Tipps Berufskrankheit

Wenn der Job krank macht

Arbeit kann krank machen. Trotzdem wird das Leiden nicht automatisch als eine Berufskrankheit anerkannt. Kompakt erklärt, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen.

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29.08.2018
  • Von: Katrin Schreiter

Schwerhörigkeit, Asbestose, Arthrose oder sogar Krebs: Bei manchen Symptomen liegt der Verdacht nahe, dass die Arbeitsbedingungen die Gesundheitsprobleme verursacht haben. Aber handelt es sich bei den Beschwerden gleich um eine Berufskrankheit?

„Nicht unbedingt“, weiß Peter Voigt. „Nur, wenn tatsächlich zwei Voraussetzungen erfüllt sind: die medizinische und die arbeitstechnische“, sagt der Abteilungsleiter Arbeits- und Sozialrecht bei der IG BCE. Der Rechtsanwalt erklärt: „Die Krankheit muss also erstens als Berufskrankheit anerkannt sein.“ Das heißt, sie müsse auf der Liste der Berufskrankheiten-Verordnung stehen.
Zweitens müsse der Arbeitnehmer nachweisen, dass die gesundheitlichen Schäden durch gesundheitsschädigende Einwirkungen am Arbeitsplatz entstanden sind. „Gehörschäden zum Beispiel können auch durch laute Konzerte entstanden sein. Und wer lungenkrank ist, muss sich immer auch fragen lassen, ob und wie viel er raucht.“
Voigt: „Nur wenn die medizinische und die arbeitstechnischen Voraussetzungen erfüllt sind, hat der Arbeitnehmer Anspruch auf Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherung.“ Diese reichen von Reha-Leistungen bis zum Verletztengeld und Rentenleistungen.

Welche Krankheiten stehen auf der Liste?

Zurück zur Verordnung: Derzeit sind auf der Liste 80 Berufserkrankungen aufgeführt. Besonders häufig sind demnach Haut und Atemwege betroffen, die durch chemische Einwirkungen verursacht wurden. Bisher noch nicht anerkannt sind psychische Leiden wie Burn-out, Panik oder Angststörungen.
Welche Diagnosen in der Berufskrankheiten- Verordnung auftauchen, bestimmt die Bundesregierung. So gibt es beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales einen ärztlichen Sachverständigenbeirat, der im Wesentlichen aus medizinischen Experten besteht. Dieser Beirat sichtet und bewertet regelmäßig den wissenschaftlichen Erkenntnisstand im Bereich der Arbeitsmedizin.
Auf Grundlage dieser Resultate gibt der Beirat Empfehlungen ab, ob und welche neuen Krankheiten aufgenommen werden müssten.
Doch bis zur tatsächliche Umsetzung der Empfehlung vergehen in der Regel einige Jahre. In dieser Zeit müssen die Berufsgenossenschaften die neue Krankheit wie eine Berufskrankheit behandeln. Man spricht von sogenannten Wie-Berufskrankheiten.

Gewerkschaftlicher Rechtsschutz hilft

Und wenn der Unfallversicherungsträger die Berufskrankheit gar nicht erst anerkennt? “Dann können die betroffenen Arbeitnehmer zunächst einen Widerspruch einlegen“, erklärt Voigt. „Wird dieser abgelehnt, gibt es noch die Möglichkeit der Klage.“
Der Rechtsanwalt rät, frühzeitig den gewerkschaftlichen Rechtsschutz in Anspruch zu nehmen. Auf Wunsch der Hinterbliebenen könne die IG BCE das Verfahren auch nach dem Ableben der Kläger weiterführen.

 

KEIN LEICHTER WEG ZUM RECHT 

In Deutschland werden Berufskrankheiten relativ selten anerkannt. Wie die “Süddeutsche Zeitung“ in einem Rechercheprojekt mit dem Dokumentationszentrum ansTageslicht.de herausgefunden hat, wurde im Jahre 2016 nur sieben Prozent aller Antragsteller eine Rente zugesprochen.
Bis zur Anerkennung von gesundheitlichen Schäden als Berufskrankheiten würden außerdem oft Jahrzehnte vergehen. Schuld daran sei ein ausgeklügeltes System, dass die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) als Spitzenverband der Berufsgenossenschaften errichtet hat.
Das Rechercheprojekt kritisiert die enge Verflechtung der DGUV mit Deutschlands Arbeitsmedizin, die die Gutachter in den Prozessen vor den Sozialgerichten stellt.
Außerdem finanziere die DGUV die Stiftungslehrstühle und eigene Forschungsinstitute, die ihre Daten und Fakten in DGUV-eigenen Publikationen veröffentlicht. Aus Sicht seriöser Fachzeitschriften sind die Forschungsarbeiten oft nicht sauber ermittelt worden. 

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