Digitalisierung

Schöne neue Welt - oder?

Die Digitalisierung der Industrie schafft neue technische Möglichkeiten und weckt neue Ängste. Wie kaum eine technische Revolution zuvor birgt sie das Potenzial, die Arbeitswelt zu verändern. Aber sie birgt auch Chancen, wenn Firmen verstehen, mit wem und für wen sie da eigentlich produzieren. Zwei Praxisbeispiele.

Stefan Koch

Kalil Abrahim überwacht die einwandfreie Funktion einer Veredelungsmaschine. Kalil Abrahim überwacht die einwandfreie Funktion einer Veredelungsmaschine.
29.11.2016
  • Von: Marcel Schwarzenberger
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So richtig nach digitalen Welten sieht es bei Kalil Abrahim nicht aus. Durch seine Lackiermaschine laufen kilometerweise bunt bedruckte Papierbögen; sie werden mit Weihnachtssternen und Adventsgrüßen aus glitzerndem Lack veredelt. Abrahim, IG-BCE-Mitglied wie so viele hier im Oldenburger Cewe-Werk, gibt Fotobüchern und -kalendern den letzten Feinschliff. So weit, so analog.

Und doch zählt die Cewe Stiftung & Co. KGaA zu den letzten Überlebenden einer früher boomenden Analogbranche – den Fotogroßlaboren. In Deutschland gibt es heute noch vier davon. Ende der 90er-Jahre waren es über 40 Firmen. Viele Unternehmen konnten sich der Digitalisierung und dem atemberaubenden technologischen Wandel, dem Experten das Label Industrie 4.0 aufdrückten, nicht anpassen. Obwohl die jüngsten Kunden inzwischen kaum noch wissen, dass man einst mit Negativfilmen fotografierte, erfand sich Cewe neu und überlebte, weil Betriebsrat, Belegschaft und Management rechtzeitig die Chancen erkannten.

Einvernehmliche Wende

Oldenburg, 1912: Fotografieren war damals etwas für Meister; die Kameras für den schnellen und massenhaften Gebrauch mussten erst noch erfunden werden. Carl Wöltje eröffnete ein Fotostudio und fertigte fortan Erinnerungen auf Papier. Den entscheidenden Schritt ging sein Schwiegersohn Heinz Neumüller, der ab 1961 auch Entwicklungsaufträge für andere Fotohändler erledigte. Dieser Zweig des Familienunternehmens lief so gut, dass Neumüller ihm einen eigenen Namen gab, den er aus den Initialen Wöltjes kreierte. CeWe Color war geboren. Mit einer perfekten Maschinerie rund um die analoge Fotografie und – in den besten Zeiten – bis zu 34 Niederlassungen europaweit. Zwölf sind es heute noch.

Bei jeder Schließung stellte sich der Betriebsrat den Fragen der Beschäftigten. "Die Kollegen fragten oft: Warum wir? Wir schreiben schwarze Zahlen!", sagt Betriebsratschef Thorsten Sommer. Doch der Markt war gnadenlos; das analoge Geschäft schmolz zusehends. Das wusste auch der Betriebsrat, der auf Gespräche mit Firmenführung und Belegschaft setzte sowie auf Sozialpläne und internen Arbeitsplatzwechsel.

Es gibt sie noch, die Entwicklung von Diafilmen und Negativen. Es ist wie mit den Vinyl-Alben in der Musikbranche: Liebhaberei hält eine Technik in gewissem Rahmen am Leben. Aber das reine Analoggeschäft macht bei Cewe heute nur noch fünf Prozent des Umsatzes aus. Mit den neuen technischen Möglichkeiten waren auch weniger Niederlassungen nötig. 2004 schloss das Unternehmen seinen Standort in Worms, der im Jahr zuvor noch sechs Millionen Euro Gewinn einfuhr. "Es war die geografische Lage", sagt Sommer. Die Dienstleistungen hatten andere Niederlassungen übernommen. Sommer ist seit 1992 bei Cewe und hat die gesamte Transformation mitgemacht. 2016 feierte Cewe ein kleines Jubiläum: 25 Jahre Digitalisierung und die Wandlung zum europäischen Marktführer im Fotofinishing. Also in der Kunst, aus digitalen Fotos etwas Dauerhaftes zu machen.

Stefan Koch

Das reine Analoggeschäft macht bei Cewe nur noch etwa fünf Prozent aus. Das reine Analoggeschäft macht bei Cewe nur noch etwa fünf Prozent aus.

1997 ließ Cewe-Technikvorstand Wulf-D. Schmidt-Sacht die weltweit erste Fotoannahmestation zusammenschrauben. Ein PC mit einem Windows-95-Betriebssystem, ISDN-Anschluss und einem Schacht für Disketten, die Fotodateien mit einer damals sagenhaften Größe von 2,5 Megabyte einspeisten. Das Team um Schmidt-Sacht war nervös, denn Firmenchef Neumüller wusste bis zur Präsentation nichts vom Projekt. Und tatsächlich explodierte der Inhaber angesichts des digitalen Ungetüms. "Sie zerstören mein Lebenswerk!", schrie er. Die Tüftler waren perplex.

Cewe hatte bereits erste digitale Wandlungen vorgenommen. Die Foto-CD gab es seit 1991, als Angebot für Profi-Fotografen. Für das Massengeschäft schob das Unternehmen den Foto-Index nach; eine kleine gedruckte Übersicht aller Fotos eines Negativstreifens. Perfekt für Nachbestellungen, von denen Großlabore wie Cewe lebten. Der Clou: Der Index war das Ergebnis digitaler Scans. Die Geräte dafür entwickelte man in Oldenburg. Neumüller sann eine Nacht lang über die neue Welt nach, die seine Leute da erdacht hatten. Die Chance nämlich, Fotos in digitaler Form vor Ort bei Einzelhändlern, Drogeriemärkten und in Kaufhäusern anzunehmen und anschließend zu verarbeiten. Am nächsten Tag orderte Neumüller 100 Geräte. "Fotofachhändler in der Fläche sollten das testen", sagt Reiner Fageth, seit 1998 Technik-Vorstand bei Cewe.

Wofür Mitbestimmung 4.0?

Viele Unternehmer bekommen beim Stichwort Industrie 4.0 glänzende Augen. Öffentlich gemacht wurde der Begriff erstmals bei der Hannover Messe 2011. Das Hightech-Land Deutschland erlebt durch Apps, digitale Anwendungen und die Vernetzung von Cloud-Technologien mit Alltagsgegenständen und Produktionsmitteln – Stichwort: Internet der Dinge – eine neue Aufbruchstimmung. Wenn auch mit Bedacht. Eine Studie des IT-Beratungsunternehmens Crisp-Research besagt, dass 2016 erst gut die Hälfte der deutschen Unternehmen die Digitalisierung ganz oben auf ihrer Agenda hat.

Stefan Koch

Was digital begann, endet dank Cewe letztlich wieder analog – etwa als Buch. Was digital begann, endet dank Cewe letztlich wieder analog – etwa als Buch.

Aber nach und nach haben die Vorstände erkannt, dass man mit dem Tablet nicht nur auf dem Sofa lesen, sondern auch Fertigungsprozesse steuern kann. Es gibt digitale Lösungen für Planung, Distribution oder für die Auswertung von Kunden- und Maschinendaten (Stichwort: Big Data). Maschinen, ja ganze Fabriken sollen plötzlich smart werden.

Ohne eine Strategie, die auch vom Management getragen wird, gibt es keine sinnvolle Transformation. Aber selbst dann bliebe der Wandel ein reiner Selbstzweck, der die Technik in den Vordergrund stellte. Es gibt da diese schöne Geschichte vom US-amerikanischen Gewerkschaftsführer Walter Reuther. Henry Ford II führte Reuther Anfang 1954 stolz durch eine frisch automatisierte Fabrikhalle in Cleveland.

Wo früher 2000 Menschen Arbeit gehabt hätten, waren nur noch knapp
500 Beschäftigte nötig. Die Maschinen machten den Rest allein. Ford wollte den Gewerkschafter foppen und fragte provozierend, wie Reuther denn künftig von Robotern Gewerkschaftsbeiträge einfordern wolle. Reuther konterte: "Und wie wollen Sie sie dazu bringen, Ihre Autos zu kaufen?"

Die Angst vor Jobverlust durch technischen Fortschritt geht auch heute in Belegschaften um. Allerdings sind die Branchen der IG BCE auch künftig auf Facharbeiter angewiesen. Industrie 4.0 führe zwar zu einer "fundamentalen Änderung der Strukturen", sagte Gerd Zika vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit bei der 9. Betriebsräte-Jahreskonferenz der IG BCE im Oktober. "Aber die Zahl der Erwerbstätigen selbst wird sich wohl wenig ändern." Dauerthemen seien Arbeitsverdichtung, Stress und Multitasking, sagte IG-BCE-Vorstandsmitglied Ralf Sikorski jüngst bei der Beiratssitzung der IG BCE. "Der Wandel muss vernünftig und sozial gestaltet werden. Mit Schutzmechanismen für die Beschäftigten, mit dem Menschen im Mittelpunkt."

Sikorskis Mahnung ist auch eine Antwort auf immer lauter werdende Wünsche von Managern. Mitte November publizierten Niedersachsens Unternehmerverbände (UVN) Forderungen wie die Aufweichung von Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen. Auch die betriebliche Mitbestimmung durch die Betriebsräte soll, so verlangt es die UVN, lieber ein bisschen später greifen. Beispielsweise erst dann, wenn etwa die Auswertung von Arbeitnehmerdaten tatsächlich geschieht – und nicht bereits von dem Moment an, ab dem es durch Installation neuer Software und Technik theoretisch möglich ist. Das sehen die Gewerkschaften anders – und deshalb braucht Industrie 4.0 auch eine Mitbestimmung 4.0.

Betriebsrat schiebt Initiative an

Merck ist das älteste pharmazeutisch-chemische Unternehmen der Welt. Mit der Initiative "Digitize Merck" hat der Konzern eine Digitalisierungskampagne angestoßen. Man denkt über einen höheren Technisierungsgrad nach. Und über Apps, die Kunden an die rechtzeitige Einnahme von Medikamenten erinnern, oder über Sensoren, die Feuchtigkeitsgehalt und Füllstand in Behältern messen. "Aber da geht es zunächst um die Kunden", sagt Charles Hübler, Betriebsratsmitglied bei Merck Darmstadt. "Wir schauen auf die Beschäftigten."

Der Darmstädter Betriebsrat hat im März 2015 selbst eine Arbeitsgruppe Industrie 4.0 ins Leben gerufen und ist damit Vorreiter bei Merck. Weil er aufs große Ganze schaut und nicht nur wissen will, was die schöne neue Welt für die Menschen im Betrieb bedeutet. "Wir wollen das alles auch mitgestalten", sagt Hübler. Eine erste Erkenntnis: "Das eine große Digitalisierungsprojekt gibt es nicht." Industrie 4.0 sei ein Prozess, der erst nach und nach sein Potenzial, und damit auch Chancen wie Risiken entfaltet.

Aber Änderungen seien in Sicht. Zum Beispiel bei der Ausbildung von Chemikanten, Chemie- und Biologielaboranten. "Wird es die heutigen Ausbildungsinhalte auch in Zukunft geben?", fragt sich Hübler zum Beispiel. Die Ausgestaltung betrieblicher Ausbildung sowie die Weiterqualifizierung auch älterer Beschäftigter ist eine von vier Säulen im Betriebsratsprojekt Industrie 4.0. Die anderen sind: der Datenschutz für Arbeitnehmer, die strategische Personalplanung sowie Arbeitsschutz/Arbeitsmedizin.

"Wir wollen gesunde, moderne Arbeitsplätze", betont Hübler. Der Betriebsrat will auch mitreden, wenn bei Merck über den Personalbedarf in fünf, zehn oder 20 Jahren nachgedacht wird. In eigenen Fachausschüssen diskutieren die Arbeitnehmervertreter über die Themen der Zukunft. "Jeder Betriebsrat muss sich mit Industrie 4.0 auseinandersetzen; immer auf die eigene Branche übersetzt."

Masterplan für Cewe

Bei Merck tauscht sich der Betriebsrat mit der konzerneigenen "Digitize Merck"-Initiative aus. "Beide Seiten wissen, dass der Mensch im Mittelpunkt steht", sagt Hübler. Betriebsbedingte Kündigungen habe es durch Digitalisierungsvorhaben bislang nicht gegeben. Umstrukturierungen seien auch durch eine interne Personaldrehscheibe aufgefangen worden, bei denen Beschäftigte an einen anderen Arbeitsplatz wechseln.

Technologische Fortschritte führten bei Merck jüngst auch zur Eröffnung einer neuen Fabrik für organische Leuchtdioden. Der Betriebsrat lotet aus, wie er den Wandel bei Merck auch künftig durch Mitbestimmung gestalten kann, beispielsweise durch Betriebsvereinbarungen. Eine Kommunikationskampagne für die Belegschaft begleitet das. "Sie soll wissen, dass niemand Angst haben muss."

Stefan Koch

Rainer Reil, ist so etwas wie der Cheftüftler bei Cewe. Rainer Reil, ist so etwas wie der Cheftüftler bei Cewe.

Rainer Reil, gelernter Elektromechaniker und seit über 40 Jahren bei der
IG BCE, ist so etwas wie der Chef-Tüftler bei Cewe. Er war dabei, als Ende der 90er-Jahre die Firma Cewe Digital ausgegründet wurde. Ihre Aufgabe: Angesichts des gerade anlaufenden Booms der Digitalkameras marktfähige Produkte und dazu passende Verfahren zu entwickeln. Kunden laden digitale Fotos heute auch über den Webauftritt von Cewe hoch. Doch das Unternehmen setzt vor allem auf stationären Handel und Foto-Dienstleistungen vor Ort. Dort beziehen die meisten Cewe-Kunden ihre Fotobücher, Kalender, Sticker oder bedruckten Handy-Schalen. Und nutzen in Oldenburg entwickelte Technik und Software dafür. "Dass Cewe den Wandel schaffte, daran haben wir großen Anteil", sagt Reil. Ohne Beschäftigte wie ihn und Betriebsräte wie Thorsten Sommer – auch er ging zu Cewe Digital – wäre die Geschichte des Unternehmens anders verlaufen.

2004 setzte Cewe Digital bereits 10 Millionen Euro um, beschäftigte 100 Menschen und wurde schließlich wieder mit der Muttergesellschaft verschmolzen. Aus dem Testlabor wurde der Masterplan für das gesamte Unternehmen. Es entstanden neue Jobs; der einstige Fotoentwickler braucht Drucker, Mediengestalter, Informatiker und Mechatroniker. Vor der großen Wende beschäftigte Cewe in Deutschland knapp 1800 Menschen. Heute sind es rund 2200.

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