IG BCE aktuell 10-2019 – Standpunkt

Ein Paket für eine gute Zukunft

Der Forderungsbeschluss steht: Mit einem ambitionierten Forderungspaket, das neben Prozenten auch Instrumente für wesentliche Herausforderungen der Zukunft beinhaltet, geht die IG BCE in die bevorstehende Chemie-Tarifrunde. Die Forderungen sind angemessen, gut begründet und nicht nur für die 580.000 Beschäftigten der chemisch-pharmazeutischen Industrie relevant, meint der stellvertretende IG-BCE-Vorsitzende und Tarifvorstand Ralf Sikorski.

Helge Krückeberg

Ralf Sikorski, gHV-Mitglied Ralf Sikorski, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE
19.09.2019

Jetzt gilt‘s: Mit der Verabschiedung des Forderungsbeschlusses zur Chemie-Tarifrunde 2019 durch die Bundestarifkommission liegen unsere Ziele für die bevorstehenden Verhandlungen auf dem Tisch. Mit eindrucksvoller Deutlichkeit haben unsere Forderungen in den letzten Wochen bei den Vertrauensleuten, in zahlreichen Tarifkonferenzen und in den regionalen Tarifkommissionen ungeteilte Zustimmung und kräftigen Rückenwind erhalten. Denn mit unseren Forderungen schlagen wir neue Wege ein!

Markus Feger

Die Bundestarifkommission beschließt einstimmig den Forderungsbeschluss. Die Bundestarifkommission beschließt einstimmig den Forderungsbeschluss.

Erstens: Wir wollen mit einem tariflich abgesicherten, persönlichen Zukunftskonto in Höhe von jährlich 1.000 Euro einen Beitrag zu besserer Work-Life-Balance und mehr Zeitsouveränität leisten.

Die Beschäftigten der chemisch-pharmazeutischen Industrie sollten ihre Arbeits- und Lebenszeit nicht nur nach betrieblichen Erfordernissen, sondern auch nach ihren persönlichen Lebensphasen ausrichten können! Das persönliche Zukunftskonto schafft dafür ideale Voraussetzungen, denn der Betrag kann maximal flexibel eingesetzt werden: Ob zur Umwandlung in zusätzliche freie Tage, zur direkten Auszahlung, zur Altersvorsorge oder zum Ansparen auf einem Langzeitkonto – etwa, um sich Zeit für die Kinder, die Pflege Angehöriger, einem Bildungsprojekt oder einfach einer Auszeit nehmen zu können. Der Einzelne soll frei entscheiden können, wie er das Geld oder den damit verbundenen Zeitwert einsetzt!

Zweitens: Wir wollen dem drängende Thema Weiterbildung mit einer Qualifizierungsoffensive zur Begleitung des digitalen Wandels mehr Qualität und Verbindlichkeit geben.

Mit dem Qualifizierungstarifvertrag im Tartifvertrag Lebensarbeitszeit und Demografie haben wir bereits Regelungen zur tariflichen Qualifizierung getroffen. Um die Umsetzung weiter voran zu bringen, wollen wir mit den Arbeitgebern unsere gemeinsamen Weiterbildungsaktivitäten verstärken, in dem wir die Fortbildungsbedarfe ermitteln und insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen begleiten und unterstützen.

Drittens: Wir wollen das immer brisanter werdende Thema Pflege durch die Einführung der bundesweit ersten tariflichen Pflegezusatzversicherung abmildern.

Sie hilft maßgeblich dabei im Pflegefall die Finanzierungslücke zur gesetzlichen Vorsorge zu schließen. Die Pflegezusatzversicherung bietet ein gutes Stück Sicherheit in einer älter werdenden Gesellschaft, in der nicht nur das Pflegerisiko steigt, sondern auch die Ungewissheit, ob man sich die Unterstützung im Fall der Fälle überhaupt leisten kann.
Gegenüber den Chemiearbeitgebern haben wir starke Argumente für diese Forderungen – denn sie gehen maßgeblich auf wesentliche Herausforderungen (nicht nur) in der chemisch-pharmazeutischen Industrie ein. Herausforderungen, denen sich nicht nur die Beschäftigten, sondern mindestens ebenso die Arbeitgeber und ihre Unternehmen stellen müssen:

Der Fachkräftemangel

Zukunftskonto und Pflegezusatzversicherung schaffen Mehrwert. Sie erhöhen die Attraktivität eines Jobs in der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Sie stellen nicht nur ein „finanzielles Extra“ dar, sondern signalisieren den Beschäftigten zugleich, dass ihre individuelle Lebenssituation und ihr Wunsch nach Arbeitszeitsouveränität respektiert und berücksichtigt wird – und auch in einer schwierigen Situation – wie zum Beispiel dem Pflegefall – Unterstützung da ist.

Die Digitalisierung

Wie wir unter anderem aus unserer großen Digitalisierungsumfrage, dem „Monitor Digitalisierung“ wissen, haben die Beschäftigten quer durch alle IG BCE-Branchen keine Angst vor dem digitalen und technologischen Wandel an ihren Arbeitsplätzen. Sie wollen sich neuen Aufgaben und Anforderungen proaktiv stellen. Was fehlt, sind jedoch tragfähige Konzepte zur Weiterbildung, damit sich diese Bereitschaft in den Erwerb neuer beruflicher Kompetenzen ummünzt. Mit einer Qualifizierungsoffensive, die dafür sorgt, dass jeder Kollege unter Einbindung aller betrieblichen Akteure praxisgerecht und stetig weiterqualifiziert wird, sorgen wir nicht nur für mehr Qualität und Verlässlichkeit in der Weiterbildung – wir schaffen auch die Grundlage, dass unsere hervorragenden Fachkräfte auch in Zukunft an der Spitze stehen. Gerade angesichts zunehmendem internationalem Wettbewerbsdruck und steigendem Innovationstempo wird die Frage nach immer höher qualifizierten Beschäftigten immer zentraler werden. Mit der Qualifizierungsoffensive nehmen wir diese Herausforderung effektiv an.

Steigende Arbeitsbelastung

Wettbewerb, Digitalisierung und Fachkräftemangel haben zu einer kontinuierlichen Arbeitsverdichtung geführt. Diese stellt nicht nur ein erhebliches Gesundheitsrisiko dar, sondern schmälert die Anziehungskraft von Jobs in der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Kurz: Entlastung muss her, mehr Freiheit für eine gelungene Balance von Arbeits- und Lebenszeit. Gerade für jüngere Beschäftigte – und erst Recht die händeringend gesuchten Fachkräfte von Morgen – hat die Freiheit über die eigene Zeit höchste Priorität. Und viele ältere Kollegen wünschen sich nach vielen Jahren harter Arbeit einen „sanfteren“, etappenweisen Übergang in Altersteilzeit oder Rente. Mit dem Zukunftskonto öffnen wir diese Freiräume: für jeden so, wie es am besten in seine individuelle Lebenssituation passt. Das ist nicht nur gut für den Einzelnen, sondern trägt auch viel bei zur Attraktivität der Jobs in der chemisch-pharmazeutischen Industrie – was auch im Sinn der Arbeitgeber sein dürfte.

Schon jetzt, im Vorfeld der Verhandlungen, verweisen die Chemie-Arbeitgeber auf die Kosten unseres Forderungspakets – und tun es, unter Bezugnahme auf die gegenwärtige wirtschaftliche Entwicklung, als unangemessen ab. Es mag in der Natur der Sache liegen, sich im Vorfeld der Verhandlungen arm zu rechnen. Tatsächlich sind die Prognosen rückläufig – allerdings nach einem Rekordniveau. Nach den im Fall der Chemiebranche nicht nur redensartlichen „sieben fetten Jahren“, in denen die Branche von Allzeithoch zu Allzeithoch flog, hat sich das Wachstum verlangsamt. Auslastung, Beschäftigungs- und Auftragslage liegen trotz konjunktureller Eintrübung weiterhin auf hohem Niveau!

Deshalb – und weil die Erfolge der chemischen Industrie auch ihren Beschäftigten zuzuschreiben sind – werden wir auch bei unserer vierten Forderung Druck machen: Eine reale Erhöhung der Entgelte und Ausbildungsvergütungen!

Nichts anderes haben die Kolleginnen und Kollegen verdient: Denn neben den anderen Instrumenten, die vor allem langfristig wirksam sind oder der Vorsorge dienen, sollte ein Teil der Anerkennung für gute Arbeit auch kurzfristig im Portemonnaie spürbar werden!

Wir können gut gerüstet in diese Tarifrunde gehen: Unsere Forderungen sind angemessen, sie sind bestens begründbar und sie gehen weit über die Vertretung kurzfristiger und einseitiger Interessen hinaus. Wir adressieren zentrale Herausforderungen der Arbeitsgesellschaft und des Wirtschaftsstandorts – und liefern gleich mit, was die Arbeitsgeber lange versäumt haben:  tragfähige Lösungsvorschläge!

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