RAG Montan Immobilien

Immer auch Achse

Ihre Arbeit beginnt, wenn der Steinkohlenbergbau endet: Die Schachtbefahrer der RAG Montan Immobilien sorgen dafür, dass von den stillgelegten Schächten keine Gefahr ausgeht.

Frank Rogner

Die Mitarbeiter der RAG Montan Immobilien fahren die stillgelegten Schächte ab.
30.10.2018
  • Von: Isabel Niesmann

Früh beginnen die Schachtbefahrer der RAG Montan Immobilien in Essen ihre Arbeit. »Um spätestens 06:15 Uhr sind wir vom Hof und fahren die Schächte an«, sagt Klaus Jaekel. Seit 18 Jahren kümmert sich der ehemalige Reviersteiger der Zeche Hugo um die Schächte nach dem Steinkohlenabbau.

Jeden Tag muss er vorher die Messgeräte testen und gegebenenfalls kalibrieren: Die Konzentration von Sauerstoff, Kohlenstoffmonoxid, Kohlenstoffdioxid, Methan und Schwefelwasserstoff wird er später an diesem Tag damit messen. Danach machen sich die Schachtbefahrer immer in Zweierteams auf den Weg. In ihrem weißen Transporter haben sie alles dabei, was sie brauchen könnten: vom Schachthaken bis zum Zollstock. Sie sind eben den ganzen Tag auf Achse: »Wir sind für alle Eventualitäten gerüstet«, betont Jaekel. Denn was genau sie vor Ort erwartet, wissen sie nicht.

Frank Rogner

Kalibrieren: Klaus Jaekel bereitet am Morgen die Messgeräte für den Tag vor.

Denn ihre Arbeit beginnt, wenn der Bergbau endet: Der RAG-Mutterkonzern stellt der RAG Montan Immobilien jede stillgelegte Zeche und Fläche zur Verfügung. Die Schachtbefahrer müssen dafür sorgen, dass keine Gefahr von den ehemaligen Bergwerken ausgeht und, dass die Gase geregelt entweichen.

Spätestens um 06:15 Uhr fährt das Team los: Zu den Schächten im gesamten Ruhrgebiet, auch hoch hinaus auf den ehemaligen Förderturm von Schacht 1 der Zeche Zollverein: Hier müssen die beiden technischen Angestellten Bernd Kiauka und Reinhard Sandner die Funktion der Protego-Haube kontrollieren.
Das ist eine flammsichere Endarmatur, mit dem die Gasleitungen verschlossen sind. Sie überprüfen, ob die Siebe verstopft sind, ölen die Gelenke und kontrollieren den Schmelzbolzen: Dieser verschließt die Haube. Wird er zu heiß oder beschädigt, öffnet sich die knallrote Haube und die Gasleitung ist vor Regen und anderen Umwelteinflüssen nicht mehr geschützt.

Frank Rogner

Messen: Bernd Kiauka kontrolliert, wie viel Gas entweicht.

Der heiße Sommer machte sich bei den Schachtbefahrern bemerkbar: In vielen Hauben staute sich die Hitze, die Hauben sprangen auf und die Schmelzbolzen mussten ausgetauscht werden. Runter vom Förderturm und weiter zum stillgelegten Schacht 7 auf Zollverein: Hier muss das Team die Entgasungseinrichtung am Boden kontrollieren – eine von 190 insgesamt. Mit den am Morgen eingestellten Geräten messen die Männer die Konzentration des austretenden Gases. Gäbe es diese Entgasungseinrichtungen nicht, würden die Gase unkontrolliert an anderer Stelle entweichen, etwa in der Nähe eines Wohnhauses.

»Deshalb ist es so wichtig, dass wir diese Einrichtungen installiert haben und mindestens einmal im Quartal kontrollieren «, erklärt Sandner. Er war vorher im Büromanagement der RAG Montan Immobilien tätig: »Die Zeit draußen ist kurzweiliger, weil ständig andere Dinge zu erledigen sind«, findet er. Daneben ist ein Gullideckel, eine Nachfüllöffnung, die das Team mit einem Schachthaken öffnet. Mit einem Zollstock messen die Männer den Füllstand. »Veränderungen im Zentimeterbereich sind nicht schlimm. Ist der Boden aber einen Meter abgesackt, ist das etwas anderes«, erklärt Jaekel.

Aus sechs Mitarbeitern besteht das Team der Schachtbefahrer. Vor einigen Jahren waren es noch neun. Aber es gibt immer mehr Schächte mit längeren Intervallen zu befahren. Denn je länger die Zeche stillgelegt ist, desto weniger Gas entweicht, desto seltener muss sie kontrolliert und abgefahren werden.

Personalabbau – das ist auch das Hauptthema, mit dem sich der Betriebsratsvorsitzende Andreas Ostdorf und sein Team beschäftigen. 133 Vollzeitkräfte wurden in den vergangenen vier Jahren sozialverträglich abgebaut, gingen also etwa in Altersteilzeit oder wechselten von Arbeit in Arbeit.

Frank Rogner

Andreas Ostdorf, Gesamtbetriebsratsvorsitzender Ruhr und Saar bei RAG Montan Immobilien
»Wir bekommen weniger Flächen, haben dementsprechend weniger Arbeit und brauchen deshalb auch weniger Personal«, erklärt Ostdorf. Personalabbau ist aber nicht das einzige Thema: In diesem Sommer hat sich das Unternehmen zum wiederholten Male als familienfreundlicher Arbeitgeber auditieren lassen. Es gibt ein Eltern-Kind-Büro und mobiles Arbeiten. »Durch die gelebte Montanmitbestimmung haben wir ein sehr gutes Miteinander. Wir müssen uns nicht gegenseitig beharken, um zur Sachebene zu kommen. Wir sind schon da«, betont Ostdorf, der sich schon während seiner Lehre zum Betriebsschlosser in der Jugend- und Auszubildendenvertretung engagierte und seit 2016 Gesamtbetriebsratsvorsitzender für Ruhr und Saar ist.

Was Schachtbefahrer Kiauka bei seiner Arbeit am meisten gefällt, sind die Erstbefahrungen und Erstbewertungen von Schächten. Denn auch das gehört zu seiner Arbeit. Teilweise stammen diese alten Schächte aus dem 17. oder 18. Jahrhundert – 5439 sind es insgesamt im Ruhrgebiet und in Ibbenbüren. »Wir wissen nicht genau, wo sie sind, haben nur die Koordinaten und ein GPS-Gerät«, sagt Kiauka. »Das ist hochinteressant. «

Nach oben