Chemie-Tarifrunde

Jetzt geht's ans Eingemachte

Willkommen in der Partyzone. Die Chemieindustrie strotzt vor Kraft. Die Gewinne sprudeln. Die Aktionäre feiern. Höchste Zeit, dass die Beschäftigten von der sonnigen Stimmung erfasst werden. Dafür setzt sich die IG BCE in der Tarifrunde ein, die im September in die heiße Phase geht. Für die Forderungen nach mehr Lohn und Urlaubsgeld sowie nach einer Weiterentwicklung der Arbeitsbedingungen setzen sich die Beschäftigten in diesen Tagen mit Nachdruck ein . . . indem sie Party machen.

Frank Rogner

Auch in Leverkusen versammelten sich zahlreiche Menschen, um auf die Forderungen zur Chemie-Tarifrunde aufmerksam zu machen.
31.08.2018
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Sie haben es sich auf Liegestühlen gemütlich gemacht. Unterm Sonnenschirm neben Plastikpalmen gelegen. Gratis-Kugeln vom Eiswagen geschleckt. Oder ein kühles Getränk aus roter Dose genossen – Aufschrift: »WEIL DU ES WERT BIST!« Keine schlechten Rahmenbedingungen für die aktuellen Aktionen in der Tarifrunde Chemie. Denn es war Sommer. Und was für einer. Wie gemacht für die Forderung nach einer Verdopplung des Urlaubsgelds, die die IG BCE in die Verhandlungen eingebracht hat.

Tausende Beschäftigte bundesweit haben sich in den vergangenen Wochen an den Tarifaktionen beteiligt, um den Forderungen nach mehr Gehalt und besseren Arbeitsbedingungen für die 580 000 Menschen in der chemisch-pharmazeutischen Industrie Nachdruck zu verleihen. Haben Flashmobs organisiert, Eis ausgeteilt, Spruchbänder gemalt und auch Fotos auf chemie2018.de hochgeladen.

IG BCE

Tausende Beschäftigte setzen bundesweit Zeichen für die Forderungen, beispielsweise in Bonn...

Klar, dass in der Sommerzeit die Verdopplung des Urlaubsgelds im Zentrum stand. "Die Forderung ist völlig gerechtfertigt, weil wir sehr gute Leistungen bringen und es wert sind", fasste es Sebastian Campus, Mitarbeiter beim Rohrspezialisten Hering in Ochtrup, zusammen. Tatsächlich hat sich über gut zwei Jahrzehnte beim Urlaubsgeld in der Chemiebranche nichts mehr bewegt. Inzwischen muteten die 20,45 Euro pro Urlaubstag eher wie ein Essenszuschuss zum Urlaub an, meint Michael Schnabl, Betriebsratsvorsitzender beim Chemieparkbetreiber Infra-Serv in Gendorf. Oder wie es auf einem Spruchband beim Flashmob in Leverkusen zu lesen war: "Für Mee(h)r hat’s nicht gereicht."

Marcus Schwetasch

... oder in Ludwigshafen ...

"Die Forderung ist nah an den Lebensrealitäten, das haben wir bei den Diskussionen in den Betrieben gleich gemerkt", sagt Ralf Sikorski, Tarifvorstand der IG BCE und Verhandlungsführer in der Chemie. Für die anderen Forderungen gilt das allerdings nicht weniger: Sechs Prozent höhere Entgelte und Ausbildungsvergütungen bei einer Laufzeit von zwölf Monaten und eine "zukunftsorientierte Weiterentwicklung der Arbeitsbedingungen" stehen ebenso auf der Liste. Damit liege man im mittleren Bereich dessen, "was sowohl der Zukunftssicherung der Industrie als auch der Teilhabe der Beschäftigten gerecht wird", sagt der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis.

Die Beschäftigten arbeiteten in Zeiten vollausgelasteter Betriebe hart am Limit und leisteten enorm viel, berichtet der Konzernbetriebsratsvorsitzende der BASF, Sinischa Horvat. "Es ist ganz klar, dass dafür ein kräftiges Plus ins Portemonnaie kommen muss." Tatsächlich verzeichnet die Industrie seit Jahren eine extrem erfolgreiche und stabile Entwicklung. 435 000 Euro Umsatz erwirtschaftet heute im Schnitt ein Mitarbeiter in der Branche. Zum Vergleich: In den anderen Industriezweigen sind es nicht einmal 300 000 Euro pro Kopf.

DxO PfotoLab

... im Industriepark Hoechst...

Daran wollen die Beschäftigten ihren Anteil haben. Es wird Zeit, ihn einzuholen. Am 5. September geht’s ans Eingemachte: Dann treten IG BCE und Chemie-Arbeitgeber in die Verhandlungen auf Bundesebene ein – nachdem die Gespräche in den Regionen enttäuschend verlaufen waren.

Die Arbeitgeber sprachen von einer "Sonderkonjunktur", die sich langsam dem Ende zuneige. Die politische Debatte um Strafzölle, Iran-Sanktionen oder steigende Ölpreise mussten dafür als Begründung herhalten. "Offenbar mangelt es an harten Argumenten gegen unsere Forderung", sagt Verhandlungsführer Sikorski. "So bleibt nur, dunkle Wolken am Konjunkturhimmel zu malen."

Allerdings scheinen auch dafür die Fakten zu fehlen. Im aktuellen "Chemie-Barometer" des Verbands der chemischen Industrie herrscht eitel Sonnenschein. Im ersten Halbjahr 2018 verzeichnet der VCI ein Produktionsplus von 7,2 Prozent, ein Umsatzplus von 4,2 Prozent und ein Exportplus von 5,2 Prozent – und diesjahres 2017. Krise geht anders. Auch die Chefs der großen börsennotierten Unternehmen der Branche wollen in das Krisenlied ihres Arbeitgeberverbands nicht recht einstimmen. Viele von ihnen präsentierten gerade Rekordgewinne für das erste Halbjahr – und hoben die Prognosen für das Gesamtjahr an.

IG BCE

... auch die IG-BCE-Jugend ist dabei...

Eine Umfrage unter IG-BCE-Betriebsräten hat ergeben, dass die Großen der Branche damit nicht allein sind. "Die Situation ist hervorragend – auch im Mittelstand", betont Sikorski. Er hofft, dass sich die Arbeitgeber deshalb bei den Verhandlungen im September nicht länger mit dem Schlechtreden von Zahlen aufhalten, sondern "direkt hineinspringen in die Realitäten".

Dazu gehört, dass die chemische Industrie beim Urlaubsgeld im Ringen um die besten Fachkräfte längst nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Mit im Schnitt 614 Euro pro Beschäftigtem liegt die Branche im unteren Drittel der über Tarifverträge abgesicherten Wirtschaftszweige. Eine Verdopplung käme vor allem unteren Entgeltgruppen und Auszubildenden zugute.

Zudem geht es vielen Beschäftigten gerade auch beim Thema Urlaub um Wertschätzung. Die muss sich für viele nicht unbedingt in einem finanziellen Plus ausdrücken. "Wir können uns auch eine Wahloption vorstellen", sagt Infra-Serv-Betriebsratschef Schnabl. "Entweder das Geld – oder mehr freie Tage." Diesen Hinweis habe er in den Betrieben häufiger gehört, berichtet Verhandlungsführer Sikorski. "Diese Diskussion werden wir in den Verhandlungen aufgreifen."

IG BCE

und der IG-BCE-Bezirk Altötting.

Ohnehin hat sich die IG BCE als dritten Punkt ihres Forderungspakets auf die Fahnen geschrieben, dem wachsenden Wunsch der Beschäftigten nach mehr Zeitsouveränität gerecht zu werden. Vor dem Hintergrund wachsender Belastungen und rasant wachsender Veränderungen am Arbeitsplatz müsse dem entsprochen werden, heißt es im Forderungsbeschluss. Vor allem geht es darum, Wahlmöglichkeiten bei der Arbeitszeit zu bieten, damit sie sich stärker an unterschiedlichen Lebensphasen orientiert. "Wir müssen die Möglichkeit haben, die Arbeitszeit mal herunter- und dann wieder heraufzufahren", sagt Clariant-Betriebsrätin Andrea Böhmer. "Diesen Anspruch kann nur eine tarifliche Regelung schaffen."

In anderen Bereichen hat die IG BCE bereits Vereinbarungen zu mehr Arbeitszeitsouveränität getroffen, etwa mit dem Tarifvertrag "Lebensarbeitszeit und Demografie", über den man beispielsweise im Alter in eine Viertagewoche wechseln kann. Oder mit dem "Potsdamer Modell" in der ostdeutschen Chemie, das Wochenarbeitszeiten zwischen 32 und 40 Stunden möglich macht.

helge Krückeberg

Verhandlungsführer Ralf Sikorski

Tarifvorstand Sikorski will auf diesem Pfad weitergehen. Die Bundestarifkommission sei fest entschlossen, sich bei den Verhandlungen nicht allein auf die materiellen Punkte zu konzentrieren. "Wir wollen Anreizpunkte auf den Weg bringen", so Sikorski, "mit denen wir die Innovationsfähigkeit unserer Tarifverträge unterstreichen."

Live-Chat mit Verhandlungsführer Ralf Sikorski

Am 5. September um 18:30 Uhr – direkt nach der ersten Verhandlung auf Bundesebene – stellt sich Ralf Sikorski den Fragen der Beschäftigten im Live Chat. Hier geht es zum Chat.

Weitere Informationen zur Chemie-Tarifrunde:

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