Raffinierte Erdöle

So entsteht aus Rohöl Benzin

Rund jeder vierte Liter Kraftstoff kommt aus der Mineraloelraffinerie Oberrhein (MiRO). Die Anlage arbeitet seit vielen Jahren an der Kapazitätsgrenze.

Carsten Büll

Mineralölraffinerie Auszubildende Sophie Jung leitet das Rohöl von der Pipeline in die einzelnen Tanklager.
29.01.2018
  • Von: Axel Stefan Sonntag
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Wenn man sich in Zone 5 der MiRO bewegt, sieht man in allen vier Himmelsrichtungen nur eines: riesige Tanks. Mehr als 300 sind es insgesamt, jeder 10 bis 17 Meter hoch und bis zu 70 Meter im Durchmesser. In den größten von ihnen lagert Rohöl. Und laufend kommt Nachschub. Denn hier, im Norden von Karlsruhe, endet die in Triest beginnende 753 Kilometer lange Pipeline, in die Öltanker das aus Osteuropa, Zentralasien und Afrika stammende schwarze Gold auf dem Weg zur größten Raffinerie Deutschlands einspeisen.

Welches Öl in welchen Tank fließt, ist kein Automatismus. Darüber entscheidet auch Sophie Jung. "Ich habe Spaß an Aufgaben, bei denen man nachdenken muss", sagt die angehende Chemikantin. Routinemäßig überprüft sie zudem, ob Tanks und Leitungen dicht sind. All das ganz überwiegend hier draußen, bei Wind und Wetter. "Ich brauche Abwechslung, ein Bürojob wäre nichts für mich", lacht die 19-Jährige, die bereits jetzt daran denkt, ihren Meister zu machen.

"Die Zeiten, in denen wir eine Blaumann-geprägte Männerdomäne waren, sind vorbei", bestätigt Betriebsratsvorsitzender Peter Hauck. "Der Nachwuchs bestand in den vergangenen Jahren immer mehr aus Frauen." Vermeintlichen Nachteilen wie dem vollkontinuierlichen Schichtsystem setzen die Arbeitnehmervertreter ambitionierte Betriebsvereinbarungen entgegen. So ist bei MiRO die Teilzeit auf Schicht möglich, "die bereits einige in der Produktion wertschätzen", sagt Hauck. "Wir wollen, dass unsere Belegschaft Familie und Schicht mit"einander vereinbaren kann." Aktuell streben die Betriebsräte an, die bislang mögliche, auch zeitlich befristete Reduktion der Arbeitszeit um 20 Prozent, weiter auszubauen.

Carsten Büll

Destillationsturm Am Boden des Destillationsturms herrschen 350 Grad.
Zurück zum Öl – aus dem MiRO 20 verschiedene Endprodukte herstellt. Ohne Zweifel ist Benzin wohl das wichtigste. Es entsteht, zumindest als Rohprodukt, bereits im ersten Produktionsprozess, der Destillation. Eigentlich ein einfaches, physikalisches Verfahren – doch die Dimension hier auf dem 3,5 mal 4,5 Kilometer großen Werkgelände ist gewaltig: 50 Meter hoch ist einer der drei Destillationstürme, in den stündlich 950 000 Liter Rohöl hineinfließen. Noch am Boden erhitzen es zwei Linien mit je 15 Brennern auf rund 350 Grad, so entsteht ein Dampf-Flüssigkeits-Gemisch. Da die Temperatur unten am höchsten ist, steigen die leichten Kohlenwasserstoffe als Dampf empor, kühlen sich ab und gehen etwas unterhalb ihrer Siedetemperatur auf den verschiedenen Böden des Turms wieder in ihren flüssigen Zustand über. Konkret: In den Kopf des Turms gelangen die Gase (Propan/Butan), darunter fällt Rohbenzin ab, Mitteldestillate wie Flug- oder Dieselkraftstoff und leichtes Heizöl sammeln sich in der Mitte, Bitumen ganz unten. Eigentlich wie Schnapsbrennen – nur mit dem Geruch einer Zapfsäule.

Dass bei der Destillation alles ordnungsgemäß zugeht, darauf achtet auch Christian Mauriz-Perez. Der Chemikant überprüft etwa, ob alle Flammen in den Öfen korrekt brennen. Zu gelblich dürfen sie nicht sein. Das wäre ein Hinweis darauf, dass das Luftgemisch nicht passt. "Da kann es schon mal sein, dass die Kollegen in der Messwarte mich beauftragen, der Sache auf den Grund zu gehen", so der 26-Jährige. Sein Job ist ein Teil des Puzzles, weshalb die Emissionen der Raffinerie seit Jahrzehnten kontinuierlich sinken.

Carsten Büll

Tanklastwagen Tanklastwagen fahren auf 25 Spuren vor. Dann geht es in Richtung Tankstellen.
Noch hat das entstandene Rohbenzin keine Tankstellenqualität. Die Kohlenwasserstoffe besitzen nur 40 bis 60 Oktan, das Maß für die Klopffestigkeit. Die Norm für (Euro-)Super verlangt 95. Würde man Rohbenzin tanken, könnte sich das im Motor entstehende Kraftstoff-Luft-Gemisch unkontrolliert selbstentzünden ("klopfen") – schwerwiegende Motorschäden inklusive. Also muss es in den Reformer, eine der Veredelungsanlagen. Letztlich geht es darum, Molekülstrukturen des Rohbenzins so zu verändern, dass sich Wasserstoffatome abtrennen – und die Oktanzahl steigt.

Dem veredelten Benzin fügt die Raffinerie noch die sogenannten Additive (Zusätze) zu, mit denen sich die Tankstellen im Wettbewerb voneinander abgrenzen wollen. Auf 25 Spuren rollen Tankkraftwagen an, Tag und Nacht – um weite Teile Südwestdeutschlands mit Kraftstoff zu versorgen. "Im Schnitt stammt bundesweit etwa jeder dritte bis vierte Liter Benzin von uns", sagt Betriebsrat Hauck, dessen Chef zugleich Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Baden-Württemberg ist. Eine besondere Situation, erst recht in Zeiten von Tarifrunden? "Ich habe das bislang nie als Nachteil empfunden. Ich streite ja nicht mit ihm als Mensch, sondern mit seiner Funktion", sagt Hauck nüchtern. "Aber natürlich ist es gute Tradition, dass wir unsere gewerkschaftliche Präsenz dazu nutzen, gerade hier auf unsere Forderungen hinzuweisen", ergänzt er.

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