Betriebsreportage

Müll wird Brennstoff

Steinbeis Papier Glückstadt verbindet Ökologie mit Ökonomie – auch in puncto Energieversorgung. Das werkseigene Heizkraftwerk verbrennt Abfallstoffe aus der Produktion und liefert einen Großteil der benötigten Energie.

Martin Lukas Kim

Im Kontrollraum laufen alle Fäden zusammen.
22.06.2017

Die Klümpchen sind hellgrau, faserig und von der Größe einer Walnuss. ›Papierfaserreststoffe‹ nennt sich der getrocknete Schlamm aus kurzen ­Fasern und ausgewaschener Druckerfarbe, der übrigbleibt, wenn hochwertiges Recyclingpapier hergestellt wird. Bei Steinbeis Glückstadt sind sie kein lästiger ­Abfall, sondern wertvoller Brennstoff. Sascha Dössel beobachtet auf den Monitoren, wie das Förderband die ­grauen Klümpchen von der Lagerhalle zum Kessel transportiert. Auf den anderen Bändern stapeln sich geschredderte Lebensmittelreste, Sperrmüll und Gartenabfälle aus dem Glückstädter Raum. Die heißen hier – gemäß ihrer neuen Verwendung – nicht länger Müll, sondern Ersatzbrennstoff oder kurz »EBS«.

Per Mausklick steuert der 40-jährige Schichtführer die Zufuhr der Brennstoffe in den über 40 Meter hohen Kessel des Heizkraftwerks, das vor sieben Jahren in Betrieb genommen wurde. »Wir können die fossilen Brennstoffe nun weitestgehend ersetzen«, erläutert der gelernte Industriemechaniker. »Öl und Kohle müssen wir nur noch zufahren, wenn wir eine größere Störung oder einen Ausfall haben.«

Vom Kontrollraum im vierten Stock des Kraftwerks aus überwachen Sascha Dössel und Maschinist Mike Krohn den computergesteuerten Prozess auf 22 Bildschirmen. Doch jetzt ist Handarbeit gefragt: Ein Warnton erklingt und auf einem Monitor blinkt eine Störungsmeldung im EBS-Laufband auf. Der Schichtführer betritt mit Gehörschutz das Kesselhaus. Der süßlich-faule Geruch wird stärker, als er den Transportschacht aufschraubt und mit einem Schürhaken die festsitzenden Klumpen lockert. Kurzer Anruf bei Mike Krohn: Das Band kann wieder anfahren. »Der EBS ist zwar vorsortiert, aber manchmal werden die Bänder von größeren Teilen verstopft«, erläutert Dössel. Unglaublich, was sie schon herausgepult haben: Spritzen und Ankerketten, das Kurioseste war eine Panzerabwehrgranate.

Martin Lukas Kim

Solcher Metallschrott verstopft die Transportbänder und wird händisch entfernt.

Mit Druckluft werden die Brennstoffe von den Transportbändern in den Kessel geblasen. Der heizt durchgehend auf einer Temperatur von rund 950 Grad. Durch die Verbrennung entstehen Rauchgase, mit denen aufbereitetes Speisewasser erhitzt wird. »Wir fahren den Dampf auf einer Temperatur von 450 Grad in die Turbine«, erläutert Maschinist Krohn. »Dort wird der Strom für die Papierfabrik erzeugt.« Der restliche Dampf wird in metallisch glänzenden Rohren hinüber in die Werkhallen geleitet, geradewegs zu den zwei hochmodernen Papiermaschinen. »Wir liefern aktuell 55 Tonnen pro Stunde bei einer Temperatur von 115 Grad«, liest Krohn vom Monitor ab.

Der jährliche Energiebedarf der Steinbeis Papier kommt mit 250 Millionen Kilowattstunden dem Jahresverbrauch einer 160 000-Einwohner-Stadt gleich. Um Kosten zu sparen und den CO2-Ausstoß zu senken, hat Steinbeis 100 Millionen Euro in das 2009 errichtete Heizkraftwerk investiert. »Knapp die Hälfte des benötigten Stroms erzeugen wir selbst, den Rest kaufen wir hinzu«, erläutert Jörg Warnke, Geschäftsführer von Steinbeis Energie. »Unseren Bedarf an Dampf decken wir komplett selber ab.« Durch die Kopplung von Kraft und Wärme hat das Kraftwerk einen Wirkungsgrad von über 80 Prozent. Und: »Wir konnten den CO2-Ausstoß halbieren.«

Mit dem Dampf werden die mannshohen Zylinder der 120 Meter langen Papiermaschine beheizt. Denn nachdem das Papierfaser-Wasser-Gemisch erst auf der Bahn verteilt und gesiebt wurde, rollt es nun durch die Trocknung. »Dabei reduzieren wir den Feuchtigkeitsanteil von 100 auf 2 Prozent«, erklärt Papiertechnologe Oleg Prutov. Dann können die Papierbahnen geschnitten werden. Mit seinen vier Schichtkollegen arbeitet er unter buchstäblich tropischen Temperaturen: Die Luft ist heiß und feucht.

Martin Lukas Kim

Beim Kontrollgang wirft Sascha Dössel einen prüfenden Blick auf die Flamme im Kessel.

»Das Schicht­system und die klimatischen Bedingungen sind extrem belastend«, sagt der Betriebsratsvorsitzende Jörg Behrens. Auf Betreiben des Betriebsrats habe der Arbeitgeber für eine bessere Klimatisierung und Abzugstechnik in der Halle gesorgt. »Auch die Verdichtung der Arbeitsabläufe durch kürzere Produktionszeiten und neue Aufgaben setzt den Kollegen zu«, so Behrens. Nun kämpfe der Betriebsrat für eine Anpassung des Per­sonalschlüssels. Er kann auf den Rückhalt der Belegschaft vertrauen: Rund 72 Prozent der 322 Beschäftigten sind gewerkschaftlich organisiert, darunter »auch außertariflich Angestellte«. Wer Qualität produziert, müsse sich an guten Arbeitsbedingungen messen lassen, so Behrens.

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