IG BCE aktuell 12-2018

Flagge zeigen für Vielfalt

Diversity: Ein neues Wort macht Karriere – und mit ihm ein neues Denken. Denn zunehmend geht es in der Debatte um die Inklusion von Migranten oder Menschen mit Behinderung nicht mehr nur darum, gegen Diskriminierung vorzugehen, sondern menschliche Vielfalt als Bereicherung für die gesamte Gesellschaft gezielt zu fördern. Ein Leitartikel von IG-BCE-Vorstand Petra Reinbold-Knape.

Frank Rogner

Petra Reinbold-Knape, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes: "Vielfalt im Betrieb bedeutet Reichtum."
20.12.2018

Das Wort „divers“ hat viele Synonyme: verschieden, vielfältig, unterschiedlich. Gesellschaftlich bezieht sich Diversity auf eine sich immer weiter entwickelnde Vielfalt von Menschen und Lebensformen. „Familie“ heißt nicht mehr zwangsläufig „Mutter-Vater-Kind“, „deutsch“ ist längst nicht mehr gleichbedeutend mit „in Deutschland geboren“, „Mann sein“ setzt nicht mehr zwingend voraus, Hauptverdiener der Familie zu sein und Menschen mit Behinderung werden längst nicht mehr nur durch die „Benachteiligtenbrille“ betrachtet. Diversity heißt Reichtum: Jeder trägt mit seiner Eigenart, seinen Fähigkeiten, seinem kulturellen Hintergrund und seiner ganz persönlichen Sichtweise gleichberechtigt bei zu einer offenen, lebendigen und toleranten Gesellschaft. Diversity ist das Gegenteil von Diskriminierung – bedeutet zugleich aber viel mehr als Antidiskrimierung. Denn sie richtet den Blick weit hinaus über die reine Bekämpfung von Benachteiligung und Stigmatisierung auf die Chancen und Wachstumsmöglichkeiten, die Menschen in ihrer „Andersartigkeit“ für die ganze Gesellschaft bieten. Diversity will Vielfalt gezielt fördern.

Aus Sicht der IG BCE bedeutet der Begriff Diversity zweierlei: Zum einen ist sie, auf die große Perspektive bezogen, ein zeitgemäßer Beitrag zu einer offenen, toleranten Gesellschaft und zur Stärkung von Demokratie und Freiheit. In Hinblick auf die betriebliche Wirklichkeit und den einzelnen Beschäftigten heißt Diversity zum anderen: Sprache, Kultur, Behinderung, Alter, sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität, politische oder religiöse Überzeugungen dürfen nicht nur kein Grund für Ungleichbehandlung sein - sie sollen viel mehr als Bestandteile einer lebendigen, kreativen Arbeitswelt gesehen und gewürdigt werden.

Vor gut einem halben Jahrhundert startete ein IG-BCE-Traditionsformat, die Recklinghäuser Tagung, mit dem seinerzeit so wichtigen Fokus auf die Belange der sogenannten Gastarbeiter. Der ursprüngliche Schwerpunkt der Konferenz lag bei den Themen Migration und Integration – eine große Herausforderung angesichts einer zu jener Zeit noch nahezu „geschlossenen“, von starren Werten und Normen geprägten Gesellschaft.

Seither hat sich viel verändert. Die Globalisierung, die zunehmende Internationalisierung vieler Unternehmen, hat dazu geführt, dass kulturelle Vielfalt im Betrieb längst alltäglich ist - so sehr, dass vielen Kolleginnen und Kollegen womöglich gar nicht mehr bewusst registrieren, wie viele Nationalitäten im Unternehmen, sogar in der eigenen Abteilung vertreten sind. Auch, wenn sich eine Kollegin als lesbisch outet oder ein anderer während des Ramadan nicht mit zu Mittag isst, ist das in vielen Situationen längst kein Anlass mehr für verständnislose oder gar verächtliche Reaktionen. Mehr noch: Immer mehr Unternehmen setzen auf gezieltes Diversity-Management. Denn eine erfolgreiche Inklusion unterschiedlichster Menschen, Lebensentwürfe und Sichtweisen verbessert nicht nur das Betriebsklima – sondern mitunter auch Produktivität und wirtschaftlichen Erfolg.

Auch die IG BCE will Diversität in Alltag und Beruf fördern. Mit der Abteilung Diversity und Antidiskriminierung haben wir eine zentrale Anlaufstelle geschaffen, die auf politischer Ebene, aber auch ganz konkret Hilfestellung für mehr Vielfalt im betrieblichen Alltag geben will. Die IG BCE gehört zu den inzwischen mehr als 3.000 Unterzeichnern der Bundesinitiative „Charta der Vielfalt“ und fördert den Abschluss von Betriebsvereinbarungen zur kulturellen Diversität und der Integration von Geflüchteten. Schließlich stand auch die kürzlich zu Ende gegangene 48. Ausgabe der Recklinghäuser Tagung erstmals im Zeichen von Diversity, unter dem kraftvollen Motto „Wir zeigen Flagge: Diversity im Betrieb.“

Lebensentwürfe sind vielfältiger, Gesellschaft und Arbeitswelt offener geworden. Diversity ist mehr als nur ein modisches Schlagwort. Sie wird tagtäglich gelebt. Eine großartige Entwicklung, der wir aber nicht blind vertrauen sollten. Denn zugleich erleben wir, wie nationalistische Parolen und Ressentiments gegen Migranten und Andersdenkende Raum greifen – bis hinein in demokratisch gewählten Parlamente.

Das macht deutlich: Eine stabile Demokratie und eine offene, solidarische Gesellschaft sind keine Selbstläufer. Sie müssen immer wieder mit Mut und Leidenschaft erstritten werden. Von Menschen, die Flagge zeigen für Toleranz und Vielfalt.

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