Mobilität

Nachhaltig mobil

Die Bundesregierung lässt Konzepte für die Mobilität der Zukunft erarbeiten. Die IG BCE hat zehn Forderungen an die Kommission.

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30.11.2018
  • Von: Sascha Schrader

Nationale Plattform Zukunft der Mobilität – unter diesem sperrigen Namen lässt die Bundesregierung in einer Kommission Ideen und Konzepte für eine neue Mobilität entwickeln. Hier soll der ganz große Wurf gefunden werden: Klimaschutz, alternative Antriebe und Kraftstoffe, automatisiertes Fahren und neue Mobilitätskonzepte sowie Standort- und Bildungspolitik sollen unter einen Hut gebracht werden. Und wenn man gerade dabei ist, dann soll man auch die sogenannte Sektorkopplung, die Verknüpfung der Verkehrs- und Energienetze, mit bedenken und das Ganze in Normen und Regeln gießen. Nicht weniger also, als die komplette Umkremplung des Rückgrats der deutschen Wirtschaft. Nach Wunsch der Bundesregierung bislang aber offenbar ohne öffentliche Transparenz oder Beteiligung.

Die IG BCE kann das nicht hinnehmen. Die Kommissionsarbeit berührt zentrale Interessen ihrer Mitglieder. Fast alle Branchen, die die Gewerkschaft vertritt, liefern Produkte und Dienstleistungen für den Mobilitätssektor. Insbesondere die Fahrzeugindustrie hat eine herausragende Bedeutung für die Beschäftigten im Organisationsbereich der IG BCE. Etwa 200 000 Mitglieder, also etwa ein Drittel, sind direkt oder indirekt von der Fahrzeugindustrie abhängig. Nicht zu vergessen: Der Mobilitätssektor ist ein riesiger Energiekonsument mit hohem CO2-Ausstoß. Jährlich verbraucht der Sektor rund 750 Terawattstunden pro Jahr, das entspricht der Leistung von hundert großen Kraftwerken. Das hat Einfluss auf die gesamte Energiepolitik.

Weltweit setzen mittlerweile fast alle Autohersteller auf den Elektromotor als zentrale Antriebstechnologie, entweder mit Batterien, mit Brennstoffzellen oder als Hybridfahrzeug. Ein Viertel aller Neufahrzeuge sollen schon 2025 mit einem Elektromotor unterwegs sein. Deshalb haben die chinesischen Autohersteller erst gar nicht versucht Expertisen zu Verbrennungsmotoren aufzubauen. Die amerikanischen und europäischen Hersteller haben größtenteils schon auf Elektroantriebe umgeschwenkt. Die deutschen Hersteller haben sich jedoch erst kürzlich der Herausforderung angenommen.

Die Politik hat nun zumindest erkannt, dass die Elektromobilität auf dem 8. Vormarsch ist. Um die CO2-Vorgaben zu erreichen, ist es schlicht nicht mehr möglich, ausschließlich auf den Verbrennungsmotor zu setzen. Der Modellwechsel steht also so oder so bevor.

Das bringt aber vor allem auch eine sich stark verändernde Wertschöpfungskette mit sich. Betroffen sind hauptsächlich die Automobilzulieferer. All die kleinen und mittleren Unternehmen, die Kraftstoffschläuche, Schmierstoffe oder Katalysatoren herstellen.

Die Politiker reden jedoch nur mit den Autoherstellern. „Derzeit ist der Fokus der Diskussion auf Motorenhersteller, der Großteil der Wertschöpfung findet aber drum rum statt“, sagt Georg Amann, Betriebsratsvorsitzender bei SMP, einem Hersteller von Kunststoffteilen. „Besonders wichtig ist mir, dass insbesondere die Automobilzulieferer stärker eingebunden werden. Denn die Hersteller von Schläuchen, Tanks und Gehäusen sind ebenso betroffen“, so Amann weiter.

Angesichts dieser gigantischen Umbrüche und der großen Betroffenheit der IG-BCE-Branchen stellt die Gewerkschaft nun zehn Forderungen an die nationale Plattform Zukunft der Mobilität.

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1. Unser Verkehrssystem muß umweltfreundlicher werden, aber leistungsfähig bleiben
Transport hat in modernen Gesellschaften einen zentralen Stellenwert. Die Forderungen, unser Verkehrssystem weiterzuentwickeln, werden immer lauter. Eine Verkehrswende ist auch aus Sicht der IG BCE anzustreben. Unser Verkehrssystem muss umweltfreundlicher werden. Es muss aber auch weiter leistungsfähig sowie bezahlbar bleiben.

2. Verkehrs- und Fahrzeugsektor - Bedeutung für Beschäftigung und Wertschöpfung
Der Verkehrssektor ist einer der wichtigsten Sektoren in der deutschen Volkswirtschaft. 2,2 Millionen Beschäftigte erwirtschaften über 300 Milliarden Euro Umsatz. Rechnet man noch die Bereiche hinzu, die rund um den unmittelbaren Mobilitätssektor tätig sind, kann von über 4 Millionen Beschäftigten insgesamt ausgegangen werden.

3. Deuschland muß starker Automobilhersteller bleiben
Die deutschen Automobilhersteller haben viel falsch gemacht. Politik und Fahrzeughersteller sind gefordert, die aktuellen und alternativen Antriebstechnologien weiterzuentwickeln und auf die Märkte zu bringen.

4. Mehr aktive Industriepolitik für die Automobilindustrie notwendig
Die IG BCE setzt sich für eine aktive Industriepolitik ein, damit die Automobilhersteller und Zulieferer den Umstieg auf CO2-ärmere Antriebstechnologien bewältigen und die Beschäftigten durch Weiterbildung und Qualifizierung auf die neuen Anforderungen
vorbereitet werden.

5. Die Automobilzulieferer nicht vergessen
Die IG BCE fordert bei den anstehenden Veränderungen, die Automobilzuliefererindustrie mit an den Verhandlungstisch zu holen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Automobilhersteller und die Politik bewusst oder unbewusst Lösungen auf Kosten anderer produzieren. Besonders kleine und mittelständische Unternehmen brauchen Unterstützung bei Innovationen und bei der Qualifizierung und Weiterbildung ihrer Beschäftigten. Die IG BCE wird dies zu einem Schwerpunkt ihrer Aktivitäten machen.

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6. Batterieproduktion nicht den Wettbewerbern überlassen
Mit der Elektromobilität rückt die Batterietechnologie und -produktion in den Mittelpunkt der Wertschöpfung. Die deutsche Fahrzeugindustrie und die größeren Zulieferer müssen auch ihre Verantwortung annehmen und in die Batteriezellproduktion
investieren. Die IG BCE fordert deshalb ein koordiniertes Vorgehen von Politik und Unternehmen, das auch die Frage der Energiekosten für die Batteriezellproduktion in Deutschland einer Lösung zuführt.

7. Wasserstoff-/Brennstoffzelle und E-Fuels genau wie die E-Mobilität fördern
Batteriegetriebene Antriebstechnologien allein werden für ein umweltfreundliches und leistungsfähiges Verkehrssystem nicht reichen. Aus Sicht der IG BCE hat die CO2-Flottenregulierung daher technologieoffen zu erfolgen. Die Berücksichtigung von synthetischen Kraftstoffen und von Brennstoffzellenfahrzeugen auf die
CO2-Minderungsvorgaben der Automobilhersteller reizt Innovationen an, die letztlich zu Arbeitsplätzen und zukunftsweisender Wertschöpfung führen.

8. Den Verbrennungsmotor weiterentwickeln
Zwar ist durch die CO2-Vorgaben die Elektromobilität auf dem Vormarsch, die technologischen Potenziale auf Otto- oder Dieselbasis sind jedoch noch lange nicht ausgeschöpft.

9. Die Potenziale der Wasserstofftechnologie für Energiewende und Industrie nutzen
Wasserstoff in Verbindung mit der Brennstoffzelle ist aus Sicht der IG BCE ein unverzichtbarer Baustein für eine nachhaltige Mobilität. Nicht nur im Straßenverkehr, sondern auch auf der Schiene. Mit regenerativem Strom über Elektrolyseverfahren
erzeugter Wasserstoff hat aber auch große Potenziale in der Industrie.

10. Auch zukünftig Mobilität für alle sicherstellen
Ein umweltfreundliches und leistungsfähiges Verkehrssystem erfordert hohe Investitionen und neue Lenkungsinstrumente. Weder die Finanzierung der Investitionen noch aktuell diskutierte Lenkungsinstrumente dürfen dazu führen, dass Mobilität eingeschränkt
oder gar unbezahlbar wird. Mobilität darf nicht wieder ein Privileg der Reichen werden.

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