Einer von uns

Gänsehaut mit Auszeichnung

Ehemaliger Bergmann,Betriebsrat und Musiker: Alfons Buddner (62) liebt das Singen und die Kameradschaft im Ruhrkohle-Chor.

Frank Rogner

"Ich bin hier, weil ich mit Herz und Seele Bergmann bin.", sagt Alfons Buddner
01.11.2018
  • Von: Isabel Niesmann

Wenn Alfons Buddner heute zurückdenkt, bekommt er immer noch Gänsehaut: diese Stimmen, diese Stimmung. Eigentlich hatte er vor 40 Jahren nur einmal zur Probe des Männergesangvereins (MGV) 1948 Dorsten gewollt, nur zum Zuschauen. »Aber dann war es um mich geschehen«, erzählt er und hält zum Beweis den Arm mit den aufgestellten Härchen nach oben. Seitdem singt er leidenschaftlich gerne im Chor. Musik und Bergbau liegen bei den Buddners in der Familie: Gesungen hat der 62-Jährige schon immer gerne, bereits im Kindergarten und in der Schule: Auch zu Hause war er immer umgeben von Musik, sein Vater spielte Akkordeon. Und der wollte auf gar keinen Fall, dass sein Sohn die gleiche gefährliche Arbeit unter Tage ausübt wie er. Aber der wollte unbedingt – auch der Tradition wegen. So begann Alfons Buddner in dritter Generation auf der Zeche Fürst Leopold seine Lehre als Maschinenschlosser. Und es gefiel es ihm so gut, dass er blieb.

Zu Beginn seiner Lehre musste der junge Bergmann mit seinem erfahrenen Kollegen mitlaufen. »Mein Lehrsteiger hat während der Arbeit immer gesungen«, erinnert sich der Dorstener. Bald begann Buddner mitzusingen. Der Lehrsteiger erkannte sein Talent und nahm ihn mit zu einer Probe des MGV Dorsten. Buddner wurde erst Mitglied und später zwölf Jahre lang Vorsitzender. Als er vor 14 Jahren in Rente ging, trat er dem Ruhrkohle-Chor bei. Der größte Bergmannschor Deutschlands verlangt seinen Sängern viel ab: »Zu Beginn war meine Stimme nach den über dreistündigen Proben immer weg«, erinnert sich Buddner. Aber er gewöhnte sich daran und lernte durch die Musik viel über die bergmännische Kultur. »Ich bin hier, weil ich mit Herz und Seele Bergmann bin.« Der Chor ist nur eines seiner zahlreichen Hobbys: Seit 30 Jahren ist der zweifache Vater begeisterter Tänzer und spielt Akkordeon. Dass das Bergwerk Fürst Leopold 2001 die Förderung einstellte, konnte er aber auch als stellvertretender Betriebsratsvorsitzender nicht verhindern. Aber dagegen angekämpft hat er: »Wir haben Mahnwachen gehalten als die Zeche geschlossen werden sollte, auch Heiligabend.« Und weil der Bergmann im Allgemeinen und Alfons Buddner im Speziellen eben sehr gerne singt, tat er das auch bei den Mahnwachen – passend zur Jahreszeit natürlich Weihnachtslieder. und Fläche zur Verfügung. Die Schachtbefahrer müssen dafür sorgen, dass keine Gefahr von den ehemaligen Bergwerken ausgeht und, dass die Gase geregelt entweichen. Spätestens um 06:15 Uhr fährt das Team los: Zu den Schächten im gesamten Ruhrgebiet, auch hoch hinaus auf den ehemaligen Förderturm von Schacht 1 der Zeche Zollverein: Hier müssen die beiden technischen Angestellten Bernd Kiauka und Reinhard Sandner die Funktion der Protego-Haube kontrollieren. Das ist eine flammsichere Endarmatur, mit dem die Gasleitungen verschlossen sind. Sie überprüfen, ob die Siebe verstopft sind, ölen die Gelenke und kontrollieren den Schmelzbolzen: Dieser verschließt die Haube. Wird er zu heiß oder beschädigt, öffnet sich die knallrote Haube und die Gasleitung ist vor Regen und anderen Umwelteinflüssen nicht mehr geschützt. Der heiße Sommer machte sich bei den Schachtbefahrern bemerkbar: In vielen Hauben staute sich die Hitze, die Hauben sprangen auf und die Schmelzbolzen mussten ausgetauscht werden. Runter vom Förderturm und weiter zum stillgelegten Schacht 7 auf Zollverein: Hier muss das Team die Entgasungseinrichtung am Boden kontrollieren – eine von 190 insgesamt. Mit den am Morgen eingestellten Geräten messen die Männer die Konzentration des austretenden Gases. Gäbe es diese Entgasungseinrichtungen nicht, würden die Gase unkontrolliert an anderer Stelle entweichen, etwa in der Nähe eines Wohnhauses. »Deshalb ist es so wichtig, dass wir diese Einrichtungen installiert haben und mindestens einmal im Quartal kontrollieren «, erklärt Sandner. Er war vorher im Büromanagement der RAG Montan Immobilien tätig: »Die Zeit draußen ist kurzweiliger, weil ständig andere Dinge zu erledigen sind«, findet er. Daneben ist ein Gullideckel, eine Nachfüllöffnung, die das Team mit einem Schachthaken öffnet. Mit einem Zollstock messen die Männer den Füllstand. »Veränderungen im Zentimeterbereich sind nicht schlimm. Ist der Boden aber einen Meter abgesackt, ist das etwas anderes«, erklärt Jaekel. Aus sechs Mitarbeitern besteht das Team der Schachtbefahrer. Vor einigen Jahren waren es noch neun. Aber es gibt immer mehr Schächte mit längeren Intervallen zu befahren. Denn je länger die Zeche stillgelegt ist, desto weniger Gas entweicht, desto seltener muss sie kontrolliert und abgefahren werden. Personalabbau – das ist auch das Hauptthema, mit dem sich der Betriebsratsvorsitzende Andreas Ostdorf und sein Team beschäftigen. 133 Vollzeitkräfte wurden in den vergangenen vier Jahren sozialverträglich abgebaut, gingen also etwa in Altersteilzeit oder wechselten von Arbeit in Arbeit. »Wir bekommen weniger Flächen, haben dementsprechend weniger Arbeit und brauchen deshalb auch weniger Personal«, erklärt Ostdorf. Personalabbau ist aber nicht das einzige Thema: In diesem Sommer hat sich das Unternehmen zum wiederholten Male als familienfreundlicher Arbeitgeber auditieren lassen. Es gibt ein Eltern-Kind-Büro und mobiles Arbeiten. »Durch die gelebte Montanmitbestimmung haben wir ein sehr gutes Miteinander. Wir müssen uns nicht gegenseitig beharken, um zur Sachebene zu kommen. Wir sind schon da«, betont Ostdorf, der sich schon während seiner Lehre zum Betriebsschlosser in der Jugend- und Auszubildendenvertretung engagierte und seit 2016 Gesamtbetriebsratsvorsitzender für Ruhr und Saar ist. Was Schachtbefahrer Kiauka bei seiner Arbeit am meisten gefällt, sind die Erstbefahrungen und Erstbewertungen von Schächten. Denn auch das gehört zu seiner Arbeit. Teilweise stammen diese alten Schächte aus dem 17. oder 18. Jahrhundert – 5439 sind es insgesamt im Ruhrgebiet und in Ibbenbüren. »Wir wissen nicht genau, wo sie sind, haben nur die Koordinaten und ein GPS-Gerät «, sagt Kiauka. »Das ist hochinteressant. «

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