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26.09.2018

Von: Daniel Behrendt

Standortkonferenz in der Lausitz

Wandel braucht einen weiten Horizont

Bei der ersten Standortkonferenz der Stiftung Arbeit und Umwelt diskutieren Experten aus Politik und Wirtschaft Herausforderungen und Lösungsansätze für den Strukturwandel im Braunkohlerevier Lausitz.

Der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis begrüßt die 100 Teilnehmer der Standortkonferenz Lausitz. Der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis begrüßt die 100 Teilnehmer der Standortkonferenz Lausitz.

„Einen unkontrollierten Strukturbruch darf es nicht noch einmal geben“: Es sind mahnende Töne, die Michael Vassiliadis zum Auftakt der Standortkonferenz Lausitz anschlägt. Der IG-BCE-Vorsitzende verweist auf die Deindustrialisierung der Nachwendezeit, die die Region wirtschaftlich und infrastrukturell nachhaltig geschwächt hat – und ebenso nachhaltig bis heute als Trauma in den Köpfen vieler Lausitzern ist. „Umso entscheidender ist, dass wir die Energiewende undogmatisch, mit Augenmaß und fairen Zukunftsperspektiven für die Beschäftigten und die gesamte Region angehen.“

Rund 100 Vertreter aus Wirtschaft und Politik, unter ihnen die Ministerpräsidenten Brandenburgs und Sachsens, Dietmar Woidke (SPD) und Michael Kretschmer (CDU),  sind am Dienstag in Cottbus zusammengekommen, um auf Einladung der IG-BCE-Stiftung Arbeit und Umwelt in eben dieser Weise über die Zukunft des Braunkohlereviers miteinander ins Gespräch zu kommen: über den Tellerrand kurzfristiger Zeitfahrpläne und einseitiger Interessen hinweg, stattdessen orientiert am Wohl der Lausitz, der Beschäftigten und ihrer Zukunft.
 
Denn eine Energiewende, die Regionen wirtschaftlich, sozial und kulturell abhängt und Menschen perspektivlos zurücklässt könne niemandes Ziel sein, betont Michael Vassiliadis: „Wollen wir einfach nur Vorbild im Aussteigen sein – oder Vorbild dafür, wie der Strukturwandel ausbalanciert und mit nachhaltigem Erfolg gelingen kann?“, fragt der IG-BCE-Vorsitzende in die Runde. „Wie gut uns das gelingt, wird darüber entscheiden, ob Deutschland bei der Energiewende als Leitstern oder abschreckendes Beispiel gelten wird.“ Gründlichkeit vor Schnelligkeit: Dies sei auch deshalb wichtig, weil Deutschlands Beitrag zur weltweiten CO2-Bilanz mit gerade einmal zwei Prozent weit weniger ins Gewicht falle als der wirtschaftliche und gesellschaftliche Preis, der für eine kurzsichtig herbeigebogene Energiewende schlimmstenfalls zu zahlen sei.

Xander Heinl

Dr. Dietmark Woidke (SPD) betonte, dass die Braunkohle eine zuverlässige und preiswerte Energiequelle sei, die sich nicht auf die Schnelle ersetzen lasse.

„Die Lausitz kann Energie!“: Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke betont, dass Braunkohle eine zuverlässige und preiswerte Energiequelle ist, die, auch dank des großen Beitrags der Region, etwa ein Drittel des Energiebedarfs in Deutschland deckt und sich nicht auf die Schnelle ersetzen lässt. Sowohl bei der Speicherung als auch bei der Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit hätten die Erneuerbaren keine nennenswerten Fortschritte gemacht, zudem stagniere der Ausbau erforderlicher Netze, bilanziert Woidke. Auch er verweist auf den Modellcharakter, den der Strukturwandel in der Lausitz für die rund 40 anderen europäischen Braunkohlereviere hat: „Glauben Sie im Ernst, auch nur eins wird folgen, wenn wir hier keine trag- und zukunftsfähige Lösung hinbekommen?"

Xander Heinl

Michael Kretschmer, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, geht es darum, dass die Energiewende wirtschaftlich und sozial nachhaltig gelingt.

Es geht nicht darum, ob die Energiewende kommt. Es geht darum, dass sie wirtschaftlich und sozial nachhaltig gelingt: Dieser Tenor zieht sich durch alle Beiträge des hochkarätigen Rednerpodiums der Standortkonferenz. Deshalb müsse der Strukturwandel in der Lausitz durch viele Säulen gestützt werden, fordert Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer und nennt als Beispiele Infrastrukturmaßnahmen wie eine ICE-Linie von Berlin über Cottbus nach Görlitz und die Stärkung der Region als Tourismusziel. Bei alledem müsse die Lausitz aber weiterhin eine starke Energieregion bleiben, betont Kretschmer auch in Hinblick auf die guten Arbeitsplätze in der Branche. Klar sei auch, dass wegfallende Stellen nicht durch Billigjobs, sondern „ehrliche Arbeitsplätze“ ersetzt werden müssten.

Tariflich abgesicherte, mitbestimmte Arbeitsplätze in guten, gesunden Unternehmen. Dies jedoch dürfte angesichts der immensen wirtschaftlichen Bedeutung der Braunkohle für die Lausitz die womöglich größte Herausforderung des Strukturwandels sein: „1,5 Milliarden Wertschöpfung im Jahr bringt die Braunkohle der Lausitz. Um das auszugleichen, müssten wir hier über 30 Jahre jährlich ein Unternehmen mit 50 Millionen Umsatz ansiedeln“: Der von Kretschmer gezogene Vergleich macht halbwegs begreifbar, was für die Lausitz und ihre Menschen auf dem Spiel steht.

Xander Heinl

Alle Handlungsoptionen nutzen, die der Lausitz strukturell aufhelfen und mehr Lebensqualität in der Region bringen können - das ist laut Hans Gerd Prodoehl, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Prodoehl Consult, jetzt wichtig.

Auch deshalb heißt es: Lösungen müssen auf den Tisch, besser gestern als morgen. So sieht es auch Hans Gerd Prodoehl, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungsunternehmens Prodoehl Consult: „Wir brauchen kein weiteres Gutachten, keine weitere Studie, keinen weiteren Leitbildprozess für ein besseres Image der Lausitz.“ Entscheidend sei viel mehr, jetzt alle Handlungsoptionen zu nutzen, die der Lausitz strukturell aufhelfen und mehr Lebensqualität in der Region bringen können, um Fachkräfte anzuziehen. „Ein solches Vorhaben geht weit über Wirtschaftsstrukturpolitik hinaus. Das ist eine typische Querschnittsaufgabe, die direkt bei den Ministerpräsidenten aufgehängt sein muss“, meint Prodoehl. Neben mehr „Leadership in der Politik“ sieht der Berater die Schaffung einer umfassend förderfähigen Sonderhandelszone, proaktives Zugehen auf Unternehmen und potenzielle Investoren sowie die Gründung einer „Zukunft Lausitz AG“, die die Region koordiniert voranbringen soll, als möglich Instrumente für einen erfolgreichen Strukturwandel.

Die Tagung in Cottbus verdeutlicht durch die Vielfalt der eingebrachten Perspektiven, dass die Energiewende nur mit vereinten Kräften zu meistern ist. Entsprechend appelliert der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vasiliadis in seinem Schlusswort noch einmal nachdrücklich an die Verantwortung aller Beteiligten: „Selbst, wenn unsere Positionen und Interessen mitunter weit auseinanderliegen. Bei einem Prozess von dieser Tragweite müssen wir bereit sein, Partikularinteressen hinten anzustellen, um dialogfähig zu bleiben.“