Situation auf dem Ausbildungsmarkt

Überstunden und ungeklärte Übernahme

37.100 Ausbildungsstellen haben die Arbeitgeber ausgeschrieben, aber nicht besetzt. Gleichzeitig finden 20.900 junge Menschen keine Lehrstelle. Nicht das einzige Ärgernis auf dem Ausbildungsmarkt: Auch bei der Qualität der Ausbildung liegt einiges im Argen, moniert der Deutsche Gewerkschaftsbund im jüngst vorgestellten Ausbildungsreport 2015. Demnach muss mehr als ein Drittel des Berufsnachwuchses regelmäßig Überstunden leisten, ganze 60 Prozent der Lehrlinge wissen nicht, ob sie ihr Betrieb übernimmt.

David Brandt

10.09.2015
  • Von: Axel Stefan Sonntag

Die „Wirtschaft zeigt großes Engagement“ ließ die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in Bezug auf ihren Einsatz beim Thema Ausbildung im Oktober letzten Jahres stolz verkünden. „Die deutschen Unternehmen (…) eröffnen jungen Menschen Zukunftschancen als Fachkräfte, indem sie auch unter schwierigen Rahmenbedingungen ausbilden“, heißt es.

Höchststand an unbesetzten Ausbildungsplätzen

Jedoch: Der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung vorgestellte Berufsbildungsbericht 2015 lässt deutliche Schwachstellen an diesem Versprechen erkennen: Die Zahl der gemeldeten unbesetzten betrieblichen Ausbildungsstellen erreichte im Ausbildungsjahr 2013/2014 mit 37.100 im langjährigen Vergleich einen neuen Höchststand. Diese Zahl stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum sogar noch um zehn Prozent an. Gleichzeitig aber finden 20.900 junge Menschen keinen Ausbildungsplatz – beispielsweise, weil der Bewerbungsprozess zu komplex oder zu anspruchsvoll gestaltet ist oder Unternehmen nicht bereit sind, Schwächen einzelner junger Menschen zu akzeptieren.

„Woher sollen die Fachkräfte von morgen kommen, wenn Unternehmen heute zunehmend weniger ausbilden, weil sie immer noch glauben nur die Besten der Besten seien ausbildungsfähig“, kritisiert Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE die Praxis vieler Unternehmen. „Es ist an der Zeit, den eigenen Anspruch anzupassen und das Engagement zur Unterstützung junger Menschen wieder zu erhöhen.“

Nachwuchsförderung in der Chemie- und Kautschukindustrie

Frühzeitig hat deshalb die IG BCE in der Chemieindustrie dafür gesorgt, dass auch junge Menschen mit niedrigen Schulabschlüssen eine reale Chance haben. Bereits seit dem Jahr 2000 gibt es das Programm „Start in den Beruf“ – eine Art geförderte Vor-Ausbildung, die aktuell rund 250 Nachwuchskräfte durchlaufen. „Eine Erfolgsquote von weit mehr als 80 Prozent bestätigt die Qualität dieses Angebots“, betont Edeltraud Glänzer. Seit dem Tarifabschluss 2011 existiert des Weiteren „Startplus“, welches speziell kleine und mittelständische Unternehmen für ihren Einsatz beim Thema Ausbildung finanziell belohnt.

Auch in der Kautschukindustrie werden Hauptschul-Absolventen gezielt gefördert. So hat die IG BCE mit den Arbeitgebern im Juli 2014 einen Tarifvertrag abgeschlossen, der die Einstellung von Bewerbern mit Hauptschulabschluss in den dreijährigen Ausbildungsberufen finanziell unterstützt. Aktuell liegen die ersten Anträge vor.

13 Prozent der Jugendlichen arbeiten mehr als 40 Stunden

Branchenübergreifend gilt: In längst nicht allen Betrieben sind eine hohe Ausbildungsqualität und einheitliche Ausbildungsbedingungen gewährleistet. Darauf weist der Ausbildungsreport 2015 des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hin. Beispiele: 38,1 Prozent der rund 20.000 befragten Lehrlinge geben an, dass regelmäßige Überstunden für sie zum Alltag gehören (2013: 36,5 Prozent). 12,6 Prozent der Unter-18-jährigen teilen sogar mit, dass sie durchschnittlich mehr als 40 Wochenstunden arbeiten müssen – obwohl dies gesetzlich gar nicht nicht zulässig ist.

Ein weiteres Problem: Die Ausbildungsbedingungen scheinen tendenziell nur in Großbetrieben klar geregelt zu sein. Ein Grund: Die hier eher vorhandenen, kollektiven Mitbestimmungsstrukturen in Form von Betriebsrat und Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV). Nicht so in Kleinbetrieben: „Sie binden ihre Auszubildenden überdurchschnittlich stark nach Auftragslage – und weniger nach betrieblichem Ausbildungsplan – in die Arbeit mit ein“, kritisiert der DGB.

„Die Qualitätsmängel in der betrieblichen Ausbildung sind offensichtlich: Viele Azubis werden als billige Arbeitskräfte missbraucht“, sagt Florian Haggenmiller, Bundesjugendsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Er kritisiert: „Überstunden sind zum Beispiel überhaupt nicht in den Ausbildungsrahmenplänen vorgesehen. In vielen Branchen gibt es erhebliche Verstöße gegen Gesetze und Schutzvorschriften. Dagegen brauchen wir klare Rahmenbedingungen, deren Einhaltung ausreichend kontrolliert wird“.

Zu viele Betriebe bieten keine Übernahme-Perspektive

Für viele junge Menschen gestaltet sich der Übergang von der Lehre in ein reguläres Arbeitsverhältnis sehr schwierig. Laut DGB-Ausbildungsreport 2015 wussten 59,5 Prozent der Auszubildenden zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht, ob sie übernommen werden. Nur knapp ein Drittel (32,1 Prozent) hatte bisher eine Zusage erhalten. 8,4 Prozent wussten bereits, dass sie sich nach einem neuen Job umschauen müssen.

„Bei uns ist vereinbart, dass alle Lehrlinge in der Regel für mindestens ein Jahr im Schichtbetrieb ein Angebot bekommen“, sagt Betriebsrat Ali-Ömer Demirkol, Mitglied im Fachausschuss Berufsbildung beim Hygienepapier-Hersteller SCA in Mannheim. Doch nicht immer können sich alle Absolventen eines Jahrgangs für das produktionsbedingt notwendige Arbeitszeitmodell aus Früh-, Spät- und Nachtschicht begeistern – und bewerben sich außerhalb. Für den Konzern ein Verlust an Know-how. „Und manchen wird mit Sicherheit auch ein unbefristetes Arbeitsverhältnis locken“, spekuliert Demirkol.

SCA: Praktische Kenntnisse statt Schulstoff

Bewegung dagegen gibt es bei SCA, was die Einstellungstests betrifft. „Bis ins vergangene Jahr wurde ausschließlich schulisches Wissen abgefragt. Das haben wir geändert. Jetzt geht es auch darum zu erfahren, über welche praktischen Kenntnisse die Bewerber verfügen“, berichtet Demirkol. Das Ziel: Auf diese Weise wieder zu höheren Bewerberzahlen zu kommen.

Damit SCA in Mannheim jungen Menschen auch weiterhin eine Chance auf Ausbildung bieten wird, hat der Betriebsrat per Betriebsvereinbarung geregelt, dass jedes Jahr insgesamt 25 Ausbildungs- und duale Studienplätze besetzt werden. Die Gewichtung der einzelnen Ausbildungsberufe stimmen Betriebsrat und Arbeitgeber untereinander ab.

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