Interview zur Tarifrunde Papier

"4,8 Prozent ist eine sehr bodenständige und realistische Forderung"

Die Tarifverhandlungen für die Beschäftigten in der Papierindustrie sind am Mittwoch, 3. Mai, in Darmstadt ohne Ergebnis geblieben. Die Arbeitgeber haben kein Angebot vorgelegt. Die IG BCE fordert eine Erhöhung der Löhne, Gehälter und Ausbildungsvergütungen um 4,8 Prozent. Die Verhandlungen werden am 16. und 17. Mai in Darmstadt fortgesetzt.  
Matthias Größig ist Betriebsratsvorsitzender der Schoeller Technocell GmbH & Co. KG in Weißenborn/Erzgebirge und Mitglied der Bundestarifkommission Papier. Wir haben mit ihm über die Situation in der Papierindustrie und über die Forderung der Tarifkommission gesprochen.

Mandy Rüger - Photo Personelle

Matthias Größig, Betriebsratsvorsitzender der Schoeller Technocell im sächsischen Weißenborn. Matthias Größig, Betriebsratsvorsitzender der Schoeller Technocell im sächsischen Weißenborn.
12.05.2017
  • Von: Wolfgang Lenders
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Wie geht es der Papierindustrie zurzeit?

Der Branche geht es im Vergleich zu früheren Jahren relativ gut. Das zeigen auch die Kennzahlen. Eine Ausnahme ist allerdings der Bereich grafische Papiere, der durch die Digitalisierung in einem Strukturwandel steckt. Dass ein Bereich strukturell ein Problem hat, darf aber nicht die ganze Tarifrunde belasten.

Wie sieht es mit den Aufträgen aus?

Die Auftragslage ist sehr, sehr gut, der Auslastungsgrad ist auch sehr gut. Ganz viele Unternehmen arbeiten die Feiertage durch, zum Beispiel Ostern. Wir haben am 1. Mai gearbeitet, und wir haben jetzt Aufträge für Pfingsten. In anderen Unternehmen sieht es ähnlich aus.

Die Tarifkommission fordert in den aktuellen Verhandlungen 4,8 Prozent Entgelterhöhung. Wie begründet ihr diese Forderung?

4,8 Prozent ist aus unserer Sicht eine sehr bodenständige und realistische Forderung. Es gibt für sie drei Hauptgründe: Wir haben eine wieder ansteigende Inflationsrate, was die Kaufkraft der Mitarbeiter schmälert. Dann steigt permanent die Produktivität, und das geht natürlich immer einher mit einer Steigerung der Belastung für den Einzelnen und einer Verdichtung der Arbeit. Das muss angemessen ausgeglichen werden. Außerdem geht es um die Sicherung der Zukunft der Papierindustrie. Wir brauchen eine Entwicklung auf der Einkommenseite, damit auch in Zukunft Menschen in dieser Industrie arbeiten wollen.

Bei den Verhandlungen haben die Arbeitgeber bislang kein Angebot vorgelegt, eure Forderung aber abgelehnt. Wie geht ihr mit ihren Argumenten um?

Die Arbeitgeber verweisen auf den Strukturwandel, und sie haben große Sorge wegen möglicher Rohstoffpreiserhöhungen. Angeblich sind sie deshalb unter großem Kostendruck. Wir sagen dazu: Es gibt natürlich Unwägbarkeiten, aber das darf jetzt nicht die Tarifrunde belasten. Wenn die Preise für Rohstoffe steigen, ist es Sache des Unternehmens, diese Preissteigerungen am Markt weiterzugeben. So etwas darf nicht zu Lasten der Kollegen gehen. Schließlich gibt es ja auch keine Lohnerhöhung, wenn die Rohstoffpreise einmal sinken.

Zur Zukunft der Branche: Obwohl sich die Welt gerade ziemlich verändert, wird es Papier ja sicher noch lange geben.

Genau, Digitalisierung heißt nicht, dass Papier wegfällt. Aber Papier wird anders benutzt. Ich komme aus einem Unternehmen, das mit der Digitalisierung sehr früh zu tun hatte. Wir stellen unter anderem Fotobasis-Papier, das Rohmaterial für klassisches Fotopapier, her. In diesem Bereich ist der Absatz seit 2005 stark zurückgegangen. Zum Ausgleich haben wir andere Papiere auf den Markt gebracht, für digitale Anwendungen. Damit sind wir wieder in die Wachstumszone gekommen. Das zeigt, grundsätzlich ist Strukturwandel durch Digitalisierung nicht unbedingt etwas Schlechtes. Man muss einfach rechtzeitig auf die Entwicklungen reagieren und sich Gedanken machen, was in Zukunft gebraucht wird.

Und wenn das nicht gleich klappt?

Der Strukturwandel wird dazu führen, dass Unternehmen vorübergehend auch mal Probleme haben. Dafür haben wir in der Papierindustrie schon seit vielen Jahren Öffnungsklauseln im Tarifvertrag verankert. Die müssen dann genutzt werden. Man kann das Problem aber nicht lösen, indem man versucht, die gesamte Fläche in der Tarifentwicklung abzukoppeln, weil wir im Strukturwandel stecken. Den haben wir in zehn Jahren immer noch.

Damit der Strukturwandel funktioniert, braucht man gute Leute. Thema Nachwuchs: Wenn man gute Leute braucht, muss man denen ja auch etwas bieten können.

Wer einen guten Stand haben will in der Zukunft, der braucht eine motivierte Mannschaft. Dazu müssen die Leute eine Perspektive für sich im Betrieb sehen. Und sie müssen eine vernünftige Einkommensbasis haben, sonst werden sie sich von der Papierindustrie abwenden oder gar nicht erst uns zuwenden. Viele Betriebe haben jetzt schon Schwierigkeiten, Auszubildende zu finden. Die richtig guten Leute kommen nicht mehr zu uns, Schichtarbeit schreckt viele junge Menschen ab. Und auf dem Arbeitsmarkt werden die Angebote für die Mitarbeiter immer vielfältiger, nicht nur für Studierte, auch für den normalen Facharbeiter gibt es zunehmend Alternativen zur Schichtarbeit in der Papierindustrie. Wir werden Mühe haben, bei dem Wettlauf um Arbeitskräfte Schritt zu halten. Erst recht, wenn wir ihnen kein vernünftiges Angebot machen können – im Gesamtpaket, und da gehört eine ordentliche Einkommensentwicklung dazu.

Wie sieht es eigentlich mit der Arbeitsbelastung für den Einzelnen aus?

Die ist extrem gestiegen. Bei uns zum Beispiel gehen viele Mitarbeiter, die im Schichtdienst arbeiten, freiwillig in Richtung Teilzeit, um sich Entlastung zu verschaffen.

Woran liegt es, dass die Belastung so hoch gegangen ist?

Aufgrund der Kostenentwicklung versuchen die Firmen, jede Lücke, die noch irgendwo da ist, zu finden und zu füllen. Damit steigt natürlich auch die Belastung innerhalb der Achtstundenschicht, da man neben dem normalen Produktionsprozess mittlerweile viele Nebentätigkeiten ausüben muss. Die Anforderungen werden immer höher, die Maschinen laufen immer schneller. Das führt dazu, dass die Menschen immer mehr belastet werden.

Macht sich das auch in den Krankenzahlen bemerkbar?

Ja, es gibt einen dramatisch angestiegenen Krankenstand, die Ausfallquoten steigen dramatisch an in der gesamten Industrie. Das hat mit Sicherheit auch etwas mit dem Thema Demografie zu tun, die Belegschaften werden älter. Aber ich glaube, es ist ebenso ein deutliches Zeichen von Belastung, dass die Leute einfach nicht mehr können.

Was lässt sich da tun?

Wir haben nicht umsonst den Tarifvertrag Altersteilzeit/Demografie abgeschlossen, der Bausteine wie das betriebliche Gesundheitsmanagement beinhaltet. Da haben Gott sei Dank eine ganze Reihe von Unternehmen etwas auf den Weg gebracht in Richtung betriebliches Gesundheitsmanagement. So eine Vereinbarung darf nicht nur auf dem Papier dastehen, es muss gelebte Praxis werden, etwas für die Gesundheit der Mitarbeiter zu tun.

Das Gespräch führte Wolfgang Lenders.

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