IG BCE aktuell 6-2019 - Standpunkt

Neue Ideen für neue Herausforderungen!

Instrumente und Prozente: Mit ihrer Forderungsempfehlung für die bevorstehende Chemie-Tarifrunde fordert die IG BCE nicht nur guten Lohn für gute Arbeit, sondern vor allem eine offensive Inangriffnahme der größten Herausforderungen in der Arbeitswelt: Digitalisierung, steigende Arbeitsbelastung, demografischer Wandel. Dieser brennenden Themen nimmt sich die IG BCE lösungsorientiert und richtungsweisend an. Mit einem Maßnahmenpaket, das Maßstäbe setzt, meint der stellvertretende IG-BCE-Vorsitzende und Tarifvorstand Ralf Sikorski.

Helge Krückeberg/IG BCE

„Wir gehen in dieser Tarifrunde die großen Herausforderungen moderner Industriegesellschaften an: Arbeitsbelastung, Digitalisierung, Demografie“, verspricht Ralf Sikorski.
20.06.2019

Vieles ist im Umbruch: in unserer Gesellschaft, in der Arbeitswelt, aber auch in der Art und Weise, wie Menschen ihr Leben gestalten wollen. Daraus ergeben sich Spannungsfelder: Berufliche Anforderungen und Arbeitsverdichtung steigen, der Fachkräftemangel schlägt zu, für alle Generationen wächst die Arbeitsbelastung. In mindestens ebenso großem Maße wächst der Wunsch nach Entlastung und nach lebensphasengerechten Arbeitszeiten. Um Freiraum zu haben für die Dinge, die – neben guter Arbeit – im Leben zählen: Zeit für die Familie, Zeit für die Pflege naher Angehöriger, Zeit für das Ehrenamt, Zeit, um sich weiterzubilden, Zeit aber auch für Muße und Erholung. Jeder Lebensabschnitt hat seine ganz eigenen Themen und Herausforderungen, doch heutige Arbeitszeitmodelle und der Fachkräftemangel erschweren es, angemessen darauf einzugehen.

Genau an diesem Punkt werden wir in der bevorstehenden Chemie-Tarifrunde ansetzen. Zeitsouveränität und Entlastung, Sicherheit im Alter, bessere Qualifizierungsmöglichkeiten: Die IG BCE will für die 580.000 Beschäftigten in der chemisch-pharmazeutischen Industrie zusätzlich zu spürbaren Lohnsteigerungen ein umfangreiches Zukunftspaket durchsetzen. Es umfasst die Einrichtung eines individuellen Zukunftskontos, die bundesweit erste tarifliche Pflegezusatzversicherung und eine Qualifizierungsoffensive zur Begleitung des digitalen Wandels. Die entsprechende Forderungsempfehlung für die Tarifrunde haben wir im Hauptvorstand der IG BCE einstimmig beschlossen – und unsere Kampagne unter das Motto „Es wird Zeit!“ gestellt. Zeit, endlich die großen Herausforderungen der modernen Industriegesellschaften anzupacken: Arbeitsbelastung, Digitalisierung, Demografie.

Denn wir wissen, dass dies zugleich die Themen sind, die sehr vielen Beschäftigten auf den Nägeln brennen. Das haben nicht zuletzt die Befragungen ergeben, die wir in den vergangenen Monaten durchgeführt hatten. Unsere Forderungsempfehlung zielt vor allem darauf ab, Instrumente zu schaffen, die langfristig für Entlastung und Freiraum sorgen, denn wir wissen:

  • Der Fachkräftemangel, den die Arbeitgeber zu lange auf die leichte Schulter genommen haben, ist nicht über Nacht entstanden. Er wird auch nicht über Nach verschwinden, sondern bedarf intensiver und langfristiger Anstrengungen. Verschärft wird das Problem durch den demografischen Wandel, die „alternde Gesellschaft“. Wir brauchen eine systematische Planung des Personalbedarfs in den Betrieben unter enger Einbeziehung der Betriebsräte, damit Lasten nicht einfach innerhalb der bestehenden Belegschaft umverteilt werden.
  • Gerade jüngere Generationen stellen steigende Ansprüche an eine gute, gesunde Work-Life-Balance und an individuelle Freiräume. An einem Arbeitsmarkt, der sich von einem Arbeitgeber- zu einem Arbeitnehmermarkt wandelt, wird es entscheidend sein, auf diese Bedürfnisse mit überzeugenden Konzepten einzugehen, wenn wir für unsere Branchen auch zukünftig gute und motivierte junge Kolleginnen und Kollegen gewinnen wollen.
  • Die Digitalisierung nimmt (nicht nur) in den Branchen der IG BCE gerade erst Fahrt auf. Die wirklich „folgenschweren“ Technologien, die das Potenzial haben, die Arbeitswelt tiefgreifend umzuwälzen – vor allem produktionsnahe und messbezogene Technologien – sind zumeist noch gar nicht an den Arbeitsplätzen der Kolleginnen und Kollegen angekommen, werden dies aber früher oder später tun. Umso wichtiger ist es, schon heute das Thema Weiterbildung – in Hinblick auf neue berufliche Anforderungen und sich verändernde Berufsbilder – offensiv anzupacken. Damit die Beschäftigten die Digitalisierung nicht „erleiden“ – sondern selbstbewusste und kompetente Mitgestalter dieses Vieles verändernden Prozesses sind.
  • Die Menschen werden (glücklicherweise) immer älter. Mit der länger werdenden Lebensperspektive wächst allerdings auch die Verantwortung, die Phase nach dem Arbeitsleben vorausschauend und umsichtig zu planen. Das Thema Pflege gewinnt dabei an Raum. Allerdings: Die gesetzliche Pflegeversicherung reicht nicht annähernd, um eine ausreichende und würdige Betreuung Pflegebedürftiger sicherzustellen. Dadurch ist das ohnehin herausfordernde Thema Pflege für viele Menschen zusätzlich mit Unsicherheit besetzt. Deshalb wollen wir, dass den Kollegen über die gesetzlichen Leistungen hinaus ein Stück Sicherheit fürs Alter gegeben wird.

Angesichts dieser großen Herausforderungen geht es in der anstehenden Chemie-Tarifrunde vor allem darum, nun zu konkretisieren und umzusetzen, was wir uns bereits im vergangenen Jahr in Gestalt der „Roadmap Arbeit 4.0“ auf die Agenda gesetzt haben: Ein Maßnahmenpaket, dass individueller werdende Wünsche nach Arbeitszeitsouveränität und Entlastung ernst nimmt, einen zentralen Beitrag leistet, die Kolleginnen und Kollegen fit für die Digitalisierung zu machen und ihnen mehr Sicherheit für die Zeit nach der Arbeit verspricht. Das – und natürlich auch eine spürbare Entgelterhöhung – sind die zentralen Anliegen, die wir mit unserer Forderungsempfehlung verbinden.

Im Einzelnen sieht die Forderungsempfehlung vor:

  • Die Schaffung eines tariflich abgesicherten, persönlichen Zukunftskontos in Höhe von jährlich 1000 Euro, über das jeder Beschäftigte individuell verfügen kann: ob zur Umwandlung in zusätzliche freie Tage oder zum Ansparen auf einem Langzeitkonto – etwa, um in bestimmten Lebensphasen eine längere Auszeit nehmen zu können. Denkbar ist auch die Nutzung des Betrags zur Altersvorsorge oder die direkte Auszahlung. Der Betrag ist tarifdynamisch zu gestalten. Wir wollen die Option „Geld in Zeit“ mit einer maximalen Entscheidungsfreiheit für den Einzelnen verbinden.
  • Eine reale Erhöhung der Entgelte und Ausbildungsvergütungen. Die Beschäftigten verdienen ein spürbares Plus. Denn Auslastung, Beschäftigungs- und Auftragslage liegen trotz konjunktureller Eintrübung weiterhin auf hohem Niveau.
  • Die Einführung der bundesweit ersten tariflichen Pflegezusatzversicherung, die bei Eintritt des Pflegefalls die Finanzierungslücke zur gesetzlichen Vorsorge schließt. In einer älter werdenden Gesellschaft steigt von Jahr zu Jahr das Pflegerisiko – und die Ungewissheit, ob man sich die Unterstützung im Fall der Fälle überhaupt leisten kann. Diese tarifpolitische Innovation soll unser Sicherheitsversprechen an die Beschäftigten sein. Für die Branche bietet sie gleichzeitig ein Alleinstellungsmerkmal, ein Plus an Attraktivität im Werben um Fachkräfte.
  • Eine Qualifizierungsoffensive zur Begleitung des digitalen Wandels. Dabei sollen Betriebsräten und Vertrauensleuten besondere Kompetenzen zukommen, damit passgenaue, praxisgerechte Weiterbildungskonzepte entwickelt werden können. Denn sie kennen die Arbeitssituation der Kollegen, ihre Anforderungen und Wünsche am besten.

Die Laufzeit ist abhängig vom Gesamtpaket. Dass das am Ende insgesamt vorzeigbar ausfällt, werden wir stets im Blick behalten. Hinter jedem Baustein unseres Forderungspakets steht ein echter Mehr- und Geldwert, der sich nicht vor vergangenen Forderungen nicht verstecken muss. Noch wichtiger als Prozente erscheint uns allerdings der weichenstellende Charakter unserer Forderungsempfehlung: Denn die Zukunftsfragen Arbeitsbelastung, Digitalisierung, Demografie müssen vor allem über intelligente Instrumente angegangen werden. Für die anstehende Runde heißt das: Wir wollen Instrumente UND Prozente!

Nach oben