Tendenzen

Neu gedacht

Eine Fabrik aus vorgefertigten Elementen, die man nur nebeneinander stellen muss und bei Bedarf neu miteinander kombinieren kann — klingt wie eine Zukunftsvision, hat aber einen ersten Schritt in die Produktion in der chemischen Industrie getan. Mit der neuen Technologie verbinden sich Herausforderungen – aber auch Chancen.

Bernhard Moll/ INVITE GmbH

04.04.2018
  • Von: Wolfgang Lenders
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Nah beim Kunden zu sein, sich an dessen spezifische Bedürfnisse anpassen zu können – das gilt als ein Faktor, der für die Zukunft der chemischen Industrie in Deutschland als essenziell gilt.

Die INVITE GmbH, ein Joint Venture der Bayer AG, der Technischen Universität Dortmund und der Heinrich-Heine- Universität Düsseldorf, hat ein System entwickelt, mit dem Unternehmen chemische Produktionsanlagen innerhalb weniger Tage direkt bei ihren Kunden aufbauen können. So eine Anlage besteht aus standardisierten Modulen, die beispielsweise in 20-Fuß-Container installiert und so als Einheit transportiert werden können.

Eine Anlage, die der aus dem Bayer- Konzern hervorgegangene Spezialchemie- Hersteller Lanxess zusammen mit INVITE entwickelt hat, steht seit ein paar Monaten bei Heller-Leder in Hehlen, nicht weit von Hannover. Der Betrieb liefert zum Beispiel Leder für Möbel und für Autositze. Bei der Produktion fallen Lederabfälle, Falzspäne und Schnittabfälle an, die bislang entsorgt wurden. Die neue Anlage verarbeitet sie und pflanzliche Biomasse zu Nachgerbstoffen, die wieder in der Leder-Fertigung eingesetzt werden. Die Gerberei spart so die Kosten der Entsorgung von rund zwei Tonnen Abfällen täglich und erhält gleichzeitig ein Produkt, das sie wieder einsetzen kann: flüssige Biopolymere, die die Ledereigenschaften verbessern können. Transport-, Lager- und Verpackungskosten entfallen.

Bei Heller-Leder stehen nun zwei übereinander gestapelte Transportcontainer, in denen sich die Module befinden; im Freien, geschützt nur durch ein leichtes Dach und seitliche Planen. Der Aufbau der Anlage vor Ort hat gerade einmal zwei Tage gedauert; von der Planung bis zum Produktionsbeginn waren es eineinhalb Jahre. Am längsten hat dabei der Bau der Module bei einem Anlagenbauer gedauert. Die INVITE-Ingenieure haben die Anlage erst einmal in ihrem eigenen Technikzentrum probeweise in Betrieb genommen und sie anschließend zu der Gerberei gebracht. Dort steht sie nun erst einmal für drei Jahre im Rahmen eines rund fünf Millionen Euro teuren Projekts zur Erprobung derartiger Technologien. Langfristig könnte sich daraus ein neues Geschäftsmodell für Lanxess und andere Chemie- Unternehmen entwickeln. »Ein Ledergerber ist kein Fachmann für Chemieanlagen«, sagt Armin Schweiger, Geschäftsführer von INVITE. »So eine Firma ist froh, wenn sie eine derartige Anlage mieten kann.« So sei es Chemiekonzernen wie Lanxess möglich, neue Geschäftsfelder zu erschließen. »Man verkauft nicht mehr eine Chemikalie, sondern bietet eine Dienstleistung an.«

Ursprünglich entstanden ist die Idee zu modularen Chemiefabriken im Rahmen des von der EU geförderten F3 Factory Projekts zur Entwicklung flexibler Fabriken für die Zukunft, das im Jahr 2009 gestartet war und aus dem die INVITE GmbH hervorgegangen ist. Grundgedanke des Konzepts ist es, möglichst nur mit standardisierten Modulen zu arbeiten. Auch innerhalb der einzelnen Container sind die Anlagen daher modular aufgebaut. Die einzelnen Module sind auf Transportpaletten befestigt, die eine Grundfläche von 57 mal 57 Zentimeter haben – das entspricht einem Viertel einer Standard-Chemie-Palette. Module mit Komponenten, die zu groß für dieses Maß sind, werden auf Transportpaletten montiert, die ein Mehrfaches dieser Grundfläche messen. Je nach den räumlichen Gegebenheiten kann ein Kunde auch auf den Containerrahmen verzichten und die modulare Anlage zum Beispiel in einer bestehenden Fabrikhalle aufstellen.

Anders als eine klassische Fabrik lässt sich eine modulare Anlage auch dann schon aufbauen, wenn noch nicht klar ist, ob der Produktionsprozess nicht doch noch einmal verändert werden muss. Benötigt ein Kunde mehr von einem Produkt, als eine einzelne Anlage liefern kann, wird einfach eine zweite modulare Anlage neben der ersten aufgebaut. Auf diesem Weg lässt sich die Anlage innerhalb von extrem kurzer Zeit umrüsten. Ändert sich beispielsweise ein Schritt im Produktionsprozess, tauscht das Wartungsteam einfach eines der Module gegen ein anderes aus.

Wie groß der Markt für die Technologie ist, lässt sich heute noch schwer abschätzen. »Wir haben relativ viele Kontakte mit Interessenten«, sagt Armin Schweiger. »Bislang ist die Zahl der realisierten Anwendungen aber sehr überschaubar. «

Wichtig für eine Umsetzung in größerem Rahmen ist eine Standardisierung. Zurzeit ist eine VDI-Richtlinie in Arbeit, die Standards für die Schnittstellen zwischen den Modulen definiert. Dies soll unterschiedlichen Herstellern ermöglichen, Module zu bauen, die ohne Probleme zusammenarbeiten können.

Ein weiterer großer Vorteil von modularen Anlagen ist für Unternehmen die Unabhängigkeit von einem bestimmten Produktionsstandort. Eine Container- Chemiefabrik lässt sich an jedem Ort, der zumindest mit dem Lkw erreichbar ist, innerhalb kurzer Zeit aufbauen. Statt ein Produkt aus der Ferne anzuliefern, wird es direkt beim Kunden hergestellt. Transportzeiten entfallen und Wünsche des Kunden können unmittelbar in der Produktion umgesetzt werden.

Eine Herausforderung sind derartige Geschäftsmodelle für die Interessenvertretung der Beschäftigten, für Betriebsräte und Gewerkschaften. Durch die schnelle Verlegbarkeit modularer Anlagen könnte zum Beispiel die Kontrolle durch einen Betriebsrat eines bestimmten Standorts schwierig werden. »Dies gilt es zu verhindern und die Risiken, die mit modularen Anlagen verbunden sind, im Auge zu behalten«, sagt Francesco Grioli, im geschäftsführenden Hauptvorstand zuständig für den Bereich Digitalisierung/ Arbeit/Mitglieder. Grundsätzlich sieht er die IG BCE für diese Aufgabe gut aufgestellt. »Wir haben Instrumente dafür, etwa in Form von Sozialpartnervereinbarungen, Tarifverträgen und starken Betriebsräten.«

Wichtig ist Grioli, dass die Betriebsräte von Anfang an bei der Entwicklung von derartigen neuen Geschäftsmodellen mit eingebunden werden. »Veränderungsprozesse funktionieren nur, wenn man nicht nur auf die Technik schaut; man muss diesen Weg immer mit den Menschen gehen.« Das sei grundlegend, um der Modularisierung von Fabrikanlagen überhaupt eine Chance zu geben. »Für die IG BCE ist wichtig, dass Arbeitsplätze erhalten bleiben und auch in modularen Produktionsstätten ›Gute Arbeit‹ herrscht.«

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