Interview Andrea Nahles

Wir brauchen mehr Lust auf Weiterbildung

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles über die Zukunft der Arbeit, die Chancen und Risiken für die Beschäftigten und ihre Abneigung gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Jesco Denzel

"Wir müssen die Tarifbindung strärken": Andrea Nahles im Gespräch mit Chefredakteur Lars Ruzic.
31.08.2017
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Sie werden im Oktober auf dem Gewerkschaftskongress der IG BCE in Hannover unter anderem über die Zukunft der Arbeit sprechen. Worauf müssen sich die Beschäftigten in den kommenden Jahren einstellen?

Die Digitalisierung birgt die Chance, selbstbestimmter zu arbeiten – sowohl was den Ort als auch was die Zeit angeht. Und das gilt – sicherlich etwas eingeschränkt – auch für die Beschäftigten in der Produktion. Wir haben in Deutschland über die Jahrzehnte ein sehr rigides Regiment entwickelt, von dem man sich inzwischen dank neuer technischer Möglichkeiten emanzipieren kann. Das gilt übrigens auch für die Lebensarbeitszeit: Menschen haben in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedlich ausgeprägte Möglichkeiten, sich im Job einzubringen.

So mancher warnt bereits vor dem "Ende der Arbeit".

Das ist natürlich Unsinn. Es wird immer noch genug Arbeit geben, aber sie wird sich verändern. Und zwar für jeden, davon bin ich fest überzeugt. Es soll ja Unternehmen geben, die immer noch glauben, von der Digitalisierung nicht betroffen zu sein. Das ist mir ein Rätsel. Die Zahl der nicht betroffenen Betriebe liegt genau bei: null. Und auch zwischen den Berufen würde ich da keine Unterschiede machen. Wir werden der Digitalisierung nicht entkommen. Deshalb müssen alle beteiligten gesellschaftlichen Akteure den Wandel aktiv gestalten. Und wir sind verdammt gut beraten, keine Zeit mehr zu vergeuden.

Sie haben einen Vorstoß mit dem "Weißbuch Arbeiten 4.0" gemacht und wollten "Experimentierräume" jenseits der bestehenden Arbeitszeitgesetze eröffnen. Am Ende ist daraus nichts geworden. Warum?

Das müssen Sie das Kanzleramt fragen, denn über dessen Schwelle sind meine Vorschläge nicht hinausgekommen. Warum – ist mir nicht ganz klar. Deshalb haben wir nun erst einmal Experimentierräume innerhalb der bestehenden Gesetzgebung geöffnet, vor allem zu neuen Formen der Teamarbeit und Führungsmodellen. Wir brauchen Experimentierräume, denn ohne Praxiserfahrung und kreative Ideen werden wir nicht dazulernen. Und wir brauchen sie in den Betrieben vor Ort, weil dort die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am besten wissen, welche Herausforderungen auf sie zukommen und welche Lösungen sich anbieten. Das kann die Politik nicht einfach von oben vorgeben. Darüber hinaus brauchen wir einen neuen Flexibilitätskompromiss in der Tradition der sozialen Marktwirtschaft, der neue Sicherheiten mit mehr Flexibilität für Betriebe und Beschäftigte zusammenbringt. Denn Unternehmen dürfen den Beschäftigten nicht immer nur mehr Flexibilität abverlangen – sie müssen auch bereit sein, ihnen dafür an anderer Stelle etwas zurückzugeben. Gleichzeitig gilt es, Brücken zu bauen zwischen denen, die in der Digitalisierung eine Chance auf mehr Freiheit erkennen, und anderen, die etwa ihr Recht auf Nichterreichbarkeit betonen. Hier kluge Kompromisse zu finden, wird in den kommenden Jahren ein wichtiges Aufgabenfeld für die Tarifparteien sein.

Viele Beschäftigte beunruhigt, dass sich ihr Arbeitsplatz radikal wandeln könnte. Was sagen Sie denen?

Die digitale Zukunft werden wir nicht verhindern, aber wenn wir es gut anstellen, werden wir sie mitgestalten und alle befähigen, den Weg mitzugehen. Das geht nur mit einer Qualifizierungsoffensive. Und ich weiß: Nicht jeder Arbeitnehmer ruft da gleich laut "Hurra". Hinzu kommt unsere undurchsichtige Weiterbildungslandschaft in Deutschland und die bislang ungeklärte Finanzierungsfrage. Es wird in den nächsten Jahren sicher viel Streit geben um das Thema – aber Qualifizierung ist die Schlüsselvoraussetzung, damit der Wandel der Arbeitswelt gelingt.

Sie haben ein "Chancenkonto" als eine Art Startguthaben für Weiterbildung ins Spiel gebracht. Finanziert der Staat damit nicht Vorhaben, die eigentlich die Unternehmen bezahlen müssten?

Das Chancenkonto ist ja kein Ersatz für die notwendigen Weiterbildungen in den Betrieben – wenn etwa Mitarbeiter für neue Anlagen geschult werden müssen. Die Unternehmen bleiben auch künftig in der Pflicht, sich um die Qualifizierung ihrer Beschäftigten zu kümmern. Es soll vielmehr ein Motivationskick für Arbeitnehmer sein, sich selbst nach Weiterbildungsoptionen umzusehen – auch über den eigenen Tellerrand hinaus. Wir brauchen mehr Lust auf Weiterbildung, eine neue Weiterbildungskultur – und das Chancenkonto kann dafür ein Treiber sein. Damit kann über den Verlauf eines Berufslebens Zeit für Weiterbildung finanziert oder der Gang in die Selbstständigkeit unterstützt werden. Wer erst einmal ein Guthaben auf dem Konto hat, wird sich genau überlegen, ob er damit nicht etwas Nützliches anfangen kann. Das zu gestalten, wird sicher nicht ganz einfach. Aber es ist doch kreativer, Menschen über Weiterbildung in Arbeit zu halten, als ihre Arbeitslosigkeit zu finanzieren – etwa mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Das ist nichts anderes als eine Stilllegungsprämie für Arbeitnehmer.

Mit Ihrem Vorhaben, Teilzeitbeschäftigten ein Rückkehrrecht in Vollzeit zu ermöglichen, sind Sie jüngst gescheitert, weil Sie sich mit dem Koalitionspartner nicht auf eine Untergrenze für die Betriebsgröße einigen konnten. Und nun?

Das Thema bleibt auf der Tagesordnung. Das Problem löst sich ja nicht in Luft auf, nur weil die Union nicht den Mumm hatte, es im Sinne der Arbeitnehmer zu regeln. Wir wissen, dass allein 750 000 Beschäftigte – davon überwiegend Frauen – gerne mehr arbeiten würden, wenn sie nur könnten. Man kann doch nicht einerseits den Fachkräftemangel beklagen und gleichzeitig das Potenzial im eigenen Betrieb ausblenden. Deshalb bin ich in der Frage auch nicht bereit, faule Kompromisse zu schließen.

Seit April ist die Novelle des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG) in Kraft, das Leiharbeitern gleichen Lohn nach neun Monaten und eine Übernahme nach 18 Monaten am selben Arbeitsplatz garantiert. Vielen geht das nicht weit genug. Sie sehen sogar eine Verstärkung des "Drehtüreffekts".

Leider gibt es in der Debatte viel Scheinheiligkeit. Wer sich wie die Linken auf die Marktplätze stellt und ein Verbot von Leiharbeit fordert, verkennt entweder die Realitäten oder blendet sie bewusst aus. Unsere Volkswirtschaft braucht Leiharbeit – nicht nur zur Abfederung von Spitzen, sondern auch um Kapazitäten im Land zu halten, die sonst verlagert würden. Das sagen mir übrigens nicht nur die Unternehmer, sondern auch viele Betriebsräte. Wir sollten uns nicht in die Tasche lügen, sondern die Realitäten anerkennen und die Verhältnisse für die Betroffenen verbessern. Genau das haben wir gemacht, indem wir dafür gesorgt haben, dass gute Arbeit fair bezahlt und dem Missbrauch bei Leiharbeit und Werkverträgen ein Riegel vorgeschoben wird.

Sowohl beim AÜG als auch beim jüngst beschlossenen Gesetz zur Stärkung der Betriebsrenten gibt es Privilegien für die Tarifparteien, die individuell abweichende Lösungen aushandeln können. Was versprechen Sie sich davon?

Wir müssen die Tarifbindung in Deutschland stärken – wie auch die Mitbestimmung insgesamt. Deshalb geben wir den Tarifparteien neue Gestaltungsmöglichkeiten. Die deutsche Verabredungskultur ist ein Standortvorteil, um den uns andere Länder beneiden. Gewerkschaften und Arbeitgeber wissen in ihren Branchen am besten, wo der Schuh drückt. Ich betrachte die abnehmende Tarifbindung mit großer Sorge. Die Stärkung der Tarifpartnerschaft zieht sich daher als roter Faden durch meine Politik der letzten vier Jahre. Wir müssen aufpassen, dass Branchen wie die Chemieindustrie mit ihrem hohen Organisationsgrad nicht zu Exoten werden. In Bereichen wie dem Einzelhandel, der Logistik oder den sozialen Dienstleistungen sieht die Lage dramatisch aus. Ich bin deshalb dafür, dass wir dort, wo die Tarifflucht am größten ist, Branchendialoge abhalten. Und ich werde mich auch bei anderen Gesetzen für Tarifprivilegien einsetzen. Auch das Chancenkonto könnte beispielsweise um entsprechende Möglichkeiten ergänzt werden.

Zur Person
Andrea Nahles (47) ist seit 2013 Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Mit einer Unterbrechung gehört die SPD-Politikerin und IG Metallerin dem Bundestag seit 1998 an. Vor ihrem Wechsel ins Ministerium fungierte sie als SPD-Generalsekretärin. Nahles ist geschieden und Mutter einer Tochter.

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