IG-BCE-Branchenkonferenz am 16. Mai 2019

Innovationsfähigkeit von Unternehmen - Auch ein Job für Betriebsräte

Die Welt steckt in einem radikalen Wandel, technisch, politisch und sozial. Wie wirkt sich dieser Wandel auf die Arbeitswelt aus? Und wie können ihn Betriebsräte in den vielfältigen Branchen der IG BCE gestalten? Darauf suchten Betriebsräte der IG BCE bei einer Branchenkonferenz in Frankfurt am Main Antworten.

Andreas Reeg

"Angst wäre ein schlechter Begleiter": IG-BCE-Vorstand Ralf Sikorski ermutigt, den Wandel in den aktiv anzupacken.
16.05.2019
  • Von: Bernd Kupilas

Angst vor der digitalen Zukunft? Nein, meint Ralf Sikorski, Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der IG BCE. Angst wäre ein schlechter Begleiter, sagt er in der Diskussion mit Betriebsräten, Wissenschaftler und Wirtschaftsvertretern und nennt ein Beispiel aus der Wirtschaftsgeschichte. "Als die E-Lok erfunden wurde, da wurden die Heizer überflüssig“, sagt Sikorski, "aber das hieß ja nicht, dass auf einmal eine Million Heizer arbeitslos auf der Straße standen“. Technischer Fortschritt, so die Botschaft, macht Funktionen überflüssig – nicht aber unbedingt Menschen.

Gestalten aber muss man diesen Wandel schon, zum Wohle der Beschäftigten, und da sind Betriebsräte gefordert. Das wurde auf einer Branchenkonferenz deutlich, zu der sich rund 80 Betriebsräte aus allen Branchen im Bereich der IG BCE in Frankfurt am Main auf Einladung der Weiterbildungsgesellschaft BWS trafen: Ganz gleich ob Chemie, Pharma, Glas, Kautschuk, Kunststoff, Leder, Keramik, Papier oder Mineralöl: Die Produktion in diesen Hochleistungsbranchen wird zunehmend automatisiert, sie wird effizienter, von Künstlicher Intelligenz geprägt.

Andreas Reeg

Die Betriebsräte sind gefordert, den Wandel in den Betrieben zum Wohle der Beschäftigten zu gestalten.

Digitalisierung bietet Chancen und Risiken, wird auf der Konferenz deutlich. Marianne Maehl, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei Bayer, nennt das Thema Pflanzenschutz: Durch den Einsatz von Sensoren kann genau gemessen werden, wo auf einem Feld Pilzbefall vorliegt. "Das Mittel muss dann nicht mehr flächendeckend aufgetragen, sondern kann gezielt eingesetzt werden.“ Das spart Geld und verkleinert die Belastung der Umwelt. Und die negativen Folgen? Die Entgrenzung von Arbeitszeit ist ein Trend, der den Betriebsräten auf den Nägeln brennt. Fehlende Weiterbildung in den Betrieben ist ebenfalls ein heiß diskutiertes Thema.

Digitalisierung ist aber nicht der einzige große Trend, der die Arbeitswelt gerade stark beeinflusst. Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE, umreißt die großen politischen Veränderungen. „Die Globalisierung ruckelt“, sagt er. Die USA erlassen Strafzölle, die Chinesen kaufen sich die Rohstoffe der Welt zusammen. Von harmonischem Welthandel kann gerade keine Rede sein. Zugleich sei der Klimawandel eine Herausforderung.

Umso wichtiger sei es, argumentiert Vassiliadis, dass die Politik in Zeiten der Unsicherheit die richtigen Leitplanken einzieht und sich um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen kümmert. "Es geht darum, den Kampf gegen den Klimawandel so zu gestalten, dass wir unsere Stärken nicht zerstören“, sagt er. Die Unternehmen in den Branchen der IG BCE seien "die ersten Stufen in einer zunehmend fein ziselierten Wertschöpfung“. Diese Wertschöpfungsketten seien sehr empfindlich, würden sie unterbrochen, dann "sieht es zappenduster aus.“

Wissenschaftler geben Anstöße, wie der Wandel gelingen kann. Innovationsforscher Daniel Buhr erklärt: Gerade das deutsche Wirtschaftsmodell mit sozialem Ausgleich, starken Gewerkschaften und guter Mitbestimmung könne seine Stärken in der neuen Arbeitswelt ausspielen und dafür sorgen, dass „aus technischem Fortschritt auch sozialer Fortschritt“ werde. Dietmar Horn, Vertreter des Bundesumweltministeriums, muss sich von Betriebsräten kritische Fragen nach dem Vorhaben einer CO²-Steuer anhören und verspricht: Eine solche Steuer könne es nur geben, wenn es gleichzeitig einen sozialen Ausgleich für diese Belastung gebe.

Rüdiger Baunemann, Vertreter des Kunststoffindustrie-Verbands Plastics Europe, erklärt, vor welchen Herausforderungen die Industrie angesichts der aktuellen Umweltdiskussionen steht: "Wir haben erfolgreich Kunststoffe exportiert. Was wir nicht exportiert haben, ist der verantwortliche Umgang damit.“ Hier stehe die Industrie vor neuen Aufgaben.

Iris Wolf, Leiterin der Abteilung Industriegruppen und Branchen der IG BCE, sieht die Betriebsräte gut gerüstet, um in den Unternehmen "den Finger in die Wunde zu legen.“ Aufgabe der Betriebsräte sei es "die Innovationsfähigkeit der Unternehmen zu hinterfragen – das ist nicht nur Aufgabe der Geschäftsführung“, betont sie. Wolf verspricht: "Wir werden diese Themen weitertreiben und lassen da nicht locker.“

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