terre des hommes

Im Einsatz für Kinderrechte

Seit 50 jahren engagiert sich das Kinderhilfswerk terre des hommes für Kinder und ihre Rechte, in Deutschland und weltweit. Dank großzügiger Spenden von IG-BCE-Mitgliedern unterstützt es Kinder auf der Flucht — in Krisengebieten und in Deutschland.

Christian Burkert

IG-BCE-Vorstandsmitglied Petra Reinbold-Knape (Mitte) mit Flüchtlingen am tdh-Stand auf dem Mitgliederfest 2015. IG-BCE-Vorstandsmitglied Petra Reinbold-Knape (Mitte) mit Flüchtlingen am tdh-Stand auf dem Mitgliederfest 2015.
23.12.2016
  • Von: Michaela Ludwig
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Kinder mit Napalm-Verbrennungen und Schussverletzungen, die Gesichter von den Schmerzen gezeichnet. Diese Bilder ließen Lutz Beisel, einen 29-jährigen Schriftsetzer, aktiven Gewerkschafter und Familienvater aus einem Dorf bei Stuttgart, nachts aus dem Schlaf schrecken. Sie stammten nicht aus dem kriegszerstörten syrischen Aleppo, sondern aus dem Vietnamkrieg im Jahr 1966 mit seinen über drei Millionen Opfern.

In Deutschland demonstrierten zu jener Zeit junge Menschen gegen den Kriegseinsatz der USA. Sie träumten von einer gerechteren und friedlicheren Welt. "Das Leiden der vietnamesischen Kinder ließ mir keine Ruhe", erzählt Lutz Beisel heute, 50 Jahre später. "Ich suchte nach einem Weg, wie ich ihnen helfen konnte." Die Antwort fand er fast zufällig in einem Zeitungsbeitrag über eine Schweizer Organisation namens terre des hommes, die schwer verletzte Kinder aus dem Land holte und in der Schweiz behandeln ließ. "Ich war elektrisiert und nahm sofort Kontakt zu Edmond Kaiser und seinen Freunden auf." Lutz Beisel reiste umgehend zu dem Aktivisten nach Lausanne und informierte sich über die Einzelheiten der Operation. "Mir war sofort klar: So etwas starte ich auch von Deutschland aus", erzählt er.

Edmond Kaiser übergab ihm das "Startkapital", wie Beisel die über 100 Briefe nennt, die Kaiser aus Deutschland erhalten hatte – von Menschen, die ebenfalls helfen wollten. Zurück in dem Dorf bei Stuttgart nahm er zu jedem einzelnen Kontakt auf, auch seine Freunde in Frankfurt und Stuttgart sprach er an. Schnell hatte Lutz Beisel eine Kernmannschaft von 40 Mitstreitern zusammen, die am 8. Januar 1967 terre des hommes Deutschland aus der Taufe hoben.

Nur wenige Wochen später lauschte in einem kleinen Dorf im Mekong-Delta die 16-jährige Vietnamesin Tho aufmerksam einer Sendung im Radio. Seit sie wenige Monate zuvor von einer Gewehrkugel getroffen und schwer verwundet wurde, konnte sie ihre Beine nicht mehr bewegen. Sie verbrachte ihre Tage liegend, im Bett. "Im Radio berichteten sie von schwer verletzten Kindern, die nicht in Vietnam behandelt werden konnten. Sie sollten zur Behandlung nach Deutschland ausgeflogen werden", erinnert sich Tho. Die Organisation, die das ermöglichte, war terre des hommes. "Diese Information war für mich sehr wichtig, denn ich brauchte dringend Hilfe."

Tho gehörte zu den ersten Kindern, die Lutz Beisel und seine Mitstreiter im Juni mit Militärmaschinen nach Deutschland holten. Hier wurde sie operiert und von engagierten Menschen betreut. Später lernte sie Deutsch, machte eine Ausbildung – und arbeitet bis heute in der Geschäftsstelle von terre des hommes in Osnabrück. "Hätte ich damals nicht den Bericht über terre des hommes gehört, würde ich wahrscheinlich nicht mehr
leben", sagt die heute 65-Jährige. Von Juni 1967 bis Ende 1969 hat terre des hommes 158 vietnamesische Kinder nach Deutschland geholt.

Das Engagement von Lutz Beisel und den vielen Ehrenamtlichen endete nicht mit dem Einsatz für die vietnamesischen Kinder. Im Gegenteil: Sie eröffneten eine kleine Geschäftsstelle in Stuttgart, die später nach Osnabrück zog, und schafften die ersten Arbeitsplätze. So gaben sie ihrer "Bürgerinitiative" Schritt für Schritt eine Struktur. Die Aktivitäten wurden ausgeweitet.

In den 1970er-Jahren traf terre des hommes zwei grundsätzliche Entscheidungen, die die Arbeit des Vereins bis heute prägen und von den meisten anderen Hilfsorganisationen unterscheiden: Er schickte keine Fachkräfte mehr in die betroffenen Länder, sondern arbeitete mit einheimischen Partnern vor Ort zusammen und finanziert deren Projekte. Auch wurden nicht länger Adoptionen und Kinderpatenschaften vermittelt, sondern ebenjene Partner unterstützen alle Kinder einer Familie oder eines Dorfes.

Es ging nicht mehr um das Schicksal einzelner Kinder, sondern um die Ursachen ihrer Probleme. Über ihre Öffentlichkeitsarbeit informiert terre des hommes verstärkt über die Ursachen von Not und Unterdrückung und versucht zugleich politische Entscheidungen zu beeinflussen, um zu mehr weltweiter Gerechtigkeit beizutragen.

Ein Meilenstein war die Verabschiedung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen am 20. November 1989. In dem Vertragswerk werden die Rechte der Kinder festgeschrieben, vom Recht auf Bildung, auf Teilhabe, auf Spiel und familiäre Geborgenheit bis hin zum Schutz vor Ausbeutung und Gewalt. Für terre des hommes wurde die Kinderrechtskonvention Grundlage ihres weiteren Engagements: Ziel ist es, die Rechte von Kindern umzusetzen – in Deutschland und weltweit.

Als im Jahr 2015 fast eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kommt, setzt sich terre des hommes für die Respektierung der Menschenrechte der geflüchteten Kinder ein. Finanzielle Unterstützung erhält der Verein auch vonseiten der Gewerkschaft: Seit der 125-Jahr-Feier der IG BCE vor zwei Jahren wurden mehr als 164 000 Euro Spenden gesammelt und an das Kinderhilfswerk übergeben. "Unter den Flüchtlingen sind es die Kinder, die am meisten leiden", sagt Vorstandsmitglied Petra Reinbold-Knape. "Sie brauchen in der Fremde ganz besondere Unterstützung."

Mit den Spendengeldern wird ein Projekt unterstützt, das etwa 3000 geflüchteten Kinder und ihren Familien in den Kurdengebieten im Nordirak Unterstützung bietet. Sie können die Schule besuchen und erhalten psychosoziale Hilfe. Weiterhin werden mit dem Geld Flüchtlingsprojekte in Deutschland gefördert, beispielsweise in einer Aufnahmeeinrichtung in Bramsche-Hesepe nahe Osnabrück. Für die dort lebenden Kinder organisiert ein Netzwerk aus 30 Helfern Freizeitaktivitäten. Mit gemeinschaft-
lichen Aktionen versuchen sie zudem, Vorurteile und Spannungen in der Nachbarschaft abzubauen.

"Das hohe Spendenvolumen zeigt, wie stark unsere Mitglieder Anteil nehmen am Schicksal der Flüchtlingskinder", stellt Petra Reinbold-Knape fest. Es sind gemeinsame Werte wie Menschlichkeit und Solidarität, die IG BCE und terre des hommes verbinden.

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