46. Recklinghäuser Tagung

Integration durch Mitbestimmung

Rund 1200 Betriebsräte in der IG BCE haben einen Migrationshintergrund, 99 unterschiedlichen Nationen machen die Gewerkschaft bunt und lebendig. Das bietet viele Chancen: „Mitbestimmung als Wegbereiter zur Integration“ lautete das Motto der diesjährigen Migrationstagung in Recklinghausen.

Frank Rogner

Recklinghäuser Tagung 2016 Recklinghäuser Tagung 2016
05.12.2016
  • Von: Marco Jelic
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In Betrieb gibt es viele unterschiedliche Kulturen und Nationalitäten. „Was uns alle vereint, sind die gemeinsamen Interessen als Arbeitnehmer", sagte Melanie Höse, Betriebsrätin beim hessischen Pharmaunternehmen B.Braun, „die Mitbestimmung schafft eine Einheit.“

Aus ganz Deutschland kamen rund 300 Gewerkschafter am ersten Dezemberwochenende zur 46. Recklinghäuser Tagung in der Festspielhalle zusammen. Sie diskutierten, wie man durch Teilhabe und Mitbestimmung Migranten, insbesondere auch Geflüchtete, betrieblich wie gesellschaftlich besser integrieren könne.

Am Vorabend der Tagung trafen sich im Adolf-Schmidt-Bildungszentrum in Haltern am See beim sogenannten „Kamingespräch“ Gewerkschafter und Experten. Petra Reinbold-Knape, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG BCE, Europa-Experte der Hans-Böckler-Stiftung, Norbert Kluge, und Christoph Seidel, Historiker von der Ruhr-Universität Bochum, diskutierten, wie sich Mitbestimmung geschichtlich entwickelte und welche Dimension sie im heutigen Europa einnimmt.

Reinbold-Knape betonte, wie wichtig gute Betriebsratsarbeit für die jetzigen Integrationsherausforderungen seien: „Solidarität ist die Seele der Mitbestimmung. Das ist seit jeher unsere gewerkschaftliche Maxime.“ Integration sei möglich durch gelebte Mitbestimmung, sagte Reinbold-Knape weiter. Sie verwies dabei auch auf die Vielfalt innerhalb der Gewerkschaft – auf die rund 1200 Betriebsräte in der IG BCE mit Migrationshintergrund und die 99 unterschiedlichen Nationen in der Organisation.

Frank Rogner

Petra Reinbold-Knape: Petra Reinbold-Knape: „Solidarität ist die Seele der Mitbestimmung. Das ist seit jeher unsere gewerkschaftliche Maxime.“
Auch bei der Bewältigung der Flüchtlingsherausforderung im vergangenen Jahr habe die IG BCE ein solidarisches Bild vermittelt, so Reinbold-Knape, und dankte den vielen Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe. Auch strukturell habe man mit der Berufseinsteiger-Initiative „Start in den Beruf“, die auf Flüchtlinge ausgeweitet wurde, gemeinsam mit dem Sozialpartner in der Chemie einen wichtigen Beitrag geleistet.

Bei allen Herausforderungen, die es bei der Integration von Flüchtlinge gebe, machte Reinbold-Knape aber eines deutlich: „Völkische Ideologien, Hetze und Rassismus haben in unserer demokratischen Gesellschaft keinen Platz!“

Der Bürgermeister Recklinghausens, Christoph Tesche, bescheinigte den 300 Tagungsteilnehmern, dass die Tagung ein wichtiges Zeichen für Offenheit, Vielfalt und Toleranz sei und man sich stets gegen populistische Hetze positionieren müsse.

Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE, erinnerte an die beiden Jubiläen, die 2016 anstanden: 40 Jahre 1976er Mitbestimmungsgesetz und 65 Jahre Montanmitbestimmung. „Mitbestimmung heißt Mitgestaltung und Mitverantwortung“, sagte Glänzer. Sie danke denjenigen in den Betrieben, die tagtäglich für Teilhabe und gute Arbeit sorgten. „Ihr macht uns aus, ihr seid unser Gesicht!“

Frank Rogner

Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE: „Mitbestimmung heißt Mitgestaltung und Mitverantwortung“
Gute Arbeit bedeute auch partnerschaftliches Verhalten am Arbeitsplatz, weshalb es Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit entschieden zu bekämpfen gelte. „Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit sind Grundwerte unserer Gewerkschaft, sie gelten für alle Menschen“, unterstrich Glänzer und erteilte auch Bestrebungen, den Mindestlohn für Flüchtlinge aufzuweichen, eine klare Absage.

In von Experten geleiteten Foren konnten die Teilnehmer selbst aktiv werden zu Themen wie dem kommunalen Wahlrecht für Migranten, um sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen, oder der Unternehmensmitbestimmung sowie der Mitbestimmungssituation in Europa.

Der nordrhein-westfälische Minister für Arbeit, Integration und Soziales, Rainer Schmeltzer, ermutigte die Tagungsteilnehmer darin, Mitbestimmung und Integration voranzutreiben: „Im Betrieb ist die Teilhabe für Migranten möglich. Denn das Betriebsverfassungsgesetz kennt keine Unterscheidung zwischen Deutschen und Ausländern.“ Da hinke die Politik noch hinterher. Die Mitbestimmung sei in der Tat ein Wegbereiter für Integration, sowie für faire und gute Arbeitsverhältnisse. Denn: „Wer mitbestimmt, gehört dazu.“

Diesen Eindruck konnte auch Melanie Höse, Betriebsrätin und Mitglied im Bundesjugendausschuss der IG BCE, bestätigen: „Gerade in unserer Generation ist die Vielfalt Normalität. Daher empfinde ich verschiedene Kulturen als Bereicherung.“ Ein wichtiges Zeichen in politisch unruhigen Zeiten, das von der 46. Recklinghäuser Tagung in die Republik ausging.

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