Tarifpolitik

Leidenschaft und Augenmaß

Politik bedeutet ein starkes, langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augemaß zugleich. Diese Definition des großen Soziologen Max Weber gilt für die Tarikpolitik allemal, das weiß jeder Gewerkschafter.

Marcus Schwetasch / BASF SE

Demonstration in Ludwigshafen
01.09.2015
  • Von: Michael Denecke
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In der Tarifpolitik geht es schon lange um mehr als Prozente. Selbstverständlich sind und bleiben regelmäßige Entgelterhöhungen die Basis. Aber gleichermaßen stehen Arbeitszeiten und -bedingungen, Jahressonderzahlungen, Urlaub oder Ausbildungsfragen im Fokus. Vieles lässt sich nicht in einem Anlauf erreichen, gerade hier sind die langen Linien und Verlässlichkeit gefragt. Dass diese Anlage der Tarifpolitik durchaus erfolgreich ist, zeigt die Geschichte der IG BCE und ihrer Vorläuferorganisationen.

Gleichwertige Arbeit gleich entgelten

Über sechs Jahre verhandelt die IG Chemie- Papier-Keramik mit den Chemiearbeitgebern – und dann geht es doch noch in ein zähes Schlichtungsverfahren, ehe am 18. Juli 1987 in Frankfurt (Main) das Abkommen unter Dach und Fach gebracht, die Unterschriften gesetzt werden können: Der Entgeltvertrag sorgt für eine tief greifende Umgestaltung der tarifpolitischen Landschaft.

Die herkömmliche Trennung zwischen gewerblichen Arbeitnehmern und Angestellten ist aufgehoben, die unterschiedlichen Lohn- und Gehaltsgruppen werden in gemeinsame Entgeltgruppen überführt. Für vergleichbare und gleichwertige Tätigkeiten gibt es von nun an auch gleiches Entgelt. Und zwar unabhängig davon, ob diese Tätigkeiten im gewerblichen, kaufmännischen oder technischen Bereich angesiedelt sind.

DER ENTGELTVERTRAG setzt der aus dem 19. Jahrhundert stammenden diskriminierenden Unterscheidung in Arbeiter und Angestellte tarifpolitisch ein Ende – ein Meilenstein in der Tarifgeschichte. Entgeltvertrag heißt: Die Bezahlung ist (leistungs-)gerechter geworden.

Beharrlichkeit und gewerkschaftlicher Kraftentfaltung bedarf es auch auf einem ganz anderen tarifpolitischen Feld. Die Einebnung des Entgeltgefälles zwischen Ost und West ist eine Geschichte der tausend Schritte.

Vor der Währungsunion 1990 liegt der Stundenlohn eines Chemiefacharbeiters in der DDR bei 5,10 Mark, sein Kollege am Rhein bekommt 17,01 DM. Der offizielle Umtauschkurs beträgt 1:1, die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. In West-Berliner Wechselstuben schwankt der Kurs zwischen 1:7 und 1:8. Real klafft also zwischen den Entgelten in Ost und West eine riesige Lücke.

Entgeltgefälle einebnen

Diese Kluft zu schließen und nach der staatlichen auch die tarifpolitische Einheit herzustellen, sind die Leitziele aller gewerkschaftlichen Anstrengungen. Nach kräftigen Erhöhungen um 35 Prozent und weiteren strukturellen Anpassungen liegen die Tarifsätze 1991 etwa bei 55 Prozent des West-Niveaus. Auf dieser Grundlage treibt die IG BCE die Tarifangleichung voran, der Abstand wird Jahr für Jahr verkürzt. Im Frühjahr 2002 gelingt es schließlich, einen Stufenvertrag abzuschließen, der eine Entgeltanpassung bis 2009 grundsätzlich festlegt. Das Entgeltgefälle ist eingeebnet, die Tarifeinheit kommt. Unterdessen ist auch die Jahresleistung (»Weihnachtsgeld«) angeglichen, sie beträgt wie im Westen 95 Prozent eines monatlichen Bruttoentgelts.

Bemerkenswert ist zudem, dass in der chemischen Industrie die Tarifverträge eine hohe Bindungswirkung entfalten. Der Flächenvertrag funktioniert, dies ist bei Weitem nicht in allen Branchen so.

DER DEMOGRAFISCHE WANDEL passiert nicht über Nacht. Aber der Prozess läuft – und er ist unumkehrbar. Demografie ist keine Kaffeesatzleserei, Demografie beruht auf Zahlen. Die Rentner des Jahres 2080 sind bereits geboren.

Demografie und Lebensarbeitszeit

Demografischer Wandel bedeutet: Die Bevölkerung schrumpft und wird älter. Diese Entwicklung macht vor den Betrieben nicht halt. Das Durchschnittsalter in der chemischen Industrie liegt 2000 bei 40,1 Jahren. Heute sind es bereits 42,7 Jahre. Rund 27 Prozent der Beschäftigten sind zwischen 50 und 59 Jahre alt. Die Auswirkungen auf die Rentenkassen liegen auf der Hand. Deshalb hat die Politik die stufenweise Einführung der Rente mit 67 beschlossen. Doch mit dem Holzhammer – einer starren Grenze für alle – sind die Probleme nicht zu lösen. Die Belastungen in den einzelnen Berufsgruppen sind sehr unterschiedlich, viele schaffen es nicht bis zum Renteneintrittsalter, müssen vorher ausscheiden. Das allerdings bringt erhebliche finanzielle Verluste mit sich. Wer vorzeitig geht, muss Abschläge in Kauf nehmen, 3,6 Prozent pro Jahr.

Dies kann jedoch nicht die Perspektive nach einem erfüllten Arbeitsleben sein. Deshalb hält die IG BCE dagegen und nutzt ihre tarifpolitischen Spielräume. Gewerkschaftliches Ziel ist es, dass die Menschen gesund und ohne finanziellen Nachteile in Rente kommen.

Nach jahrelangen Vorbereitungen ist es am 16. April 2008 schließlich soweit, im rheinland-pfälzischen Lahnstein wird der erste große Flächenvertrag zum Thema Demografie unterzeichnet. Das Abkommen tritt zum 1. Mai in Kraft, ein ebenso symbolträchtiges wie zukunftsweisendes Datum. Die IG BCE hat den Durchbruch geschafft und erste Möglichkeiten für flexible Übergänge in den Ruhestand geschaffen.

Unterdessen ist der Vertrag »Demografie und Lebensarbeitszeit« mehrfach ausgebaut und erweitert. Heute zahlen die Arbeitgeber pro Beschäftigtem und Jahr 338 Euro in die betrieblichen Demografietöpfe ein, im kommenden Jahr werden es 550 Euro sein, 2017 folgt eine weitere Anhebung auf 750 Euro. Die Erfolgsstory geht weiter.

Tarifpolitik kennt keinen Stillstand

Gute Tarifpolitik hechelt nicht hinter der Musik her, sondern nimmt frühzeitig Einfluss. Das gilt nicht zuletzt für die Gestaltung der Arbeitszeit. In unterschiedlichen Lebensphasen herrschen unterschiedliche Bedürfnisse vor, es gelten jeweils besondere Rahmenbedingungen. Da gibt es die rentennahen Jahrgänge, die jungen Eltern oder diejenigen, die ihre Angehörigen pflegen. Zeitliche Entlastung – dieser Wunsch steht da häufig ganz oben auf der Liste. Und es gibt beispielsweise diejenigen, die familiär ungebunden oder deren Kinder schon aus dem Haus sind. Hier ist der Wunsch nach zeitlicher Entlastung weit weniger ausgeprägt.

Es kommt darauf an, die Interessen der einzelnen Beschäftigtengruppen auszugleichen. Und zwar so, dass am Ende alle am Fortschritt teilhaben. Die IG BCE kann das, das hat sie oft genug gezeigt. Das unterscheidet die Gewerkschaft von Organisationen, die ohne Rücksicht auf Verluste eine berufsständisch- egoistische Politik betreiben. Die Neujustierung der zeitlichen Beund Entlastungen – über das Arbeitsleben verteilt – zählt zu den großen Herausforderungen der kommenden Jahre. Tarifpolitik kennt keinen Stillstand.

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