Interview Michael Vassiliadis und Ludwig Ladzinski

"Einmal Bergmann - immer Bergmann."

Michael Vassiliadis und Ludwig Ladzinski im Gespräch über das Besondere am Steinkohlenbergbau, die Bedeutung der Kumpelkultur für Gesellschaft und Gewerkschaftsbewegung und über die Zukunft der Reviere.

Michael Vassiliadis ist Kind des Ruhrgebiets und Sohn einer Bergmannstochter.
30.10.2018
  • Von: Lars Ruzic
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Was war dein erstes prägendes Bergbauerlebnis?

Ludwig Ladzinski: Mein Einstellungsgespräch 1970. Schon da wurden mir eindrucksvoll die Verdienste und Leistungen der Gewerkschaft für den Bergbau erläutert. Danach habe ich zuerst den Aufnahmeantrag der damaligen IGBE unterschrieben – und erst dann den Lehrvertrag. Von Anfang an war für mich eindeutig klar: ohne Gewerkschaft kein Bergbau.
Michael Vassiliadis: Ich stamme mütterlicherseits aus einer Bergbaufamilie und bin in Essen geboren. Überall in der Familie, im Kindergarten, bei Freunden war der Bergbau präsent. Nicht immer nur schön, sondern auch verbunden mit Krankheit und Belastungen – aber eben auch mit Stolz und Identifikation. Mitte der 1960er-Jahre war die Prägung der Region noch überall sichtbar und Alltag.

Was macht den Kumpel so besonders?

Ladzinski: Die Identifikation mit dem Beruf: Einmal Bergmann – immer Bergmann. Dass man sich absolut aufeinander verlassen kann und können muss. Die Offenheit und Kollegialität gegenüber neuen Kollegen, egal, welcher Herkunft oder Nationalität.
Vassiliadis: Die Solidarität, der Zusammenhalt und der ungeschminkte Blick auf das, was ist – und das, was nötig ist. Das wird natürlich durch die Situation unter Tage geprägt. Es wäre schlicht gefährlich, jemanden in der Gruppe zu haben, der sich der Gruppensolidarität, dem gemeinsamen Arbeiten, der Verantwortung für den anderen entziehen würde. Das ist Überzeugung und Kultur geworden, die bis ins private Alltagsleben reicht und am Ende die besondere Kultur in den Revieren begründet.

Was verbindest du mit dem 21. Dezember 2018?

Ladzinski: Wehmut und Trauer. Ich wünsche mir, dass es eine würdige Verabschiedung wird – von einem Industriezweig, der das Ruhrgebiet, die anderen Reviere und darüber hinaus das ganze Land jahrzehntelang geprägt hat. Nicht nur durch technische Spitzenleistungen, sondern auch durch beispielhafte Mitbestimmung und sozialpolitische Errungenschaften.
Vassiliadis: Wehmut und Stolz. Wehmut, weil es ein historischer Einschnitt ist und für uns bis heute nicht zu verstehen: Wir stellen die weltweit sicherste und ökologischste Steinkohlenförderung ein, um nun noch mehr Kohle aus Ländern vom anderen Ende der Welt in Deutschland zu verstromen. Das hat wenig mit Sinn zu tun und rechnet sich auch nicht in der CO2-Bilanz. Und Stolz darüber, dass es uns gemeinsam gelungen ist, den politischen Ausstiegsbeschluss ohne betriebsbedingte Kündigungen umzusetzen. Unser Versprechen war: »Niemand fällt ins Bergfreie.« Wir haben es gehalten.

Was bedeutet das Ende des Steinkohlenbergbaus für die Gewerkschaftsbewegung?

Ladzinski: Den Verlust einer ganzen Industrie mit sehr hohem Organisationsgrad. Der IG BCE fehlt in Zukunft der Berufszweig,der bei der Neuanfängerwerbung Garant für 100 Prozent Organisationsgrad war. Und wegen der Altersstruktur ist die Zahl der Sterbefälle unter den IG-BCE-Mitgliedern aus der Steinkohle hoch. Wir werden in Zukunft die Mitgliederwerbung in den verbliebenen Branchen konsequent weiterbetreiben müssen.
Vassiliadis: Kohle und Stahlproduktion mit ihrer Montanmitbestimmung waren für die Gewerkschaftsbewegung eine Grundlage für ihren Nachkriegserfolg. Die gewerkschaftliche Überzeugung, die sich aus den Tugenden der Bergleute ergab, stand für die Bereitschaft, faire Verträge einzuhalten. Aber auch dafür, gegen ungerechte Entscheidungen zu kämpfen und damit die Massen zu mobilisieren – wie etwa beim »Band der Solidarität« durch das Ruhrgebiet 1997. Diese Mischung aus Sozialpartnerschaft, Selbstbewusstsein und Mobilisierungskraft bleibt beispielhaft
und Leitlinie für uns.

Frank Rogner

Ludwig Ladzinski ist ehemaliger Vorsitzender des RAG-Betriebsrats und war bis 2017 Mitglied im Hauptvorstand der IG BCE.

Was wird aus den Revieren?

Ladzinski: Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass der Wandel nicht leicht wird, aber wir ihn schaffen können. Es ist ein langer Weg, neue Betriebe mit neuen Arbeitsplätzen anzusiedeln. Wir brauchen eine noch engere Abstimmung zwischen RAG, die Bergbauflächen bereitstellen muss, den Kommunen, die Gewerbeflächen ausweisen, Land und Bund, die günstige Rahmenbedingungen schaffen müssen. Nur dann wird der
Strukturwandel gelingen.
Vassiliadis: Es gibt durchaus Erfolgsgeschichten von neuen Industrien, Unternehmenszentralen oder innovativen Clustern, die neue Beschäftigung gebracht haben. Aber der Strukturwandel ist längst nicht überall gelungen. Besonders hart getroffen sind Regionen, denen in den vergangenen Jahren parallel andere Branchen wie Auto und Stahl weggefallen sind. Hier stehen wir vor großen Herausforderungen.

Was kann Politik aus dem Strukturwandel im Bergbau lernen?

Ladzinski: Kooperation statt Konfrontation. Die Sozialpartner im Bergbau haben erfolgreich gezeigt, dass es möglich ist, den Anpassungsprozess ohne soziale Verwerfungen zu gestalten. Das ist nur gelungen, weil alle Beschäftigten in Verbindung mit ihrer Gewerkschaft, die Landes- und Bundespolitik bis hin zur Europapolitik zur Zusammenarbeit bereit waren. Und dem Wandel die nötige Zeit einzuräumen, das war eine entscheidende Voraussetzung für die sozial verträgliche Gestaltung.
Vassiliadis: Es braucht den politischen Willen zur Strukturgestaltung. Das allein dem Markt überlassen zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Das lässt sich heute leider an viel zu vielen Beispielen belegen. Wir brauchen Mittel und Ideen. Sie intelligent zu kombinieren, ist Kern einer aktiven und erfolgreichen Industrie- und Wirtschaftspolitik.

Was wird von den Kumpeln bleiben?
Ladzinski: Hoffentlich nicht nur Nostalgie. Ich wünsche mir, dass die bereits beschriebenen Tugenden der Bergleute auch an die kommenden Generationen weitergegeben werden können.
Vassiliadis: Als zentrales Erbe bleibt die gewerkschaftliche Solidarität. Sie nicht nur als Tradition anzusehen, sondern sich der Bedeutung dieser Kultur für unsere Gesellschaft wieder stärker bewusst zu werden, würde uns gerade jetzt in diesen rauen Zeiten guttun. Wir werden dafür kämpfen, dass diese Kultur der Kumpel integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaft und Politik bleibt.

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