Energiewirtschaft

Kraftwerker mit Herz

Datteln 4 ist vermutlich das letzte neu gebaute Steinkohlenkraftwerk in Deutschland. Es wird ab 2018 eine ganze Region mit Strom und Wärme versorgen. Und es hält den Bahnverkehr am Laufen.

Christian Burkert

(von rechts nach links) Ralf Scheel (Betriebsrat), Baustellenleiter Ingo Telöken, Betriebsratschef Holger Grzella, IBS-Chef Marco Eidner und Öffentlichkeitsbeauftragte Ilona Flechtner auf dem Dach des Kesselhauses.
27.09.2017
  • Von: Marcel Schwarzenberger
  • Fotostrecke: 8 Bilder
  • Kommentare: 0
Artikel bewerten
Danke für die Bewertung
Ihre bereits abgegebene Bewertung wurde aktualisiert.

Der Lift hält auf 115,5 Meter, es geht noch einige Treppen hinauf, durch eine Tür hinaus auf das Dach des Kesselhauses. 122 Meter über dem Baugrund. Ringsum ist die Gegend von einem Kanalnetz beherrscht; aus dem Dortmund-Ems-Kanal zieht Datteln 4 sein Kühlwasser. Der Blick reicht weit; in der Ferne sind weitere Kohlekraftwerke zu sehen: Knepper, Hamm, Scholven und andere. Die meisten sind stillgelegt.

Die große Ära der Steinkohle in Deutschland geht zu Ende; im kommenden Jahr schließt die letzte Zeche hierzulande. "So etwas geht nicht einfach an uns vorbei", sagt Holger Grzella, Betriebsratsvorsitzender Kraftwerksgruppe West bei Uniper. Grzellas Vater arbeitete im Bergbau.

Für Datteln, aber auch für andere Kohlekraftwerke, wird die Kohle künftig weltweit importiert und über Rotterdam auf Kohleschiffen herangeschafft. Und dennoch: Die Kraftwerker spüren auch Stolz auf das, was sie da geschaffen haben.

Datteln 4 gehört zu den Steinkohlenkraftwerken der neuesten Generation, die nach 2000 gebaut wurden. Es gibt in Deutschland weitere Neubauprojekte in der Warteschlange, aber niemand weiß, ob und wann sie verwirklicht werden. Datteln 4 ist wohl der letzte Neubau, der bundesweit ans Netz geht – eine historische Zäsur. Im ersten Halbjahr 2018 soll es so weit sein.

  • Arbeiten Hand in Hand: Bauleiter Torsten Reydt (links) und Reinhard Elfert.
    Foto: 

    Christian Burkert

    Arbeiten Hand in Hand: Bauleiter Torsten Reydt (links) und Reinhard Elfert.

  • Loading ...

  • Loading ...

  • Loading ...

  • Loading ...

  • Loading ...

  • Loading ...

  • Loading ...

1 /

Das Werk ersetzt bei Uniper die Anlagen Datteln 1–3, Shamrock, Knepper und andere; alle wurden bis 2014 stillgelegt. Aus Altersgründen, die Werke waren seit den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Betrieb. Auch ihre Leistung war wesentlich geringer. Datteln 1–3 wies einen Wirkungsgrad von gut 34 Prozent auf. Das brandneue Werk wird einen Nettowirkungsgrad von über 45 Prozent haben und es kann seine Stromausbeute pro Minute um 55 Megawatt drosseln oder steigern. Ein Spitzenwert, der dabei helfen soll, Stromschwankungen im Energienetz auszugleichen. Schwankungen, zu denen es etwa dann kommt, wenn Wind und Sonne nicht genügend Input liefern. Mit den erneuerbaren Energien allein, so sieht es die Belegschaft in Datteln, ist die Energiewende nicht zu schaffen.

"Jeder vierte ICE fährt mit Strom aus Datteln", sagt Techniker Marco Eidner.

In Datteln liegt zudem der wichtigste Einspeisepunkt für Strom ins Leitungsnetz der Deutschen Bahn; bundesweit gibt es nur eine Handvoll davon. "Jeder vierte ICE fährt mit Strom aus Datteln", sagt Marco Eidner. Der Techniker verantwortet die Inbetriebsetzung (IBS) des Kraftwerks. Selbst Nebenprodukte, darunter Gips, Flugasche und Grobasche, finden eine sinnvolle Verwertung in der Baubranche.

Wäre da nicht die gesellschaftspolitische Seite: Energiewende, Kohleausstieg, Initiativen gegen das Werk und neue Planverfahren bremsten das Vorhaben jahrelang aus. Die Grundsteinlegung war 2007, 2012 hätte Datteln 4 ans Netz gehen sollen. Baustellenleiter Ingo Telöken begleitete das Milliardenprojekt seit dem Planungsstart 2005. Er koordinierte manchmal mehr als 1000 Bauleute auf dem Gelände – und wurde über die Jahre notgedrungen auch zum Experten für Genehmigungsprozesse.

Bauteam und IBS-Team arbeiteten Hand in Hand. Bereits aufgebaute Komponenten mussten erhalten und getestet werden; Beschäftigte wurden an den neuen Systemen ausgebildet. So wurden die Jahre 2009 bis 2016 überbrückt, in denen auf der Baustelle teilweise Stillstand herrschte. Die immissionsrechtliche Genehmigung für die Anlage kam im Januar 2017.

Das neue Werk wird 88 Beschäftigte haben, darunter Schichtführer, Kraftwerkmeister und Verwaltung. Ob diese Zahl tatsächlich bei einer Anlage wie Datteln 4 reicht, war und ist ein beständiges Betriebsratsthema. "Wir haben noch zu wenig Erfahrung mit derart neuen Kraftwerken", sagt Grzella. In den Werken, die von Datteln 4 ersetzt werden, gab es zuvor insgesamt rund 300 Beschäftigte. Der Betriebsrat war vor der  Stilllegung der betroffenen Anlagen mit Sozialplänen, Vorruhestand, Standortwechsel von Kraftwerkern und Interessenausgleich befasst.

"Ich identifiziere mich mit meinem Kraftwerk", sagt Kraftwerkmeister Elfert.

Grzella und seinem Stellvertreter Ralf Scheel ging es auch darum, möglichst viel Expertenwissen in Datteln 4 zu halten. Auch wenn sich der Genehmigungsprozess zäh über die Jahre zog. "Wir machten einen Schritt nach dem anderen. Es hat sich immer etwas bewegt", sagt Grzella. Das motivierte auch die Beschäftigten. Die Belegschaft zerbrach nicht. "Ein Kraftwerkmeister hat uns verlassen", ergänzt Scheel. Es gab immer gut zu tun: an Wasseraufbereitung, an Hilfskesseln für die Bereitstellung von Fernwärme – Datteln hatte schließlich auch während der Bauzeit Lieferverträge zu erfüllen –, an Brennern, Turbine oder zahlreichen Nebensystemen. Allein Eidners IBS-Mannschaft umfasst über 30 Menschen.

Die Beschäftigten gingen auch zu öffentlichen Versammlungen, wann immer Entscheidungen rund um Datteln 4 anstanden. Etwa im Mai 2014, als ein neuer Bebauungsplan im Rat der Stadt beschlossen wurde. Die Kraftwerker erfuhren in der Stadt selbst viel Rückhalt; das Werk bedeutet lokale Jobs und Investitionen in die Infrastruktur. "Auch die Pommesbude um die Ecke profitiert", sagt Grzella. Und die IG BCE habe die Belegschaft – sie ist zu rund 85 Prozent organisiert – stets unterstützt, betont der Betriebsratsvorsitzende. Torsten Reydt und Reinhard Elfert sind seit Jahrzehnten Gewerkschafter mit Herzblut. Reydt ist seit 2009 beim Bau dabei; als Bauleiter Dampferzeugung ist der Dampfkessel sein täglich Brot. Elfert ist Kraftwerkmeister und gehört zum IBSTeam. "Auch während des Teilbaustopps haben wir Gas gegeben. An Spitzentagen waren rund 800 Leute nur für den Kessel da", sagt Reydt.

Als Kraftwerker sei man halt bei "der Stange geblieben". Vielen geht es wie Elfert, der von sich sagt: "Ich identifiziere mich mit meinem Kraftwerk." Er ist immerhin seit 1992 in Datteln und hat jahrelang in den älteren Anlagen gearbeitet. Aber die Beschäftigten spüren auch, wie in der Gesellschaft die Akzeptanz der Steinkohle sinkt. Zugleich verstehen sie ihr Projekt als wichtigen Beitrag für die Energieversorgung. Dieser Widerstreit sei manchmal ein Kampf, sagt Elfert. "Kraftwerker ist ein ehrbarer Beruf. Und wir machen hier alle einen verdammt guten Job!"

Weitere Informationen:

Moderationszeiten für Kommentare

Liebe Leserin, lieber Leser, Ihre Meinung zu diesem Artikel interessiert uns sehr. Das Moderatoren-Team ist an den Arbeitstagen ab 8 Uhr morgens wieder in der Redaktion und freut sich auf Ihren Kommentar.

Nach oben