Interview Michael Vassiliadis

„Fundamental, emotional, international“

Michael Vassiliadis ist seit zehn Jahren Vorsitzender der IG BCE. Eine Dekade, geprägt von einschneidenden Entwicklungen in der Welt - und in den Branchen der IG BCE. Ein Gespräch über alte Werte und neue Herausforderungen. Und über Gitarren, die zu kurz kommen. 

Helge Krückeberg

Michael Vassiliadis ist seit 2009 Vorsitzender der IG BCE.
08.10.2019
  • Von: Lars Ruzic, Daniel Behrendt

Michael, herzlichen Glückwunsch zu zehn Jahren als Vorsitzender der IG BCE! Wenn du diese Zeit mit nur drei Adjektiven beschreiben müsstest: Welche wären das? 

Fundamental, emotional, international. 

Warum fundamental? 

Fundamental, weil die zurückliegende Dekade von vielen einschneidenden Entwicklungen von Weltmaßstab geprägt war: Kurz nach meiner Wahl zum IG-BCE-Vorsitzenden kam die Weltwirtschaftskrise mit anschließender Finanz- und Eurokrise, dann Fukushima, dann die Klimawandel-Debatte, dann der Flüchtlingsansturm von 2015 und das europaweite Erstarken rechter Bewegungen. Schließlich der inhaltlich wie stilistisch radikale Wechsel von Obama zu Trump und in der Folge schärfer werdende Handelskonflikte: Über alldem schwebt eine an Fahrt gewinnende Digitalisierung, die unsere Arbeitsgesellschaft tiefgreifend verändert. Dazu kommen Themen, die speziell die IG BCE stark herausgefordert haben: Der einstimmige Beschluss der EU-Kommission, den sozialverträglichen Auslauf des Steinkohlenbergbaus zu torpedieren, Großfusionen in der Chemieindustrie und heute Strukturwandelkommission, Klimawende und industrielle Transformation. 

Und warum emotional? 

Weil ich sehr viele tiefgehende Erfahrungen sammeln durfte - schlimme wie schöne. Bei allem Auf und Ab wusste ich die IG BCE immer hinter mir, die Menschen, ihre Herzlichkeit und Freundschaft. Das ist die entscheidende Kraftquelle für mein Amt. Die IG BCE ist eine große Familie, in der Zusammenhalt und praktische Solidarität an erster Stelle stehen, in der nicht gequasselt, sondern angepackt wird. In vielen Bezirken wurde während der sogenannten Flüchtlingskrise Großartiges zur Unterstützung von Migranten auf die Beine gestellt. Auch das stolze Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus war so ein Moment, in dem unsere Werte - Solidarität und Respekt - intensiv erlebbar waren: Etwas, das ich „Kumpelkultur“ genannt habe - und das ich in vielen Bereichen unserer Gesellschaft leider viel zu oft vermisse. 

Warum schließlich international? 

Weil sich die für uns zentralen Themen immer weiter globalisiert haben. Deshalb engagieren wir uns über unsere internationalen Gewerkschaftsverbände IndustriAll Global und IndustriAll Europe, dessen Vorsitzender ich bin, für die Lösung der großen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Probleme. In einer Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, wird internationale Zusammenarbeit, wird internationale Solidarität immer entscheidender. Im Verbund IndustrieAll bilden wir ein starkes Gegengewicht zu den weltweit erstarkenden Nationalisten, die nicht auf die ausgestreckte Hand, sondern auf Abschottung und Protektionismus setzen. 

Du hast einen umfassenden Erneuerungsprozess in der Organisation angestoßen. Mit welchem Ziel? 

Die IG BCE hat Bedeutsames erreicht. Sie pflegt ihre Geschichte und ihre Traditionen zu Recht mit Stolz. Dieses Bewusstsein eint uns im Wandel. Der ist dringend nötig, denn auch kommende Generationen von Beschäftigten brauchen die Kraft der IG BCE. Und das in einem Umfeld, in dem Themen wie die digitale Transformation und drängender Klimaschutz immer mehr an Gewicht gewinnen. Unser Ziel heißt auch in Zukunft: Wir schützen die Kolleginnen und Kollegen und arbeiten dafür, dass aus jedem Wandel etwas Gutes für sie erwächst. Um das zu erreichen, müssen wir uns als Organisation weiterentwickeln: Wir müssen neue Themen noch überzeugender besetzen, wir brauchen neue Kollegen mit frischem Blick und wir brauchen eine weitere Professionalisierung unserer Strukturen und unserer Kommunikation. Wir müssen den Mut haben, noch radikaler zu denken - um am Ende ausgewogene Wege in eine gute Zukunft zu finden! 

Derzeit entwirft die IG BCE Szenarien, die aufzeigen, wie sich Wirtschaft, Industrie, Politik, Gesellschaft und gewerkschaftliche Handlungsfelder bis 2030 verändern könnten. Wozu das Ganze?

Das ist Teil eines umfassenden Diskussionsprozesses, um die Zukunft unserer Branchen, um ihre Arbeitsplätze und die Wirtschaft insgesamt. Wir heißen nicht nur „Zukunftsgewerkschaft“, sondern zeigen auch, wie das geht: Indem wir schon heute die Herausforderungen der nächsten Dekade beschreiben und konkrete Lösungen erarbeiten. Wir haben 630 000 Mitglieder, die genau wissen, wie sich Wandel in ihrem alltäglichen Umfeld vollzieht. Die haben wir am Prozess beteiligt und nach ihren Zukunftsaussichten befragt. Dazu haben wir die Einschätzungen eigener Experten und internationaler Wissenschaftler eingeholt, ebenso von Freunden und Kritikern, von Unternehmen und Umweltverbänden. Daraus sind sehr plastische Szenarien entstanden, anhand derer wir zielführend in die Zukunft denken und arbeiten können.

Frank Rogner

Michael Vassiliadis mit Mitgliedern des Ruhrkohle-Chors beim Mitgliederfest 125 Jahre IG BCE auf der Zeche Zollverein in Essen 2015.

Einige Wegmarken sind bereits heute klar. Der Steinkohlenbergbau wurde 2018 beendet, für die Braunkohle gilt das Ausstiegsjahr 2038 als gesetzt. Wie wirkt sich das auf die IG BCE aus?

Wir müssen die Folgen dieses Strukturwandels bewältigen. 175 000 Bergleute waren zum Start der IG BCE im Jahr 1997 noch beschäftigt, davon über 45 000 in der Braunkohle. Heute sind es nur noch 25 000 Beschäftigte - in einer Branche mit einem Organisationsgrad von mehr als 90 Prozent. Daraus erklären sich die Mitgliederverluste der jüngeren Vergangenheit. Dafür wachsen wir in vielen Betrieben anderer Branchen. Das macht uns zuversichtlich, die Verluste im Bergbau langfristig kompensieren zu können.

In deinem Job bist du natürlich mächtig eingespannt. Gibt es Dinge, die du vermisst, die deutlich zu kurz gekommen sind?

Das ist kein Job, das ist eine Passion! Meine Organisation hat mich ausgebildet und entscheidend zu meiner Entwicklung beigetragen. Ich bin in einer Hochhaussiedlung der Bayer AG groß geworden. Mein Vater war Schichtarbeiter bei Bayer, ich war dort Chemielaborant, bevor ich vor 33 Jahren zur IG Chemie ging. Seitdem habe ich kaum ein Wochenende frei gehabt, war ungefähr drei Millionen Kilometer unterwegs und habe in hunderten Hotels übernachtet. Das war anstrengend, aber auch fantastisch. Ich kenne kaum Freizeit, aber auch keine Langeweile. Natürlich hat mein Amt Auswirkungen auf Hobbys und Familie gehabt. Aber ich habe gute Freunde, tolle Kinder und eine wundervolle Partnerin. Und einige Gitarren! Die spiele ich zwar leider recht selten, liebe sie aber umso mehr.

Welche Motivation wird dich in den nächsten zehn Jahren antreiben?

Ich will die IG BCE und die deutschen Gewerkschaften im Wandel neu aufstellen. Mitgliedernah, kompetent und kommunikativ. Gute Arbeit und eine gerechte, solidarische Gesellschaft werden auch in Zukunft nicht ohne Gewerkschaften auskommen können. Aber wir müssen lernen, Veränderungsprozesse schneller und konsequenter mitzugestalten. Gern mit Partnern - und im Zweifel auch im Konflikt mit den ewig Gestrigen in Wirtschaft und Gesellschaft. 

MICHAEL VASSILIADIS
wurde 1964 als Sohn einer deutschen Mutter und eines griechischen Vaters in Essen geboren. Er absolvierte bei der Bayer AG in Dormagen die Ausbildung zum Chemielaboranten und wurde 1980 Mitglied der IG Chemie, 1981 SPD-Mitglied. 1986 begann Vassiliadis’ hauptamtliche Gewerkschaftstätigkeit, seit 2004 war er Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG BCE, seit 2009 ist er deren Vorsitzender.

 

 

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