flammen zurück. Doch was ist mit ihnen selbst - wer kümmert sich um sie, wenn sie nicht bis 67 ihre schwere Arbeit verrichten können? Warum ist ihr 24-Stunden-Dienst nicht als Schicht anerkannt, so dass es dafür das volle Geld gibt? Das sind einige der Fragen, die nun schon lange vor sich hin kokeln, ohne dass konkret etwas passiert.

Deshalb bekam manch ein Henkelaner, ehe er sichs versah, heute auf dem Weg ins Werk ein Sauerstoffgerät in die Hand gedrückt. „Über 30 Kilo wiegt unsere Ausrüstung“, sagt Rüdiger Schleuter, Werkfeuerwehrmann und Betriebsrat, und hält das Gerät an Tor eins der Firma Henkel einer Kollegin mit Rock und Handtasche hin. „Bis wir 67 sind, müssen wir das schleppen können“, fügt er hinzu, „stellen Sie sich mal vor, wir müssen Sie damit in dem Alter aus dem vierten Stock retten.“ Die Frau guckt überrascht und nimmt dann doch lieber nur den Info-Flyer, statt das schwere Sauerstoffgerät in die Hand.

Lasst uns nicht im Regen stehen

Ein halbes Dutzend Werkfeuerwehrleute stehen im nassen Morgengrauen am Düsseldorfer Henkelgelände, direkt vor der Glasfassade des Managements. In Schutzkleidung - einmal wegen der Eiseskälte, aber auch um gesehen zu werden. Als Einsatzwagen haben sie heute den roten IG BCE-Ape zur Unterstützung dabei. Nachdem im Juni die erste Tarifrunde mit dem Bundesarbeitgeberverband Chemie, BAVC, ergebnislos verlief, wollen sie vor der zweiten Runde am 19.10. noch einmal deutlich machen, dass sie jetzt dran sind. Und dass es nicht nur um ihr Geld und ihre Gesundheit geht, sondern auch um die Sicherheit aller.

Frank Rogner

Rainer Schmitz (rechts) infomiert über die Arbeitssituation der Werkfeuerwehr. Aufklärendes Gespräch: Rainer Schmitz (rechts) infomiert im nassen Morgengrauen am Düsseldorfer Henkelgelande über die Arbeitssituation der Werkfeuerwehr.

„Dass die Kollegen von der Werkfeuerwehr nur auf eigene Kosten früher in Rente gehen können, wenn sie die Arbeit körperlich nicht mehr schaffen, ist ein Problem“, sagt Melenke Stolle, die auf dem Weg ins Büro ist, „es wäre fair, sie mit der öffentlichen Feuerwehr gleichzustellen.“ Die kann längst mit 60 in Rente gehen, ohne Abschläge einstecken zu müssen. Es überrascht viele, zu hören, dass dies bei der Werkfeuerwehr nicht der Fall ist. „Das kriegt man gar nicht mit“, meint Samuel Baum, Elektriker, der das Sauerstoffgerät respektvoll hochhebt, „zumindest ein anderes innerbetriebliches Tätigkeitsfeld sollte ab einem gewissen Alter zugesichert sein.“

Keine Angst vorm Feuer, aber vorm Alter

Neben ihm steht Rainer Schmitz in Schutzanzug mit Mütze und drückt ihm einen Flyer in die Hand, kaum dass er das Sauerstoffgerät wieder abgesetzt hat. Er ist 59 Jahre und darf selbst zur Zeit keine schweren Sachen heben. „Ich bin jetzt im 40. Dienstjahr, da merkt man den gesundheitlichen Verschleiß schon“, erklärt er, „ich möchte arbeiten und tue auch alles dafür, mache Sport und baue mich wieder auf.“ In Absprache mit Arbeitgeber und Werksarzt arbeitet er als Fahrzeugbediener und Maschinist, bis er die Gesundheitsprüfung für Feuerwehrleute wieder schafft. Er ist dankbar für diese Lösung, und es würde ihn als Alleinverdiener mit Familie beruhigen, wenn solche Regelungen in der zweiten Tarifrunde festgeschrieben werden würden. „Das könnte den Älteren die Angst nehmen, ohne eigenes Verschulden womöglich ihren Arbeitsplatz zu verlieren.“

Mittlerweile gibt es eine Fülle unterschiedlicher Vereinbarungen in Betrieben. Auf diese Berufsrealität endlich zu reagieren, gilt es nun aus Sicht der Werkfeuerwehren. Ein einheitlicher Vergütungsrahmen muss her, die 24 Stunden-Dienste als Schicht anerkannt und Perspektiven für ältere Feuerwehrleute gesichert werden. Dazu gehört auch die Altersfreizeit von wöchentlich 2,5 Stunden ab 55 Jahren. Bei manchen Werkfeuerwehren liegt der Altersdurchschnitt um die 50, in einzelnen Schichten kann er entsprechend höher sein. Dass junge Mitarbeiter bei diesen Perspektiven bei Gelegenheit schneller den Beruf oder das Unternehmen wechseln, verschärft die Situation. Es geht nun also darum, den Tarifvertrag an die Wirklichkeit anzupassen.

Frabk Rogner

Werkfeuerwehrmann Damian Baasch „Ich bin ja stolz, in so einem Unternehmen zu sein“, sagt Damian Baasch, 24, „aber ich würde gern für die 24 Stunden im Dienst bezahlt werden wie andere auch oder stattdessen ein 48-Stunden-Modell bekommen.“

Rund um die Uhr da, aber nicht voll bezahlt

Jens Thein, im Sanitäter-Anzug, erklärt am Werkszaun einer Henkelanerin auf Englisch, was los ist. „Wir kriegen keine Sonntagszuschläge, und von den 24 Stunden werden nur 17 bezahlt“, sagt der 31-Jährige, „dabei müssen wir für Notfälle die ganze Zeit auf der Wache sein.“ Auch Damian Baasch, 24, sieht die Probleme vor allem darin: „Ich bin ja stolz, in so einem Unternehmen zu sein“, sagt er, „aber ich würde gern für die 24 Stunden im Dienst bezahlt werden wie andere auch oder stattdessen ein 48-Stunden-Modell bekommen.“

Mit jeder Straßenbahn kommt ein Schwung weiterer Henkelaner auf das Werkstor zu, den die Feuerwehrmänner in Empfang nehmen. Als es gegen halb zehn immer weniger werden, beginnen sie, das Banner einzurollen, Flyer und Plakate zu verstauen. „Ich hätte nicht gedacht, dass so viele stehenbleiben und zuhören um diese Uhrzeit und bei dem Wetter“, sagt Rüdiger Schleuter und packt Helm und Sauerstoffgerät weg, „außerdem ist es toll, dass die Feuerwehr-Kollegen in ihrer Freizeit mitgemacht haben, obwohl sie ja auch seit gestern morgen um sieben hier sind.“ Jetzt gilt es abzuwarten, was am Montag in der Tarifrunde passiert. Viel Hoffnung, dass sich in allen Punkten etwas bewegt, haben sie nicht. Aber notfalls schonmal eine Idee für die nächste Aktion. „Es würde bestimmt für Aufsehen sorgen“, sagt Schleuter und lacht, „wenn wir beim nächsten Mal einen Rollator mitbringen.“

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