Interview

Männer mehr in die Pflicht nehmen

Kind und Karriere? Das geht! Wir haben eine Frau getroffen, die das schon Anfang der 80er Jahre geschafft hat. Roswitha Süßelbeck ist gelernte Chemielaborantin. Nach der Geburt ihres Kindes hat sie sechs Monate ausgesetzt und dann wieder gearbeitet. Heute ist sie stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Standortbetriebsrats Bayer Leverkusen und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei Bayer CropScience.

Selina Pfrüner

"Es muss sich in den Köpfen etwas ändern, vor allem in denen der Vorgesetzten, sagt Roswitha Süßelbeck. "Es muss sich in den Köpfen etwas ändern, vor allem in denen der Vorgesetzten, damit Frauen gleiche Chancen haben", sagt Roswitha Süßelbeck.
18.03.2014
  • Von: Désirée Binder

Sind Frauen im Berufsleben wirklich immer noch benachteiligt?

Ja, an einigen Stellen.

An welchen Stellen besonders?

Frauen verdienen immer noch weniger. Bei uns im Betrieb sind es ein bis zwei Prozent weniger. Zusätzlich kümmern Frauen sich meistens um die Kinderbetreuung. Das ist mit zeitlichem Aufwand und Stress verbunden.

Wie lässt sich die ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit verhindern?

Durch Entgeltanalysen im Betrieb. Wir haben das hier mit dem Logib-D, Lohngleichheit im Betrieb – Deutschland, gemacht. Die Strukturen der Beschäftigten wurden untersucht, Qualifikationen und Berufsgruppen verglichen. Die Ergebnisse zeigten, ob es Unterschiede gibt. Gibt es sie, stellt sich die Frage: Woran kann es liegen? Dafür muss es ja Gründe geben. Wir Betriebsräte müssen dann mit den Vorgesetzten Lösungen finden.

Was sind das für Gründe?

Oft liegt es an der Teilzeitarbeit. Aber auch daran, dass Frauen die Berufstätigkeit wegen Kinderbetreuung und auch wegen Pflege in der Familie unterbrechen. Sie übernehmen die Aufgaben immer noch öfter als Männer.

Was muss sich ändern, damit Frauen gleiche Chancen haben?

Es muss sich in den Köpfen etwas ändern, vor allem in denen der Vorgesetzten. Auch Arbeitszeiten müssen flexibler werden. Wir sind dabei eine Gesamtbetriebsvereinbarung, GBV, zu verhandeln. Telearbeit und Home-Office. So können Frauen beziehungsweise Eltern bestimmte Aufgaben von zu Hause erledigen. Auch durch vorgegebene Ziele können mehr Frauen in Führungspositionen kommen.

Was für Ziele meinen Sie?

Bei der Besetzung von Leitungspositionen sollten Vorgesetzte mehr auf die Bewerbungen von Frauen achten. Viele müssen auch erst für so eine Position motiviert werden. Es ist wichtig, dass Frauen bei solchen Entscheidungen ein Thema sind.

Selina Pfrüner

Kind und Karriere? Das geht! Wie erklärt uns Roswitha Süßelbeck im Interview. Kind und Karriere? Das geht! Wie erklärt uns die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Standortbetriebsrats Bayer Leverkusen Roswitha Süßelbeck im Interview.
Wie kann der Betriebsrat helfen? Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen?

Eine hatte ich schon genannt, die Entgeltanalyse. Außerdem schlossen wir letztes Jahr im September eine GBV zum Thema Pflege naher Angehöriger ab und hatten eine Befragung zur Kinderbetreuung. Die zeigte, der Bedarf nach mehr ist da. Wir haben beim Arbeitgeber nachgebohrt. Mit Erfolg. Hier am Standort Leverkusen wird eine neue Kita gebaut. Außerdem gibt es eine große Nachfrage nach einer Kinderferienbetreuung. Dafür haben wir jetzt eine Verabredung mit dem Arbeitgeber und kooperieren mit den Bayer Sportvereinen.

Die Vereinbarungen sind für Männer und Frauen. Aber meist nehmen Frauen die Regelungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Anspruch. Sie sind selbst Mutter. Haben Sie im Beruf ausgesetzt?

Nein. Anfang der 80er Jahre gab es noch keine Erziehungszeit. Als mein Sohn sechs Monate alt war, musste ich mich entscheiden: Zu Hause bleiben oder arbeiten? Für mich war klar: Ich gehe arbeiten. Zuerst habe ich in Teilzeit gearbeitet. Das war nicht einfach. Bis zwei Wochen vor Arbeitsbeginn war nicht sicher, ob es klappt. Ich bin Chemielaborantin und da hieß es, das geht nicht. Als ich sagte, dann stelle ich meinen Sohn während der Arbeit beim Pförtner ab, ging es plötzlich doch.

Wie können Frauen Kind und Karriere vereinbaren?

Erst mal ist wichtig: Frauen müssen nicht auf eines verzichten. Sie müssen aber beides unter einen Hut bekommen. Ich kann nur raten, dass die Mütter die Väter mehr in die Pflicht nehmen. Da müssen Frauen sagen: „Du kannst auch mal schauen, wie du hierzu deinen Beitrag hier leisten kannst“.

Gerade einmal zehn Prozent aller Aufsichtsratsmitglieder sind Frauen. Wie lässt sich das erklären?

Hier gilt es, darüber zu reden. Frauen müssen ein Thema sein. Die eine Hälfte der Aufsichtsräte wird ja gewählt. Bei den gewählten Mitgliedern haben wir von der IG BCE aus die 30-30-30 Regelung. Das heißt, von den Gewerkschaftskandidaten sind 30 Prozent Frauen dabei. Die müssen natürlich noch gewählt werden. Da haben wir bei Bayer aber gute Erfahrungen gemacht. Das Unternehmen sagt auch, wir wollen den Frauenanteil auf 30 Prozent erhöhen. Oft behaupten Arbeitgeber, Frauen wollen gar nicht in diese Positionen.

Werden sie dazu motiviert?

Möglicherweise sind sie schon aus dem Rennen, wenn sie einmal Nein sagen oder darüber nachdenken. Frauen sind vorsichtiger als Männer. Sie gehen Dinge anders an.

Sie sind selbst Aufsichtsratsmitglied. Wie viele Frauen sind in diesem Gremium?

Wir sind zwei Frauen, beide von der Arbeitnehmerseite. Insgesamt sind wir zwölf Mitglieder.

Wie ist es als Frau in einer Männerrunde?

Man merkt, dass Männer am Rande mit anderen Dingen beschäftigt sind. Mit Fußball etwa. Ich habe kein Problem damit. Die Tagesordnung bei Sitzungen ist klar. Wenn Entscheidungen getroffen werden, werden Entscheidungen getroffen.

Männer gehen miteinander anders um als Frauen. Wie kann man sich in solchen Männerrunden behaupten?

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