Tendenzen Ruhrkohle-Chor

Raue Herzlichkeit

Kameradschaft, Singen und Bergbauverbundenheit: Die 110 Sänger des Ruhrkohle-Chores pflegen bergmännische Lieder und Traditionen. 

Frank Rogner

Gewaltiger Stimmkörper:  An jedem zweiten Samstag probt der Chor drei Stunden lang im Bürgerhaus in Herten.
29.05.2018
  • Von: Isabel Niesmann
  • Kommentare: 0
Artikel bewerten
Danke für die Bewertung
Ihre bereits abgegebene Bewertung wurde aktualisiert.

Ehefrau oder Ruhrkohle-Chor? „Wenn mich jemand vor die Entscheidung stellen würde, wäre die Entscheidung schwierig“, lacht Johannes Sonnhalter. Das ist zwar nicht ganz ernst gemeint. Es zeigt aber, wie viel der Chor dem ehemaligen Bergmann bedeutet, der zuletzt in der Zeche Friedrich Heinrich in Kamp-Lintfort arbeitete. Denn im Ruhrkohle-Chor zu singen, das heißt nicht nur Freude an der Musik, sondern das heißt auch Kameradschaft und Verbundenheit zum Bergbau. 

Sein Leben lang hatte der 57-Jährige Fußball gespielt. „Da schallerten wir nur in der Kabine Fußballlieder“, erinnert er sich. Als er im Alter von 50 Jahren sein letztes Spiel bestritt und das singend in der Kneipe feierte, meinte ein Kollege zu ihm, dass er mal zur Chorprobe mitkommen müsse. So entdeckte Sonnhalter sein neues Hobby und wechselte vor knapp drei Jahren zum Ruhrkohle- Chor. „Hier fühle ich mich richtig wohl und das Miteinander macht Spaß“, freut er sich. Und das Singen liegt bei ihm in der Familie: Schon sein Vater und Großvater sangen im Knappenchor Bergwerk Konsolidation, aus dem der Ruhrkohle- Chor vor über 30 Jahren entstand. 
Mindestens jeden zweiten Samstag probt der gewaltige Stimmkörper im Bürgerhaus in Herten. Das dauert mehr als drei Stunden, die Stimmung ist dennoch gut und die Männer hoch konzentriert. 

Frank Rogner

Lieben die Herausforderung und sind mit Leidenschaft dabei:Ronald Piotrowski, Gustav Raddatz und Johannes Sonnhalter (von links).

Nicht fehlen darf natürlich das “Steigerlied“, das bekannteste Bergmannslied, dessen Refrain „Glück auf“ wie eine Hymne für die Bergleute ist. Besungen wird die Hoffnung, nach der gefährlichen Arbeit im Bergwerk wieder ans Tageslicht und zu den Familien zurückzukehren. 
Chormitglied Gustav Raddatz singt zurzeit am liebsten „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ aus dem Musikfilm “Die Drei von der Tankstelle“. „Da habe ich Gänsehautfeeling“, so Raddatz, der mehr als 30 Jahre lang als Schlosser auf Auguste Victoria arbeitete. Er betont: „Ich singe für mein Leben gern. Musik war schon immer mein liebstes Fach und Chöre begeistern mich.“ Und als der MGV Victoria in Marl wegen fehlenden Nachwuchses vor zehn Jahren zusammenbrach, sprach ihn ein Kollege unter Tage an, ob er nicht Lust habe, beim Ruhrkohle-Chor mitzumachen. Seitdem ist er mit Leidenschaft dabei. 

Frank Rogner

Kameradschaft, Singen und Bergbauverbundenheit:  Ruhrkohle-Chor.

Das Durchschnittsalter der 110 Sänger liegt bei 53 Jahren. Für einen deutschen Männerchor ist das sehr jung. “Darauf sind wir stolz“, so der Geschäftsführer des Ruhrkohle-Chores, Wilfried Blappert. Und das schlägt Wellen. Zahlreiche Konzertreisen führen die Männer in die ganze Welt, um die Botschaft des Bergbaus musikalisch zu verbreiten. Sogar in den baltischen Staaten, die bekannt für ihre ausgeprägte Chor-Kultur sind, sei man von dem „jungen“ Ruhrkohle- Chor beeindruckt gewesen.

Der jüngste Sänger ist 21 Jahre alt, der älteste 75. In dem Alter muss man den Chor nämlich verlassen, weil die dreistündigen Auftritte und Proben zu anstrengend werden. „Die Belastung ist sehr hoch“, unterstreicht Blappert. Und je näher das Ende der Steinkohle rückt, desto voller wird der Terminkalender. Der Chor kann sich vor Termin- und Presseanfragen kaum noch retten. 50 Auftritte, 35 Proben und einige CD-Aufnahmen sind bisher für 2018 geplant. Als absolutes Highlight steht die letzte Grubenfahrt am Jahresende an. „Das ist stressig“, sagt Blappert. “Der Chor verlangt viel Einsatz“, sagt Ronald Piotrowski, der seit zehn Jahren zum Ruhrkohle-Chor gehört. 1979 begann der heute 61-Jährige als Vermessungssteiger unter Tage und war auf fast allen Bergwerken des Ruhrgebiets tätig. „Die jungen Leute machen mit, weil sie gerne auf hohem Niveau singen. Das ist eine echte Herausforderung“, so Piotrowski, der bereits seit 46 Jahren in verschiedenen Chören singt. Damit ist es mit der Herausforderung aber nicht vorbei, denn der renommierte Chor singt sein komplettes Programm frei: „Elf Lieder mit mehreren Strophen – das ist viel Geistesarbeit. Man fängt an, davon zu träumen“, schmunzelt Piotrowski. Deshalb üben die Männer auch überall – während der Autofahrt und sogar während des Rasenmähens.

Frank Rogner

Die letzte Zeche schließt. Die Kultur der Bergbau-Chöre bleibt.

Nur noch knapp die Hälfte der Sänger in dem Kohle-Klangkörper kommt aus dem Bergbau. Viele Ärzte, Lehrer oder Handwerker sind mittlerweile auch dabei. „Aber die bergmännische Kultur ist satzungsgemäß verankert“, betont Blappert. Und auch wenn der Bergbau endet und der Anteil an Bergleuten zurückgeht, wird die Kultur im Chor weitergeführt. Das ist genauso eine Ewigkeitsaufgabe wie das Abpumpen des Wassers in den ehemaligen Zechen. „Die Atmosphäre ist geprägt durch den Bergbau. Das hier ist etwas Besonderes: Wir sind rau, aber sehr herzlich“, findet Raddatz. Sonnhalter ergänzt: „Die Kameradschaft, die wir auf’m Pütt erlebt haben, führen wir hier weiter.“ 

Moderationszeiten für Kommentare

Liebe Leserin, lieber Leser, Ihre Meinung zu diesem Artikel interessiert uns sehr. Das Moderatoren-Team ist an den Arbeitstagen ab 8 Uhr morgens wieder in der Redaktion und freut sich auf Ihren Kommentar.

Nach oben