IG BCE aktuell 2-2019

Digitalisierung: Maß und Mittelpunkt des Wandels ist der Mensch

Die Digitalisierung geht uns alle an. Weil sie die Arbeitswelt radikal verändert. Weil sie Risiken birgt – und viele Chancen. Der Wandel schreitet schnell voran: deshalb müssen auch wir schneller werden, um ihn selbstbewusst mitgestalten zu können. Ein Leitartikel von Francesco Grioli, Mitglied im Geschäftsführenden Hauptvorstand der IG BCE und verantwortlich für Digitalthemen.

Stefan Koch

Francesco Grioli,  Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE Francesco Grioli,  Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE
21.02.2019

Die Arbeitswelt befindet sich in ihrem radikalsten Wandel seit dem Beginn der Industrialisierung. Treibende Kraft ist die Digitalisierung, die schon heute Leben, Arbeit und Kommunikation tiefgreifend prägt. Digitalisierung in ihrer gegenwärtigen Form bezeichnet im Kern dreierlei:

  • die umfassende Vernetzung aller Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft.
  • eine in Umfang und Qualität neue Dimension der Verzahnung von Mensch und Technik, von humaner und künstlicher Intelligenz.
  • Das Sammeln, Auswerten und die wirtschaftliche Verwertung von Datenbeständen bisher ungeahnten Ausmaßes.

In der Industrie wird die Digitalisierung in immer schnellerer Taktung neue Fertigungsverfahren, Produkte und Geschäftsmodelle hervorbringen – mit weitreichenden Folgen für die Beschäftigten und ihre Arbeit: Etliche Berufe werden sich verändern, etliche neue – vornehmlich hochspezialisierte - werden entstehen. Viele Berufsbilder werden dabei kontinuierlich an sich verändernde technologische Anforderungen angepasst werden müssen.

Zugleich sind die Betriebe in der Pflicht, sich intensiver und „maßgeschneiderter“ als bisher um die berufliche Weiterqualifizierung der Kolleginnen und Kollegen zu kümmern. Lebenslanges Lernen muss von einem Schlagwort zu gelebter Kultur in den Betrieben werden. Beschäftigte müssen vorausschauend und nachhaltig für künftige berufliche Herausforderungen fit gemacht werden – zugleich müssen ihre Freude am Lernen und die Bereitschaft zur Veränderung trotz aller beruflichen Routine wachgehalten werden. Denn Neugier, Agilität und Veränderungsbereitschaft gehören neben dem klassischen Handwerkszeug mehr denn je zu den Schlüsselvoraussetzungen einer erfolgreichen beruflichen Laufbahn.

Digitalisierung tritt vor allem technologisch in Erscheinung, darf deshalb aber nicht ausschließlich unter technologischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Treibende Kraft der Digitalisierung muss der Mensch sein – und der Innovationsmotor von Industrie 4.0 der Beschäftige mit seinen Fähigkeiten und seinem Beitrag. Wir wollen eine Digitalisierung, die im Dienst des Menschen steht. Eine Transformation, die die Wachstumspotentiale neuer Technologien hebt – und zugleich die Arbeits- und Lebenswelt der Menschen verbessert.

Digitalisierung verlangt deshalb nach neuen Formen der Mitbestimmung und Mitgestaltung: Wie können technische Innovationen beschäftigtengerecht in den Arbeitsalltag eingebunden werden? Stellen die gegenwärtigen Mitsprachemöglichkeiten von Betriebsräten und Gewerkschaften sicher, dass die die Beschäftigten an betrieblichen Digitalsierungsprozessen beteiligt werden? Werden die Folgen neuer Technologien – etwa für Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen – vor ihrer Einführung gewissenhaft genug abgeschätzt? Sind unsere Konzepte für Aus- und Weiterbildung angesichts wachsender Arbeitsverdichtung und steigender Anforderungen auch zukünftig noch ausreichend? Und nicht zuletzt: Haben wir die Instrumente, aber auch die Durchsetzungskraft, um in dieser zunehmenden Arbeits- und Leistungsverdichtung das vielleicht kostbarste Gut sicherzustellen: Zeit. Zeit für Freiräume. Zeit für eine gute und gesunde Balance zwischen Arbeit und Leben.

Die Digitalisierung stellt nahezu alle unsere Gewissheiten in Frage. Das mag beunruhigen. Doch nichts tun, die Entwicklungen einfach auf sich zukommen lassen: Das wäre fatal. Und: Es wäre angesichts vieler Chancen, die die Digitalisierung trotz aller Ungewissheiten bietet, eine unangemessen pessimistische Haltung.

Zwar sind Studienergebnisse zu den Folgen der Digitalisierung uneinheitlich und in sich widersprüchlich, die Schätzungen, wie viele Arbeitsplätze verschwinden, wie viele neu geschaffen werden, wie viel Wertschöpfung generiert wird, variieren stark. Doch weitgehende Einigkeit besteht immerhin darin, dass die Digitale Transformation eine Erfolgsgeschichte werden kann, wenn konstruktive politische Rahmenbedingungen geschaffen werden und Unternehmen in der Lage sind, den Wandel vorausschauend und mutig zu gestalten.

Aus gewerkschaftlicher Sicht ist hinzuzufügen: Erfolgreich kann dieser Strukturwandel nur sein, wenn die Beschäftigten diesen Prozess aktiv und arbeitsplatznah mitgestalten. Nicht nur aus Gründen der Mitbestimmung, sondern auch, weil das Wissen und die Erfahrung Hunderttausender qualifizierter Fachkräfte durch nichts zu ersetzen sind. Die Digitalisierung braucht den Blickwinkel und die Kreativität der Praktiker. Der Anpacker, die aus dem täglichen konkreten Tun heraus beurteilen können, was die Arbeit an der Maschine, im Labor oder im Büro wirklich verbessert und voranbringt. Ohne diese Praxisperspektive droht die Digitale Transformation, das wichtigste aller Zukunftsprojekte, in kalter Konzeption zu erstarren.

Die IG BCE will in der Digitalen Transformation kein Bremser, kein Bedenkenträger sein. Wir glauben an die Chancen der Digitalisierung. Wir glauben daran, dass neben einer gelungenen Einbindung neuer Technologien in die Arbeitswirklichkeit sowie der unternehmerischen Fähigkeit, neue geschäftliche Chancen zu erkennen und zu ergreifen, vor allem hervorragend qualifizierte, engagierte und zufriedene Kolleginnen und Kollegen die entscheidenden Erfolgsfaktoren der Digitalen Transformation sind. Unsere Aufgabe als Gewerkschaft wird es deshalb sein, dafür zu sorgen, dass Aus- und Weiterbildung weiterentwickelt, Mitbestimmung gestärkt und Arbeitsbedingungen weiter verbessert werden.

Um diesen Anspruch einzulösen, hat die IG BCE kürzlich die Zukunftskommission Digitale Agenda ins Leben gerufen: Ein Gremium, in dem Vertreter aus Gewerkschaft und Betrieben, der Arbeitgeberseite, der Politik und der Wissenschaft gemeinsam die Potenziale und Risiken der Digitalen Transformation präzise beschreiben wollen, um nahe an der betrieblichen Wirklichkeit konkrete Forderungen und Handlungsoptionen zu entwickeln. Für die kommenden zwei Jahre wird die Kommission sich daher mit der Frage beschäftigen: Wie lässt sich das Erfolgsmodell der Sozialen Marktwirtschaft mit seinen maßgeblichen Strukturen von Mitbestimmung und Mitgestaltung in Wirtschaft und im Betrieb im digitalen Zeitalter fortsetzen?

Für eine Interessenvertretung stellt die Digitalisierung eine der größten Herausforderungen der Gegenwart dar. Denn es geht um nichts weniger als die Überführung tradierter Werte und Strukturen in eine noch unklare Zukunft. Unstrittig ist dabei aber, dass die Funktion von Gewerkschaften außer Frage steht: Auch zukünftig wird es darum gehen, für gute Bedingungen in der Arbeitswelt und für Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu arbeiten. Für eine Digitalisierung, die die Menschen nicht ängstigt, sondern ihnen Möglichkeiten eröffnet: zur Weiterentwicklung ihrer Potenziale und Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Das ist unser Auftrag.

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