Betriebsreportage Sappi

Der Gigant muss laufen

Bei Sappi in Alfeld produzieren Papiertechnologen an der weltweit größten Maschine für Spezialpapiere vor allem Verpackungen. Dafür müssen sie auch bei Stress Ruhe bewahren.

Christian Burkert

Im Team. Wenn der Tambour, das Innenstück einer Papierrolle, gewechselt werden muss, packen an der PM 2 alle mit an.
31.01.2019
  • Von: Isabel Niesmann

Sie erstreckt sich über mehrere Stockwerke, ist über 80 Meter lang und etwa 18 Meter hoch: Die Dimensionen der Papiermaschine 2, der PM2, sind gewaltig. Sie ist laut. Sie wummert. Sie versprüht Hitze. Allein der Glättzylinder in der PM2 hat einen Durchmesser von 6,5 Meter. Bei dem Umbau im Jahr 2013 mussten für den Transport nach Alfeld Straßen gesperrt werden. Das Stadtgespräch in der südniedersächsischen Kleinstadt. Seitdem steht die weltweit größte Spezialpapiermaschine in der Papiermühle der Sappi in Alfeld.

Früher produzierte das Unternehmen an dieser Maschine grafische Papiere, zum Beispiel für Offset- und Digitaldruck. Als die Nachfrage danach sank, wechselte Sappi Alfeld vor fünf Jahren zu Spezialpapieren, die vor allem für flexible Verpackungen gebraucht werden – und musste dafür die Maschine umbauen. "Das hat noch nie zuvor jemand mit so einer großen Papiermaschine gemacht", betont der Betriebsratsvorsitzende Werner Habenicht. „Aber es hat gut geklappt.“ 300 000 Tonnen grafische und Spezialpapiere werden in Alfeld im Schnitt jährlich produziert. Habenicht findet: „Das ist schon eine Wucht.“

Der 55-Jährige ist im 21. Jahr freigestellter Betriebsrat – und hat mit seinem Gremium schon einiges erreicht: „Sehr gute Betriebsvereinbarungen haben wir zur Rufbereitschaft der Handwerker und der Werkfeuerwehr verhandelt“, erzählt er. Wenn die Leute nachts wegen eines Problems reinkommen und längere Zeit im Einsatz sind, können sie am nächsten Tag zu Hause bleiben. „Das hat Hand und Fuß und dient auch der Arbeitssicherheit", findet Habenicht. Die Werkfeuerwehr habe der Betriebsrat in den letzten Jahren ohnehin erfolgreich gefördert. Derzeit hat sie 66 aktive Mitglieder.

Eine Baustelle bleibe die Einführung eines Lebensarbeitszeitkontos. „Das ist besonders für junge Leute attraktiv – aber auch ein dickes Brett“, weiß er. Genauso wie eine Verbesserung des vollkontinuierlichen Schichtsystems, in dem die Hälfte der Belegschaft arbeitet. Denn wie alle Maschinen läuft die PM2 Tag und Nacht, sieben Tage die Woche. „Teilzeit im Schichtbetrieb. Das wäre ein Traum. Gerade, weil der Altersdurchschnitt im Schichtbetrieb bei der Sappi Alfeld hoch ist“, sagt der Betriebsratsvorsitzende, während hinter ihm die riesige Papiermaschine rattert.

Christian Burkert

Jens Schünemann hat in der Warte alles im Blick. Jens Schünemann hat in der Warte alles im Blick.

Am Anfang der PM2 steht das flüssige Faserstoff-Wasser- Gemisch – am Ende der fertige Papierbogen. Fünf Papiertechnologen – einst hießen sie Papiermacher – arbeiten pro Schicht an dem lärmenden Giganten. Lange stillstehen darf die PM2 nicht. Denn das bedeutet erhebliche Verluste. Das wissen Reservemaschinenführer Jens Schünemann und Maschinenführer Wolfgang Lehnst nur zu gut. Ihr Job ist es, die PM2 am Laufen zu halten. Dafür müssen sie aufmerksam sein und alles im Blick haben. 28 Kameras filmen jeden Winkel. Über das Prozessleitsystem und die dazugehörigen zehn Monitore stellen sie Zusammensetzungen, Feuchtigkeit, Dicke und Farben des jeweiligen Papiers ein. Eigenzellstoff, Fremdzellstoff, Ausschuss: Das Verhältnis dieser drei Bestandteile ist bei jedem Papier anders, ebenso wie der Mahlgrad der Holzfasern. Je nachdem, ob flexible Verpackungen für Suppentüten oder härtere Kartons für Pralinen hergestellt werden.

Walzen pressen das Wasser aus dem Papier, das über Filze durch die Maschine läuft. Sauger und dampfbeheizte Trockenzylinder entziehen weitere Feuchtigkeit. Das restliche Wasser verdunstet. „Der ganze Prozess ist eine Entfeuchtung", erklärt Lehnst. Von ursprünglich 99 Prozent Wasser bleiben am Ende noch etwa vier Prozent übrig. Die Siebe, Walzen und Sauger kontrollieren die Papiertechnologen regelmäßig. Bei Störungen müssen sie sofort reagieren. „Es kann viel passieren", sagt Lehnst, der seit 31 Jahren an der Maschine arbeitet. So gigantisch die Ausmaße der PM2, so zahlreich mögliche Fehlerquellen. Manchmal sind die Mängel leicht zu beheben, wenn etwa eine verstopfte Pumpe durchgespült werden muss. Größere Probleme zu lösen, wie etwa der Wechsel einer Walze, dauert hingegen deutlich länger.

Christian Burkert

Sascha Rojahn kontrolliert die Qualität des fertigen Papierbogens. Sascha Rojahn kontrolliert die Qualität des fertigen Papierbogens.

Auch in stressigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren – das ist als Papiertechnologe extrem wichtig. „Wenn das Papier abreißt, dürfen wir nicht in Panik verfallen, sondern müssen in Ruhe, aber trotzdem sehr zügig arbeiten“, erklärt Schünemann. Teamfähig müsse man außerdem sein. Auch, wenn der Tambour, das Innenstück einer Papierrolle, gewechselt werden muss. Dann sitzt bei der eingespielten Truppe an der PM2 jeder Handgriff. Schünemann betont: „Eigenbrötler sind hier nicht zu gebrauchen.

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